TRÄNENLACHEN

Auszug

Wie du mich also deiner Großmutter vorgestellt hast, den Großtanten, deinem Großvater Galip nicht zuletzt, da habe ich deinen Stolz gespürt. Den Stolz, etwas mitgebracht zu haben, ein Geschenk für die Daheimgebliebenen. Ein ganz nettes Geschenk, es konnte auch reden. Sie kann schon Albanisch, hast du gesagt, und dann durfte ich zehn Mal am Tag meinen Satz sagen: Die Katze ist grün, Macja është jeshile. Das soll nicht klingen, als wäre ich böse. Das bin ich nicht. Ganz im Gegenteil, ich habe es genossen. Der Satz ist einer meiner Lieblingssätze geworden. Ein Satz, der ein Leben zusammenfasst. Einer der besten Sätze, die ich jemals gesagt habe. Der beste erste Satz in einer neuen Sprache, ganz bestimmt. Deine Verwandten haben gelacht, mich geküsst, auf die Wangen, die Stirn, mir in die Backen gezwickt, ich sei so gesund und hätte so lange Beine. Der Tisch mit den aufgeschnittenen Wassermelonen wurde nie leer. Eins nach dem anderen trugen die Tanten neue Teller auf, gefüllt mit Essen. Eure Großzügigkeit, eure Gastfreundschaft, die müsste man in einen Tiergarten stecken, hinter Gitterstäben vor der anstürmenden Menge beschützen, mit einem überdimensionalen Schild davor: Vom Aussterben bedroht.

(…)

Hier ist die Nacht noch dunkel, sind die Straßen nicht beleuchtet. Ein Herr im grauen Anzug läuft am Rand der Autobahn Richtung Tirana. Hinter der nächsten Kurve steht ein neonrot erleuchtetes Kreuz zwischen den Bäumen. Dieses Kreuz hat es vor zwölf Jahren, als ich zum ersten Mal in die Gegend kam, noch nicht gegeben. Auf einmal bricht die Straße ab. Instandhaltungsarbeiten, ruft mir ein Polizist, der das Ende der Straße mit seinen Armen markiert, die Handflächen als Stopp hinhält, durchs Autofenster zu. Um weiterfahren zu können, muss ich warten, bis die Teerarbeiten vollendet sind. Ich warte. Der weiße Mercedes vor mir hat einen deutschen Aufkleber „Sicher zur Arbeit, sicher nach Hause“. Kurz vor Tirana passiere ich eine umgefallene Tankstelle. Die Dachplatte steckt neben den Zapfsäulen an zwei Ecken im Boden. You are my sunshine, my only sunshine, you make me happy,when skies are grey. Die Sängerin ist eine Sonnenblume aus Stoff. Der Stiel von grünem Plüsch windet sich, wenn sie singt. Die Musik erklingt aus dem Topf. Niemand grinst. Alle schweigen. Ich bestelle ein Glas Wasser, bezahle das Benzin. Das dicke Barmädchen drückt auf die Taste der Kasse, die Lade mit dem Wechselgeld springt heraus. Die Blume ist still. Das Mädchen gibt mir ein paar Münzen über den Tresen. Die Blume beginnt zu singen. Ich lächle das Mädchen verschwörerisch an, wir wissen beide, singender Plüsch ist nicht ernst zu nehmen. Sie packt die Stoffpflanze mit Mörderblick. Das Messer hat sie gleich zur Hand. Sie sticht in den Topf, von oben, da hinein, wo die Erde wäre, handelte es sich um eine natürliche Pflanze. Die Sonnenblume singt unbeirrt weiter. Sie schneidet ihr den Stiel durch. Die Plüschblüte fällt auf den Tresen, zwischen schmutzige Tassen und Löffel.

Zwischen acht und neun Uhr abends ist in Tirana jeder beim „Taiwanesen“, ein kürzlich eröffneter moderner Restaurant-Café-Komplex, in dem die Toiletten ununterbrochen von weißbeschürzten, Gummihandschuhe tragenden, gut gekämmten Mädchen gesäubert werden, obwohl sie glänzen, wie ich selten Fliesen glänzen habe sehen. Der Taiwanese hat seinen Namen von einem chinesischen Restaurant, das sich früher einmal hier befunden hat. Obwohl im jetzigen Bauwerk alles serviert wird, nur bestimmt kein Gericht aus Taiwan, dient die Bezeichnung noch immer als einzig untrüglicher Code, einem Einheimischen besagten Ort zu beschreiben. Der Taiwanese liegt unter einer blauen Kuppel neben einem in allen Farben Wasser speienden Brunnen. Zwischen den Häusern dahinter öffnet sich ein freier Platz, der jetzt, am frühen Abend, voll besetzt ist mit kaffeetrinkenden Menschen. Es ist der Treffpunkt, den ich mit Galips Cousin ausgemacht habe. Seitlich in den Bänken lehnen Jugendliche, reden nichts, spielen mit ihren Mobiltelefonen, trinken Kaffee. Sobald ein Tisch frei wird, eilen sofort neue Kaffeetrinker hin. Sie warten am Rand der gepflasterten Fläche, auf der die Sessel und Tischchen stehen, in der Wiese, oder am Rand des Springbrunnens. Ich eile auch und bestelle zwei Kaffee. Der zweite ist für Galips Cousin, auf den ich warte. Serviert werden Getränke, die wir kleine Schwarze nennen würden. Der eine ist fast doppelt so groß wie der andere. Als ich nach einem Glas Wasser frage, wirft der Kellner verneinend den Kopf in den Nacken. Es gibt gerade kein Leitungswasser. In den meisten Häusern Tiranas rinnt das Leitungswasser nur zu gewissen, festgesetzten Tageszeiten. Die ganze Nacht und den Großteil des Tages über gibt es nur Wasser aus den Reservoirs auf den Dächern. Neue Badezimmer haben alle.