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Wer Worte sucht, braucht Münder, die sie aussprechen. Ohne Münder gäbe es keine Worte, ohne Mund spräche niemand, nicht einmal du und ich, nur heulen würden wir und kreischen, wie Wölfe und Fledermäuse. Es wäre schön. Wer das Schreiben liebt, die Stille liebt, braucht Menschen und Lärm, um Worte zu lernen und Ruhe. Die meisten Leute reden gerne. So verbringen sie ihre Freizeit. Ob sie etwas zu erzählen haben, ist zweitrangig. Wie der Appetit beim Essen kommt, ergibt sich das zu Erzählende beim Reden. Und wenn sie nichts wissen, bewegen sie einfach den Mund und fabrizieren Laute, wie wir sie schon von Kind an kennen. Damit beruhigen sie einander und vergewissern sich, dass sie noch alle da sind. Wer könnte es ihnen übel nehmen?

Das Mädchen mit der rosa Brille starrt mich an. Lange und ohne den Blick abzuwenden, starrt es, bevor ich zurückstarre. Es trägt die Haare in fünfzig Zöpfen und eine rosa Jacke. Während wir starren, lächeln wir nach einer Weile mit zusammengepressten Lippen. Bis die Mutter, sie trägt auch viele Zöpfe, aber keine fünfzig, sagt, dreh dich um, schau nach vorne. Vorne ist die Kontrollröhre, wo das Gepäck durchleuchtet wird. Wir stehen am Flughafen in der Reihe derer, die auf den Check-in warten.
Nach der Landung am anderen Ende der Welt sehe ich das Mädchen mit der rosa Brille wieder. Es macht einen Handstand am Gehsteig vor dem Flughafen. Einmal wirst du mit beiden Händen in Hundsdreck greifen, sagt die Mutter zu ihrer Tochter. Es ist Heiliger Abend, für die Christen. Jemand läuft auf Händen.

Als das Mädchen erwachsen geworden ist, trifft es einen Mann.
Der Mann verwandelt sich in eine Traube.
Das Mädchen isst sie.
Um ihn zu schützen, sagt sie.
Ich komme langsam dahinter: er hat etwas Furchtbares getan und soll dafür mit dem Tode bestraft werden. Um sich zu retten, hat er sich in eine Traube verwandelt und lässt sich essen.

Sie dreht die Sanduhr in ihrem Herzen, die Zeit verrinnt und bleibt doch im Glas.

Quero ser equilibrista de galinhas! Ich wäre gern einer, der mit Hühnern jongliert. Einst war ich Nussknacker, jetzt bin ich in Pension. Eines Tages fiel ich vom Himmel und dachte mir, wer hat mich fallen gelassen? Ich hatte mir nichts gebrochen.

Mein Aufbruch endet jedes Mal damit, dass ich einen halben Liter Milch trinken muss und eine Banane ins Tiefkühlfach lege. Damit in meiner Abwesenheit nichts verrottet. Dann gehe ich los. Unterwegs fühle ich jede Sekunde, und doch fange ich nichts mit ihr an, atme kaum, weil die Klimaanlage alle Sauerstoffteilchen aus der Luft saugt, halte den Atem an, einen ganzen Tag lang. Und verlebe die Zeit.

Jetzt steige ich in den Zug, der vom Flughafen ins Zentrum fährt. Das bedeutet: zum Hauptplatz. In die Nähe des Hauptplatzes. In die Nähe eines Platzes, den die meisten Bewohner der Stadt für den schönsten Platz halten. Den der Bürgermeister der Stadt für den wichtigsten Platz hält. Den die Römer einst angelegt haben, weil dort die einzige flache Stelle zwischen den Hügeln war. Ein Platz, der auf jeden Fall an die Fassade eines großen Bauwerks grenzt.
Im Zug habe ich einen Sitzplatz reserviert. Die Nummer steht auf meiner Fahrkarte. Eine Viertelstunde lang suche ich nach dem Platz mit dieser Nummer. Er existiert nicht. Ich setze mich einfach auf einen freien. Bei der nächsten Haltestelle steigt eine Mutter mit drei Kindern und vier Einkaufstaschen ein. Sie sagt, der Platz gehöre ihr. Gewiss, sage ich, hebe ihre Taschen ins Gepäcknetz und eines der Kinder in den Sitz. Den Rest der Fahrt verbringe ich stehend im Gang.

