Cività

Bei den Albanern Italiens

Die Kappen auf den Schornsteinen sind weithin sichtbar. Bereits von der sich in die Berge schlängelnden Strasse, die hinter dem Dorf nicht mehr weitergeht, kann ein ankommender Besucher seltsame krugförmige Gebilde aus Stein oder Metall auf den Dächern der Häuser von Cività ausnehmen. Je größer und reicher ein Haus wirkt, desto wertvoller scheinen auch die Verzierungen seiner Rauchfänge. Wen wollen die Bewohner mit ihrem Dachschmuck anlocken, da sie doch augenscheinlich an keine Krampusse oder Christkinder glauben, denen man anderenorts auf diese Weise eventuell einen besonderen Empfang bereiten hätte können? Nein, dieser Schmuck dient nicht um jemanden Willkommen zu heißen, im Gegenteil, ferngehalten sollen sie vor allem werden, oder vielmehr eingefangen, die unwillkommenen Besucher aus den Lüften, die bösen Geister, möglicherweise noch böseren Wünsche Vorbeigehender, die dem Besitzer des Hauses neidig sein könnten, und ihm Tod und Teufel an den Leib wünschen. All diese Flüche und übelwilligen Geister fallen beim Versuch ins Haus einzudringen in die Schornsteinkapuzen und können nicht mehr heraus, sodass der Bewohner vor allem Übel gefeit ist. Ist man zu arm für teure Verzierungen, kann man auch einfach einen Krug oder eine Vase aufs Dach stellen. Das sagt mir Demetrio Emmanuele, der beredtste Museumsführer, den ich je erlebt habe.


Zwei Stunden lang hat er mich in seinem zwei Räume umfassenden Museo di cultura albanese herumgeführt, und mir jedes Foto, jede Flagge, jedes Holzstück, ja beinahe jeden meiner eigenen Gedanken, bevor ich ihn noch zu Ende gedacht hatte, ausführlich erklärt. Ein vielfarbiges Poster mit einem blauen Europastern im rechten unteren Eck verkündet, në Evropë ka shume gjuh: katalan, frison, baske, edhë shqipë (in Europa gibt es viele Sprachen: Katalanisch, Friesisch, Baskisch und Albanisch). Wir befinden uns im einzigen „Museum der albanischen Kultur“ Italiens. Das Herz der seit mehr als fünfhundert Jahren in Italien lebenden albanischen Minderheit schlägt im grünen Zentrum des Südens, den Bergen des Pollino, seit einigen Jahren in die offizielle Liste der Nationalparks des Landes aufgenommen. Hier haben begeisterte Albaner, von denen die meisten niemals im Mutterland ‚Albanien’ gewesen sind, alles zusammengetragen, was sie an ihre Geschichte und Herkunft aus dem Balkan erinnert, Werkzeug, Küchengeräte, Steine einer mittlerweile mehrmals eingestürzten Brücke, Gedichtbände, Urkunden, Stoffreste, eine Spindel, ein Webstuhl, die Nähnadel der Großmutter des Museumsgründers, und Fotos, vor allem viele viele Fotos, Dokumente der Anfangszeiten der Fotografie, Gruppenbilder von Herren in ordentlichen Anzügen, ein anderes von einer Familie beim Herd in der Küche.


In zwei Glasvitrinen stehen bunt bekleidete lebensgroße Puppen, eine männliche und eine weibliche. Die weibliche trägt einen goldenen Schleier zu ihrem langen Rock, während die männliche mit einfachen baumwollenen Hosen, einem Hemd und einer Fellweste bekleidet ist. Das seien die Kleider gewesen, die ein Krieger zu Zeiten Skanderbegs trug, sagt Demetrio, die Frau wiederum trüge das traditionelle Hochzeitskleid, der Schleier sei üblicherweise aus echtem Gold, dieser hier allerdings eine billige Kopie. Früher hätten sie ihre ganze Jugend lang gespart, um sich zur Hochzeit mit gewebtem Gold bedecken zu können; seien sie jedoch bitterarm gewesen, hätte das ganze Dorf zusammengezahlt, um der Braut dennoch ihren goldenen Schleier geben zu können. Das wäre heute nicht mehr so, nur wenige Familien gäbe es in der Gegend, die noch einen echten Goldschleier besäßen, doch ließen sich die meisten Mädchen zur Hochzeit ein albanisches Kostüm nähen.


