ZWEISCHRITT (Seite 70 ff.)

Auszug

Wir hatten beide einen Hund. Seiner war braun und besaß ein weiches Fell und eine feuchte Schnauze. Meiner war blau und aus Plastik. Der seine war groß genug, die Schnauze auf die Platte eines Tisches zu legen. Meiner passte ins Innere eines Eies. Tatsächlich kam er aus einem Ei. Das Ei war aus Schokolade und ich hatte es zusammen mit zwei anderen Eiern gekauft, als ich einmal einige Leute zu mir nach Hause einlud. Zwei von ihnen hatten Kinder, und die Eier mit der Überraschung darin sollten sie eine Weile beschäftigen. Das dritte Ei war als Reserve gedacht, falls unerwartet ein weiteres Kind auftauchen sollte, oder als Scherz für einen der übrigen Besucher, falls es sich ergab.
Das Fest war aber anders verlaufen. Es war ein Fest ohne Gäste. Auf dem Tisch standen fünfzehn leuchtend blaue Gläser, drei Schüsseln mit Knabbereien, ein Kuchen, zwei Salate, belegte Brote, genug Nahrung für mehr als zwanzig Besucher. Niemand kam. Ich setzte mich und las. Langsam schenkte ich mir in eines der Gläser etwas Weißwein nach. Nach ein paar Stunden kamen die beiden mit den Kindern. Die zwei Kleinen fraßen ihre Eier im Nu, bauten zusammen, was sie darin fanden, waren erst schüchtern, dann fröhlich, und als sie gingen, stahlen sie mir einen kleinen König aus Plastik, der auf der Heizung gestanden hatte, und zwei winzige Flugzeuge aus der Küche.

Die Konversation mit Objekten ist eine eigenartige Sache. Jeder weiß, ein Ding ist ein Ding – in bestimmten unverrückbaren Kombinationen angeordnete Materieteilchen. Und obwohl jeder das weiß, hat jeder bestimmte Dinge, die ihm wichtig sind, so wichtig, dass er weinen würde, nähme man sie ihm weg oder zerstörte sie gar. So stark ist das Gefühl für gewisse Gegenstände, dass es auslöst, was unter Umständen nicht einmal der Tod eines Freundes zuwege bringt. Der Wert dieser Objekte ist für das Ausmaß der Zuneigung – denn wie anders soll ich es nennen – die wir ihnen gewähren, zweitrangig. Ein Gegenstand, ein Stück Holz, Metall, Stein, erwacht zum Leben. Ein Stück Plastik verwandelt sich in einen Freund. Der blaue Hund nahm mich an der Hand und führte mich fort, an einen Ort, der Kindheit hieß. Kinder lieben ihre Puppen. Kinder sind oft allein und fühlen sich nicht allein. Für ein Kind ist ein Stück Stoff mit Augen das schönste Wesen der Welt. Für mich war ein Stück Plastik mit Augen an besagtem Tag, dem Tag, als die Gäste ausblieben, das intelligenteste Wesen der Welt. In dieser Hinsicht hatte ich mich nicht verändert, seit ich fünf war. Fünf ist eine magische Grenze. Weil wir uns selten daran erinnern, was vorher war. In der Erinnerung beginnt das Leben mit fünf. Solche Gegenstände, Spielsachen, Plastikhunde – Dinge, denen wir Leben eingeflößt und so einen Moment lang Gott gespielt haben, ein Gott waren und zwar nicht an einem Sonntag, sondern an einem Montag, und mit Erfolg - erinnern uns daran, wie es war, als wir noch alles für möglich hielten. Das Plastik lebte.

Darum mochte ich Kinder. Wenn es echte waren, glichen sie Verrückten, und in diesem Sinne auch mir. Sie redeten viel, wenn sie müde waren, wollten dann alles auf einmal, als wären dies die letzten Sekunden ihres Lebens, und sie verpflichtet jede einzelne davon mit maximaler Energie zu nützen. Sie saßen locker, wenn es gut ging, die Glieder strotzend vor Entspannung. In dieser Hinsicht glichen sie Tieren, warmen, weichen. Der Bub zum Beispiel, den ich kürzlich im Zug beobachtete. Er konnte gerade seinen Namen schreiben und brachte ihn auf allem Beschreibbaren an, das er im Abteil fand. F-r-a-n-c-e-s-c-o. Auf den Zugtickets seiner Mutter, Prospekten, Zeitungen. Francesco. Er plauderte unentwegt, während er schrieb. Erzählte von einer Werbesendung, die er im Fernsehen gesehen hatte. Von einem Mann, der ein Weckerl aß. Ein anderer Mann kam und biss ihn in den Arm. Der Bub definierte die Objekte seiner Erzählung genau, präzisierte, wer der andere war und wer der eine und wie der sich um seine Achse gedreht hatte, als der andere ihn biss. Nicht wie einer eine Runde macht nämlich, keine Drehung eines Spaziergangs, nein, um die eigene Achse drehte er sich, wie ein Kreisel. Was mir an Kindern gefiel und was ich gerne mit ihnen gemeinsam gehabt hätte, war diese vollständige Verinnerlichung jeder Aktivität, der sie nachgingen. Nichts taten sie halb, weil sie sich verpflichtet fühlten, einen Schein zu wahren. Echte Kinder taten, was sie brauchten, wozu sie Lust hatten, und mit vollem Einsatz. Das Plastik lebte.

Moors Hund musste hinaus, denn er war nicht aus Plastik. Er hasse es, zu Fuß zu gehen, täte es nur dem Hund zuliebe, erklärte er beiläufig. Das Gehen langweile ihn. Als Kind hatte er sich gewünscht, es möge neben den Gehsteigen wassergefüllte Bahnen geben, in denen man schwimmen durfte, wenn man nicht laufen wollte. Ich hatte mir als Kind gewünscht ein Indianer zu sein. Ich war ein Indianer gewesen. Ich saß in den Bäumen, wie ein Eichhorn, und schaute auf die „gewöhnlichen“ Menschen hinunter, ohne dass sie mich sahen. Sie waren meine Feinde. Ich legte mir Vorräte aus Eicheln, Nussschalen, Steinen und Moos an und versteckte sie an bestimmten Orten in hohlen Stämmen. Manchmal fand ich sie später nicht wieder. Dann ging ich davon aus, dass Feinde sie mir geklaut hatten. Manchmal besaß ich einen Schatz und vergrub ihn. Die Schätze stahlen die Feinde nie. Sie waren zu gut versteckt.