Wem der Mund noch warm ist

Dankesrede zum Förderpreis des Bremer Literaturpreises 2011

Sehr geehrte Damen und Herren,

Ich schreibe meine Bücher allein, aber alleine würde ich sie nicht schreiben. Ich will, dass Sie gespannt sind, was alles nächstes kommt, als würde ich Ihnen siebenfache Saltos ohne Netz vorführen und auf den Spitzen meiner zwei kleinen Finger ein paar hundert Kilometer am Pannenstreifen der Autobahn gehen. Alleine würde ich mir ab und zu eine Notiz machen. Weil Sie da sind, habe ich ein Buch geschrieben. Nicht weil ich Ihnen nach dem Mund reden will, im Gegenteil.
„... der das zuletzt erzählt hat, dem ist der Mund noch warm.“, lautet der Schlusssatz der Geschichte, die alle Mitteleuropäer, die noch nie in Bremen gewesen sind, sofort mit Bremen verbinden, eine Geschichte aus 1818, vermutlich noch älter. Eine Geschichte über Flüchtlinge ist es eigentlich, die zuhause nicht mehr gebraucht werden und sich deshalb Richtung Bremen aufmachen, wo sie – so der Vorschlag ihres Anführers, des Esels, der sich das Ganze ausgedacht hat, weil er glaubt, eine besonders tolle Stimme zu haben – sich als Stadtmusikanten verdingen wollen. Sie sind zu viert, ein Quartett der beliebtesten Haustiere des Menschen, außer dem Esel gibt es noch Hund, Katze und Hahn. Die Geschicktesten sind sie wirklich nicht und Bremen ist noch immer ziemlich weit, als die Nacht anbricht. Ihre Unfähigkeit gerät ihnen, wie versehentlich aber doch zielgenau, zur Tugend. Als sie vor dem Fenster eines alten Hauses „musizieren“ und während dieses irrsinnigen Geschreis auch noch durch die Scheibe fallen, verjagen sie damit die Räuber, die das Haus besetzt halten, können sich an dem wunderbaren Festessen laben, das bereit steht, und werden am Ende des Märchens zwar nie in Bremen angekommen sein, aber glücklich in ihrem neuen Haus. Das ist mir jetzt erst aufgefallen, dass die vier Stadtmusikanten, die keine sind, gar nie in Bremen ankommen. Sie kommen nicht an, aber nur, weil es Bremen gibt, haben sie sich überhaupt aufgemacht.

In dieser Hinsicht ähneln die Figuren meines Romans den Bremer Stadtmusikanten; sie sind auf der Suche nach etwas, das sie nie erreichen werden und das im Titel prominent vorkommt. Sie suchen „das Schöne und das Notwendige“, am besten in Kombination, hätten es gern vereint in einem einzigen großartigen Stoff, und stellen sich dabei (scheinbar) eher ungeschickt an. Sie sind Taugenichtse, genau das, was unsere Gesellschaft scheinbar gar nicht braucht; sie tun, was auf den ersten Blick unlogisch ist oder unmöglich. Und siehe da. Sie werden reich. Zumindest für einen Moment. Wie auch ich gerade, dank Ihnen, einen Moment lang reich geworden bin.

Am Anfang dieses Buches, noch vor dem ersten Satz, gab es Valentina, so hatte sie sich mir vorgestellt. Valentina und ich begegneten uns jeden Tag, zwei Jahre lang. Immer wenn ich zur Arbeit fuhr, stand sie an einer Kreuzung. Wenn die Ampel rot war, kam sie an mein Autofenster. Wir redeten, solange bis die Ampel grün wurde. Dann fuhr ich weiter.
E bella come te, sagte Valentina, wenn eine Freundin mitfuhr. Wenn ich schlecht gelaunt war, konnte mich Valentina mit ein paar Worten aufmuntern. Sie ging auch zu anderen Autofenstern, aber bei mir blieb sie länger stehen. Valentina machte mich verrückt. Wie konnte sie jahrelang jeden Tag an der Kreuzung stehen, als hätte sie einen Arbeitsvertrag mit der Ampel? Wenn die Sonne zu sehr schien oder wenn es regnete, stand sie nicht dort. Sie habe eine Sonnenallergie, erzählte sie mir, der Arzt habe ihr verboten, in die pralle Sonne zu gehen, sie müsse eine Crème nehmen. Im Regen fürchtete sie, sich zu erkälten. Valentina war eine Stadtmusikantin. Ich bin mir gar nicht sicher, ob es so jemanden wie sie überhaupt geben kann. Jedenfalls möchte ich mich, da dies ein Dankwort ist, herzlich bei ihr bedanken. Im Buch ist sie zwar eine Nebenfigur, aber diejenige, die am Schluss alles rettet.

So wären wir, meine Damen und Herren, beim Kern dieser Sache. Ich hoffe, Sie schauen noch immer genau hin, wie ich da entlang der Autobahn spaziere, auf meinen zwei dünnsten Fingern; solange Sie hinschauen, wird mich keiner überfahren. Die merken das.