Das Kleid in der Vitrine ähnelt den Kleidern, die ich in Tirana als albanische Hochzeitskleider vorgeführt bekommen habe gar nicht sehr. Der Krieger daneben, sieht aus wie ein Hirte aus einem Film der Gebrüder Taviani. Ich stimme ein in die Bewunderung meines Führers für einen Skanderbeg, der mit derartig schlecht ausgerüsteten Kriegern doch gegen die Türken zu kämpfen wusste. Sag einmal Skanderbeg, sagt er, aha, du sprichst das ganz anders aus, so sprechen sie das in Albanien aus, nicht wahr, wir sagen nicht Skanderbejo, - Skanderberrg sagen wir hier. Georg Kastriot Skanderbeg, dem es gelungen war, sich im albanischen Kruja fünfundzwanzig Jahre lang gegen die osmanische Übermacht zu behaupten. Im November des Jahres 1443 hatte er von der höchsten Stelle der Stadt aus, da wo heute noch eine Burg steht, die Unabhängigkeit Albaniens ausgerufen, und ein Viertel Jahrhundert hindurch verteidigt. Als er schließlich doch besiegt wurde und flüchten musste, erhielt er von einem befreundeten italienischen Fürsten ein Stück Land im Süden Italiens, wo er sich mit seiner Familie niederlassen konnte. Da ihm aber viele seiner Landsleute ins Exil folgten, mussten diese auch irgendwo untergebracht werden. Man wollte sie wiederum nicht allzu sehr verwöhnen, so der unaufhaltsame Redefluss Demetrios, und schickte sie folglich in Gebiete, die kurz davor von Erdbeben verwüstet und daher von den ursprünglichen italienischen Bewohnern verlassen worden waren. Unwegsame, bergige Gegenden waren das, in denen man diesen Albanern ohnehin nur geringe Überlebenschancen gab. Aber, stark und unbeugsam, wie sie waren, hatten sie all die zerstörten Dörfer neuer und schöner wieder aufgebaut, und das seien nun zum Beispiel Cività, Spezzano, San Paolo und all die anderen Orte Kalabriens und der Campania geworden, hinter deren Namen auf der Karte ein Albanese zu finden wäre. Die unwirtlichen Berge hatten sie nicht abgeschreckt, im Gegenteil, an ihre Heimat erinnert, und daher zu noch mehr Eifer angespornt. Skanderbeg starb dann im italienischen Exil, wurde aber in der Erde seines Heimatlandes beigesetzt.


Dieselbe Geschichte hatte ich bei einem Besuch in Kruja, Jahre vorher, in einer leicht abgewandelten Version gehört. Da nämlich, starb der Held Georg Kastriot im Gefecht um die letzte albanische Zitadelle, nicht ohne vorher die Türken davon abgehalten zu haben, bis nach Wien vorzudringen und noch weiter. „Im Grunde habt ihr es unserem Skanderbeg zu verdanken, dass Österreich nicht auch zum osmanischen Reich gehört hat“, wurde mir damals in Kruja eingeschärft. In einem sind sich alle Albaner einig, Georg Kastriot Skanderbeg ist der Held aller Helden. Und der in Tirana produzierte Kognak trägt seinen Namen.