Zwei Menschen sitzen auf diesen ausklappbaren Sitzflächen. Sie schlafen, übereinander gefaltet, der eine den Kopf auf den Knien des anderen, der andere den Kopf auf dem Rücken des einen. Manchmal wechseln sie und der, dessen Kopf auf den Knien gelegen hat, kommt auf dem Rücken zu liegen.
Zwei Schwestern verabschieden sich. Die eine steigt ein. Sie trägt einen knöchellangen Daunenmantel. Die andere winkt am Bahnsteig. Es beginnt zu schneien. Ich bin in meine Schi verliebt. Wären sie ein Mann, würde ich sie ins Bett mitnehmen.

Wenn er mich zum Bahnhof bringt, wartet er nicht am Bahnsteig, bis der Zug abfährt. Sobald ich eingestiegen bin, dreht er sich um und verschwindet in der Unterführung, die zum Ausgang führt.
Menschen sind Egoisten. Es ist gut, dass sie es sind. Kümmern sie sich nicht um sich selber, bekümmert sie niemand; mögen sie sich selber nicht, mögen sie gar nichts.

Er habe mich an meinem Gang erkannt, am Gang meines Großvaters, wiederholt er, als er mich begrüßt. Er war der erste, der mir eine Fata Morgana gezeigt hat. Ein berstender blendender Lichtstrahl, der auf intensive Weise die Zukunft des neuen Tages erhellt und dem Menschen, der ihn trägt, den Willen auferlegt, neue Welten zu bauen.
Ein fliederfarbiges Haus gegenüber einem fliederfarbigen Baum.
Murmeltiere, mager nach dem Winter.
Dörfer, die Ameise heißen, oder Nelke.
Eine Bar, ganz in weiß. Die Atmosphäre ist angenehm. Die Musik. Die Getränke. Die Leute. Doch alle sitzen leicht verkrampft, vornüber gebeugt, ungemütlich. Und keiner sagt etwas darüber.

Eines Tages ging er in die Bar, und schnitt dort jemandem die Kehle durch. Sie schnappten ihn sofort, denn er unternahm keinen Versuch zu entkommen. Neben der Bar befand sich sogar ein Polizeibüro. Warum er das getan habe, fragten sie ihn. Er könne sich nicht mehr gut an seinen Gedankengang erinnern, meinte er, aber es sei notwendig gewesen.

Immer wieder setzt man mir Friedhöfe vor die Nase.
In jedem Dorf, in das ich komme, werden sie erneut aufgestellt.

In ihrem Dachgarten setze ich mich unter einen Hagebuttenstrauch. Die roten Früchte glänzen in der Sonne, wie zuhause. Manche schrumpeln ein bisschen. Zwischen Daumen und Zeigefinger schrumpelt meine Haut. Sie erzählt, dass er orangefarbige Tränen heult, seit sie ihm orangefarbige Flüssigkeit in die Venen pumpen. Vorher haben sie ihm weiße Flüssigkeit in die Venen gepumpt, da hat er noch nicht geheult. Es ist das erste Mal gewesen, dass sie ihn heulen gesehen hat; dass er sie heulen gesehen hat, weil sie ihn heulen gesehen hat, und da war es gleich orange.
In der Mitte des Raumes hängt ein dickes Seil von der Decke. Falls einer von uns die Hoffnung verliert, sagt er, dann ist alles vorbereitet, und man muss nicht zum Eiffelturm fahren oder zum Montparnasse. Man kann es zuhause erledigen. Die Einrichtung eigne sich für kleine Teams von maximal einer Person.

Zerstreut fahre ich von der Arbeit nach Hause, denke daran, dass es Leute gibt, die orange weinen und lenke den Wagen versehentlich auf die Ladefläche eines Lasters, der die Straße blockiert. Während der Laster sich in Bewegung setzt und ich nicht weiß, wann er wieder anhalten wird, denke ich mir eine Geschichte aus, in der der Teufel sich für einen Engel hält, und der Engel sich für einen Teufel.
So könnte sie anfangen: Momentan herrschte eine Trockenperiode im Land. Die Erde brach, ausgedörrt. Von den Wäscheleinen, wo sie zwischen feuchten Socken und Unterwäsche eine letzte Zuflucht gesucht hatten, hingen vertrocknete Regenwürmer. Er hatte es in der Zeitung gelesen, die einer der Fabrikarbeiter, die in die Frühschicht fuhren, liegen gelassen hatte. Von ihnen war nichts zu erwarten. Deshalb begann er später.
Manche stört es, wenn ich über sie schreibe. Nicht, weil ich Schlechtes über sie sage, sondern weil ich ihnen einen Spiegel vorhalte. Der Spiegel beschlägt, wenn sie ausatmen, und liefert so den Beweis dafür, dass sie leben. Vielleicht wollen sie keinen Beweis, weil es ebenfalls ein Beweis dafür ist, dass sie sterben werden.