„...die Leute merken jetzt, dass du aus Österreich kommst,
wo die Füchse Gutenacht sagen“

Bernhards „Preise“

Ein Geschenk stellt eine Beziehung her. Es ist kein Geschäft, in dem es um den bloßen Austausch von Gütern geht. Ein Preis sollte ein Geschenk sein, ist oft ein Geschäft. Wie ein Orden, mit dem man den Soldaten drapiert, wenn er überlebt hat, ist ein Preis etwas, an dem Verantwortung hängt; seine Annahme, ein Versprechen. Im Fall eines Schriftstellers mindestens das Versprechen, für die Sprache ins Feld zu ziehen. Die Eroberungen aber bestehen nicht im Abringen von Land, das anderen gehört, nicht im Wegnehmen, sondern im Hinzufügen. Der Erschaffung von Land aus dem Nichts. Eine Bereicherung zu Kosten von niemandem.
In dieser Hinsicht hätte sich Thomas Bernhard wahrlich nichts vorzuwerfen, wenn er beschreibt, wie es ihm beim in Empfang nehmen der Auszeichnungen erging, mit denen er, ab Erscheinen seines Romans „Frost“ (1963), doch in erklecklicher Zahl bekrönt wurde. Neun Preise - neun Kapitel, mäandernd um die Stunden und Tage der jeweiligen Preisverleihungen, drei Ansprachen und eine Austrittserklärung (aus der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung) umfasst der schmale Band aus dem Nachlass. Umso augenfälliger der Zwiespalt, in den sich der Schriftsteller mit jedem erhaltenen Preis begibt; das Dilemma zwischen dem Frohlocken übers Geld und der Tatsache, es von denjenigen annehmen zu müssen, die er grundsätzlich verachtet. Offenbar waren die Texte vom Autor selbst zur Veröffentlichung vorgesehen gewesen, er hatte sie bloß für Zeiten karger literarischer Produktion hintan gehalten. Eine weise Entscheidung. Wem gelingt es schon, zwanzig Jahre nach seinem Tod noch Emotionen auszulösen, die heftiger sind, als manch Quietschlebendiger es zu Wege bringt? So Lebendig, wie das Geschriebene dieses Toten, muss man erst einmal sein.

Thomas Bernards neuestes Buch erscheint anlässlich seines zwanzigsten Todestages, am 12. Februar 2009. Tatsächlich erscheint es aber schon, bevor es erschienen ist, ab 17. November 2008 als Vorabdruck in der Frankfurter Allgemeine Zeitung. In derselben FAZ, die das Buch vorab anpries, erscheint am 4. Jänner, als es in den Handel kommt, ein Verriss. Der zielt allerdings nicht auf die Texte, sondern pfeilgerade auf Bernhard höchstpersönlich. Nachdem Maxim Biller im ersten Satz des Artikels vorausschickt, „ungern schlecht über Tote“ zu reden, bezwingt er diese selbst gebastelte Hürde, deren Latte er vorsichtshalber niedrig gelegt hat, mühelos schon im folgenden Halbsatz, um sich mit Furor einem Strom von Schimpfwörtern hinzugeben. Wenige Wochen später reihen die Bestenlisten „Meine Preise“ – nomen est omen – unverzüglich an der Spitze, Publikationen lebendiger Zeitgenossen befinden sich vergleichsweise in Talfahrt.

Der Auftritt des Buches in der Öffentlichkeit wirkt so bernhardesk, als hätte er ihn selber erfunden. Als hätte er es getan, um seine eigene Aussage „es ist alles lächerlich, wenn man an den Tod denkt“, zu relativieren. Wie er sie im eigenen Text relativiert, mit der bereits jetzt vielzitierten Beschreibung, wie es zu dem berühmten Satz gekommen sei, „Es fällt mir kein Thema ein, es fällt mir dazu nichts ein. Vielleicht nach dem Frühstück, sagte meine Tante und ich dachte, ja, vielleicht nach dem Frühstück und ich frühstückte und frühstückte, aber mir war noch immer nichts eingefallen.“ Was ihm nicht einfällt, ist die Rede, die er anlässlich der Verleihung des kleinen österreichischen Staatspreises zu halten hat. Buchstäblich im Gehen tippt er doch noch ein paar Sätze (wie er sie nennt) in die Maschine. Sie seiner Tante vorzulesen, ist ihm aber zu peinlich, außerdem wartet das Taxi. Als Bernhard im Audienzsaal des Kultur-, Kunst- und Unterrichtsministerium das vorliest, was er in Retrospektive als „philosophisches Thema“ bezeichnet, stürzt der für die Preisverleihung zuständige Minister aus dem Saal. Ein Skandal, der später zur Legende wurde ereignet sich. Ich versuche mir vorzustellen, welcher Satz die Missgunst des Ministers ausgelöst haben könnte – Bernhards Ansprachen zu den jeweiligen Preisverleihungen sind, wie gesagt, am Ende des Buches gesammelt. Vielleicht der, „Wir Österreicher sind apathisch; wir sind das Leben, das gemeine Desinteresse am Leben, wir sind in dem Prozess der Natur der Größenwahn-Sinn als Zukunft.“