Wir gehen die Treppe hinunter ins Erdgeschoss, wo neben allerhand Büchern über die Arbërëshë, einzelnen Bildbänden zur Flora und Fauna des Pollino, auch einige Stapel der vor Ort herausgegebenen Zeitschrift „Katuni Ynë“ (Unser Land) stehen. Demetrio überreicht mir mit stolzem Lächeln zwei Exemplare, auf einem davon, der Märznummer des Jahres zweitausend, steht auf der Rückseite das albanische Alfabeth nach dem Kongress von Manastir in 1908. Ihren Herausgeber, Emanuele Pisarra treffen wir vor der Tür, als wir auf den Platz hinaustreten. Es scheint ihn, wie auch schon Demetrio zuvor, keineswegs zu wundern, dass ich Albanisch spreche. Doch sprechen sie beide lieber Italienisch mit mir. Erst einer der älteren grauhaarigen Herren, die draußen am Dorfplatz sitzen, links von der Metzgerei, gegenüber des Brunnens, der allerdings momentan kein Wasser führt, antwortet mir in seiner Muttersprache, und gibt zu, dass seine an eine fünfhundert Jahre alte Form des Albanischen gewöhnten Ohren, auch die moderne Version dieser Sprache ganz gut verstehen können. Er spricht sorgfältig, äußerst höflich und zurückhaltend sind die Worte, die die Leute in Cività untereinander gebrauchen. Einer aus der Runde wird von seinem Bruder angerufen, I bukuri, ruft er ins Telefon, ciao bello. Sollte es so sein, dass Sprachen im Laufe der Zeit an Höflichkeit und Umgangsformen verlieren? Langsam immer mehr aus Stichworten und Befehlsformen bestehen? „Was heißt ‚la volpe’ auf Deutsch?“, fragt mich der ältere Herr, der ausgezeichnet Schweizerdeutsch spricht, von 1954 – 1972 hat er in Luzern gearbeitet, seine Kinder sind dort geboren, arbeiten jetzt aber in Mailand. Ohne zu zögern oder nachzudenken nennt er die Jahreszahlen, als wären es feste Daten, die er täglich brauchte, wie die Telefonnummer seiner Tochter, oder das Geburtsdatum seines Sohnes. Der Fuchs, ja genau, er lacht laut auf, Wölfe gibt es auch hier, viele, sehr viele, weiter in den Bergen, ich weiß alles von diesen Bergen hier, auch Wildschweine gibt es viele, im Winter kommen sie mit ihren Jungen oft bis zum Brunnen hier, seit nicht mehr gejagt wird, da wo du jetzt stehst stehen sie dann.


Ich möchte mich langsam verabschieden, ins Gasthaus um die Ecke gehen, wo einem die Speisekarte im Fenster Spezialitäten der Region verspricht, die mich tatsächlich sehr an die Küchen meiner albanischen Freunde erinnern, ein Gericht aus Bohnen und Gemüse, all diese sogenannten Antipasti, die eigentlich Beigerichte sind, und jede Menge Ziegen und Schweine natürlich. Kaum kann ich es glauben, dass die Leute mitten in Italien auf einmal so kochen, wie ich es sonst eher aus Shkodra kenne. Ciao, sage ich versuchsweise, und winke verabschiedend. Doch bevor ich gehe, muss mir Emanuele noch die Herkunft des Namens seines Dorfes erklären. Begeistert zeichnet er mit den Händen die Umrisse eines Raubvogels in die Luft. Cività sei die italienische Version des albanischen Çifti, womit ursprünglich ein Paar Geier gemeint waren, die sich mit der Zeit jedoch in ‚ein Paar großer Vögel’ verwandelt hätten. Und da der Adler der König aller Vögel sei, wäre den Leuten langsam diese Bezeichnung lieber geworden, was begreiflich mache, warum heute der Name des Dorfes meist mit ‚Adlernest’ übersetzt würde.


Im zeitgenössischen Albanisch ist von den Vögeln nur noch das Paar geblieben, und wenn heute in Tirana von einem çifti die Rede ist, wird meist gleichzeitig verstohlen auf zwei junge Leute an der gegenüberliegenden Straßenseite gewiesen, die eng umschlungen nebeneinander spazieren und aller Voraussicht nach demnächst heiraten werden.


Ich frage ihn noch, ob er gerne in Albanien leben würde, wo alle seine Sprache sprächen, und er keine Minderheit mehr wäre. Entsetzt schüttelt er den Kopf, die Albaner haben uns enttäuscht, wissen nicht mehr, wie man richtig spricht, wie man sich benimmt; zu Hause fühle ich mich, wenn meine Mutter zu mir beim Essen in unserer Sprache spricht, sollte ich mich in Albanien zu Hause fühlen, dann müssten zuerst alle Albaner dort weg. Dann ja, dann könnten wir das Land dort neu aufbauen. Ich bin stolz darauf ein italienischer Albaner zu sein, das ist es, was ich bin, Italiener und Albaner zugleich.


Beim endgültigen Abschied bemerke ich, dass dem Arbërëshë-Spezialisten drei Finger seiner linken Hand fehlen. Später sehe ich, dass er auf allen Fotos, die wir im Museum gemacht haben, die Hände in den Hosentaschen hat.


Als ich tags darauf mit einem albanischen Freund, der in London lebt, telefoniere, und ihm rate, sich diese Dörfer doch anzuschauen, wenn er Gelegenheit hätte nach Italien zu reisen, sagt er, interessant, ich wusste gar nichts von diesen italienischen Albanern.

 

Amsterdam, 14. November 2003