Ab und zu habe ich mir überlegt, was ich sagen würde, wenn ich die Gelegenheit bekäme, etwas laut und öffentlich auszusprechen. Bis zum 15. Dezember vorigen Jahres hätte ich gesagt – und kaum ein Ort ist für solche Worte besser geeignet als Bremen, wo es direkt am Marktplatz, vielleicht könnten wir es vom Fenster aus sogar sehen, ein so schönes Denkmal für Flüchtlinge gibt, einer auf den Rücken des anderen gestapelt – ich hätte gesagt, man soll im wirtschaftlich vereinten Europa endlich die Visumpflicht für Albaner aufheben. Glücklicherweise hat sich das erübrigt. Seit Mitte Dezember dürfen Albaner visumfrei in den sogenannten „Schengenraum“ einreisen. Und was ist passiert, seit sie dürfen, was man ihnen zwanzig Jahre lang vorenthalten hat? Nichts ist passiert. In Tirana wurden Christbäume aufgekranzt und am Boulevard hing noch vor einer Woche eine hauswandfüllende dunkelblaue Fahne mit gelben Sternen drauf. Diesen Boulevard, auf dem ich vor wenigen Tagen noch spazieren gegangen bin, habe ich, während ich dabei war, diese Rede zu verfassen, in einem fünfzig Sekunden kurzem Video gesehen, das zeigt, wie Lastwägen in weitem Bogen etwas unter die Leute spritzen, elastische Rauchsäulen oder Wasserstrahlen. Man sieht ein Spalier von angeblich dreitausendfünfhundert Polizisten. Man hört etwas wie Schüsse, nicht sehr laut; sieht Menschen laufen, nicht sehr schnell; hört ein bisschen Geschrei, aber nur ein bisschen. Wofür, wogegen war diese Demonstration? „Tote bei Protest gegen die Regierung. Drei Menschen von der Polizei bei Straßenschlachten erschossen.“, hieß es in den Nachrichten. Das Video auf der Webseite dauerte eine knappe Minute. Wie zum Hohn war im Hintergrund am Horizont immer wieder die Statue des albanischen Nationalhelden Skanderbeg zu sehen, die einzige öffentliche Figur, auf die Albanien wirklich stolz ist. Hatte tatsächlich die Polizei geschossen? Wer waren die Banditen, die der Ministerpräsident in seiner Ansprache erwähnte? Die Regierung oder die Opposition? Nachrichten können so etwas nicht herausfinden. Ein Roman wüsste das. Ein Roman weiß auch, nicht nur Albaner sind Albaner. Ein Roman weiß mehr, als die Wirklichkeit. Woher er das weiß, weiß ich nicht genau, aber weil er es weiß, hat er einen Preis bekommen. Ich genieße mein Glück. In unserer Zeit des blitzschnellen Wissens tut es gut, ab und zu zuzugeben: Ich weiß es nicht. Und in Ruhe nachzudenken.

„Die Sprache verkleidet den Gedanken. Und zwar so, daß man nach der äußeren Form des Kleides, nicht auf die Form des bekleideten Gedanken schließen kann; weil die äußere Form des Kleides nach ganz anderen Zwecken gebildet ist als danach, die Form des Körpers erkennen zu lassen.“ (Wittgenstein)
Sie werden also nie ganz genau wissen, was ich denke, auch wenn Sie viel von mir lesen. Was Sie aber wissen werden ist, was Sie selbst denken. Und wenn ich Ihnen das geben könnte, wäre ich froh. Wenn Sie wollen, kann ich jetzt sagen, ich schreibe Bücher, um gegen die Nachrichten zu wirken.

Meiner Geschichte habe ich ein Happy End gegeben, mit zwei Küssen; damit dem, der das zuletzt erzählt, der Mund warm bleibt. Natürlich liegt das Schöne und Notwendige außerhalb des Romans, wie Bremen außerhalb der Reichweite der vier Stadtmusikanten lag.

Es gibt Dinge, die zu denken geben, und es gibt Dinge, die zu danken geben.
(Neben Valentina muss ich an dieser Stelle noch drei Freunde erwähnen, ohne die das Buch, für das ich den Preis bekomme, nie geworden wäre, wie es ist. Annette, die mich im letzten Moment vor einem Fehltritt bewahrte, danke ich, für die Tapferkeit vor dem Freund, der Lektorin Julia für ihren klaren Witz und Verstand, und ich danke einem guten Geist, der überraschend stadtgewachsene Marillen vorbeibrachte und so oft im richtigen Augenblick an das Richtige denkt.)
Ich freue mich, dass ich Sie für einen Moment davon überzeugen konnte, dass mein Geschrei Gesang ist. Dank Ihnen bin ich einen Moment lang reich. Ich danke Ihnen nochmals.