Es mag der verklärende Effekt der Patina sein, die sich wie von selbst über Vergangenes legt. Sodass einem das Gegenwärtige noch gnadenloser vor Augen tritt. Aber in Bernhards kurzer Rede wird niemand beleidigt. Bloß beschrieben. Wenn man an einer wunden Stelle berührt wird, schreit man eben.
Ob die derzeitige Seltenheit solcher Eklats am Harmoniebedürfnis der Schriftsteller liegt, oder an dem der Minister, kann man sich durch den Kopf gehen lassen. Die in den Schilderungen Bernhards entworfenen Bilder seiner Ansprachen, verdienen es, eine Weile in der Vorstellung des Lesers zu schillern.

Wo man ihn böse zu nennen pflegt, hat er mich immer besonders amüsiert. Sich selber nahm er in seinen Tiraden ja nicht notwendigerweise aus. Obwohl ihn der Minister kurz vorher als „Ausländer“ bezeichnet hatte, was den in Holland in einem Haus für ledige Mütter geborenen Bernhard gehörig wurmte, sagte er „wir Österreicher“. Vielleicht hatte der Minister das mit dem Ausländer als Scherz gemeint, und war ihm dieser missglückt. Vielleicht ist meine Lesart ebenso naiv, wie wiederum Berhards Zugang zu den Geschehnissen, die er beschreibt, oft erfrischend unbefangen wirkt. „Ich war so aufgeregt, dass ich keinen Satz vollständig zuende sagen hatte können, auf alle Fragen wusste ich zwar sofort eine Antwort, aber ich war nicht glücklich über meine Formulierkunst. Ich dachte, die Leute merken jetzt, daß du aus Österreich kommst, wo die Füchse Gutenacht sagen.

Mittlerweile haben sich sogar die Füchse an ihn gewöhnt. In den österreichischen Tageszeitungen erklangen die Lobeshymnen anlässlich des 12. Februars derart harmonisch, dass man fast erleichtert war, wenn sich doch die eine oder andere Stimme mit wenigstens einem Hauch von Zweifel meldete. Bernhard ausgerechnet angesichts dieser recht lakonisch, ich möchte fast sagen, bescheiden gehaltenen Geschichten, erst recht wieder als „eigensüchtigen Riesen“ (Ronald Pohl) zu bezeichnen, und ihm vorzuwerfen, was der Autor selber sich schon im Übermaß vorgehalten hat: dass er nämlich die Preise, über die er sich echoffiert, sehr wohl annimmt, ist aber nicht unbedingt die geschickteste Art ihm beizukommen. Bernhard hat von Anfang an mit allem gerechnet, „Wahrscheinlich, so dachte ich, weiß er von meiner Krankheit und hat er mir wegen dieser Krankheit die Ehrengabe zugeschanzt. Dieser Gedanke war ein Abstrich, denn ich hätte die Ehrengabe gern für Verstörung oder für Frost bekommen, nicht für den Morbus Boeck.“
Ist Eigensucht nicht sowieso angebrachter als geheuchelter Altruismus? Denn, „Auch solche Aktionen, die mit einem sogenannten sozialen Aspekt verbunden sind, sind letztenendes nicht frei von Eitelkeit, Selbstbeschönigung und Heuchelei.“ Klar, je mehr Preise einer schon eingestreift hat, desto leichter fällt es, großmütig (oder starrköpfig) auf einen zu verzichten.

Wer behauptet nichts sei einfacher, „als so zu schreiben, ich meine, gedankenlos einen Satz an den anderen zu hängen, lauter Sätze, die sich gleichen und doch immer wieder ein bisschen verändern“ (M. Biller), der möge es einmal versuchen. Mit Bernhard schrieb einer, der in einem Satz mehr Atmosphäre zusammenbrachte, als andere in einem Leben. „Die Patienten lagen bei dreißig Grad im Schatten in ihren Betten und in Wahrheit hatten sie alle, wie ich den meinigen, ihren Tod herbeigewünscht und sie sind ja auch alle, wie ich schon gesagt habe, nacheinander ihrem Wunsche gemäß, gestorben, darunter auch der ehemalige Polizist Immervoll, der im Nebenzimmer gelegen war und der, solange er dazu imstande gewesen war, tagtäglich in mein Zimmer gekommen war, um mit mir Siebzehnundvier zu spielen, er gewann und ich verlor, wochenlang gewann er und ich verlor, bis er starb und ich nicht.“

Ein Buch gleicht einer Partitur, dem Leser bleibt überlassen, wie er sie spielt. Wenigstens wenn der Autor ihn ernst nimmt, und Thomas Bernhard ist ein Schriftsteller, der den Leser ernst nimmt. Er respektiert ihn, malträtiert ihn nicht mit banalen Flüchen. Sogar als er die Leute, die vor ihm den Österreichischen Staatspreis für Literatur bekamen in einer von immanentem Unmut geleiteten Passage völlig zu Unrecht „Arschlöcher“ nennt, kann ich ihm eine Grandeur nicht absprechen.

Gewiss, manches Mal haut der große Austeiler eindeutig unter die Gürtellinie. Wie in der erbarmungslosen Beschreibung des Todes seines (Ex)freundes, Gerhard Fritsch, mit dem er sich brouilliert, als dieser sich weigert aus der Jury für den Anton-Wildgans-Preis auszutreten, was Bernhard aber von ihm verlangt, weil ihm, der den Preis unter anderem durch Fritschs Fürsprache bekam, zur Überreichung desselbigen jegliche Feierlichkeit versagt wurde, da der zuständige Minister (derselbe, den Bernhard einst bei einer anderen Preisverleihung vergrämt hat) nicht teilnehmen will. „Nicht lange nach dieser Unterredung hat sich Fritsch an dem Haken seiner Wohnungstür aufgehängt, sein von ihm selbst verpfuschtes Leben war ihm über den Kopf gewachsen und hatte ihn ausgelöscht.“ Das kann man einem Autor moralisch vorwerfen, aber nicht stilistisch. Stilistisch ist es ein trefflicher Satz.

Beeindruckend ist dieser Episodenroman, wie ich ihn nennen würde, in seiner Gesamtheit. Und auch ob seiner Modernität. Trotz oder gerade wegen der Ästhetik der einzelnen Sätze sind die mit großer Liebe zum Detail erzählten Geschichten intensiv ohne gekünstelt zu wirken. Eichhörnchen raffen die von den Kranken weggeworfenen Taschentücher auf und tragen sie „wie wahnsinnig“ in die Bäume hinauf, während in den Gängen der Professor den Leuten Kehlköpfe und halbe Brustkörbe herausschneidet, sie also „in der besten Absicht“ verstümmelt. So lässt Bernhard in wenigen Strichen die Lungenheilanstalt am Steinhof wiederauferstehen. Am eindringlichsten werden die Texte, wo es um die Beziehung zu Landschaften oder Dingen geht. Oder dem, was ein Thomas Bernhard sich von den Menschen merkte, mit denen er zu tun hatte. Wie die Aussage des Schriftstellers Saiko, „der, wie gesagt, Der Mann im Schilf geschrieben hat“, dass man Schuhe nie vor vier Uhr Nachmittag kaufen solle, denn erst dann habe der Fuß die „richtige und notwendige Konsistenz“ um Schuhe zu probieren. Und, wenn er sich freut. Denn auch ein Thomas Bernhard kann sich freuen „...ich bestellte meinen Kaffee anders als vorher, ich hielt die Zeitungen anders in der Hand als vorher und insgeheim wunderte ich mich, dass mich nicht alle Leute auf der Straße angesprochen haben auf das Ereignis.“ Zu „unspektakulären Glücksmomenten am Rande des Abgrunds“ (Hans Höller) braucht man eben Talent.

Ob die um die Preisverleihung gerankten Vorfälle erfunden sind oder nicht, spielt erst in zweiter Linie eine Rolle. Das Buch würde auch dann funktionieren, wenn der Autor nie einen einzigen Preis bekommen, sich das alles nur ausgedacht hätte, inklusive der Austrittserklärung aus der Akademie für Sprache und Dichtung.

Einer der größten Bernhardliebhaber, den ich jemals getroffen habe, war Beamter am Europäischen Parlament in Luxemburg. In seiner Freizeit knüpfte er Teppiche und schwamm. Ich traf ihn im parlamentarischen Lift, als der zwischen den Stockwerken stecken blieb, und kann Thomas Bernhard nicht dankbar genug dafür sein, wie er diese enge wie ewige halbe Stunde im Lift verkürzte. Von da an nannte der Beamte den Schriftsteller nur mehr „unseren gemeinsamen Freund“. Bernhard regiert Europa, noch zwanzig Jahre nach seinem Tod.
Persönlich habe ich ihn nie kennengelernt, obwohl es theoretisch möglich gewesen wäre, weil ich zu einer Zeit oft in Gmunden war, als er sich ebenfalls oft in Gmunden aufgehalten hat. Ich war damals fünf oder sechs. Er hatte bereits alle in dem vorliegenden Buch aufgelisteten Preise gewonnen. Bekannt bin ich freilich mit seinem Cousin, oder zumindest einen Herrn, der immer behauptete, Bernhards Cousin zu sein. Nach der Lektüre der „Preise“ weiß ich, dass er nicht gelogen hat. Weiter als bis zum Cousin sollte man zu einem Schriftsteller aber nicht vordringen wollen, will man ihn sich unsterblich erhalten.

Preise sind eine Zumutung. Aber keine Preise sind auch eine Zumutung.
Was wir denken, ist nachgedacht, was wir empfinden, ist chaotisch, was wir sind, ist unklar. Wir brauchen uns nicht zu schämen, aber wir sind auch nichts und wir verdienen nichts als das Chaos.“