Der Nabel der Welt

Das lebendige Auge einer Schlange und ihr Oberkiefer ist alles, was von den drei bronzenen Häuptern der gedrehten Schlangensäule übriggeblieben ist. Nun liegt es im archäologischen Museum von Istanbul, und manch einer würde das gesamte Museum gegen dieses einzigartige Objekt eintauschen, dessen untere Hälfte noch immer dort steht, wo es ursprünglich gebaut wurde, an der byzantinischen Rennbahn in Delphi. Es war nichts weniger, als das Dankopfer Griechenlands nach dem Krieg gegen die Perser im vorchristlichen Jahr 479. Damals balancierten diese Schlangenhäupter ein goldenes Tripod auf der Stirn. Im Mittelalter allerdings waren sie durchbohrt und mit Röhren versehen worden, damit sie Milch, Wein und Wasser speien konnten.


Dieses Wasser rinnt heute auf Knopfdruck aus einem der vielen kleinen Brunnen, die rund um das Museum und die archäologischen Ausgrabungsstätten Delphis durstigen Touristen Labsal bieten, ebenso wie Wein und Milchshakes beim Imbiss ‚für den eiligen Reisenden’ aus dem Kühlschrank kommen. Hier stehe ich also am Δελφικού ομφαλού, dem Nabel der Welt. Das war das geistliche, religiöse und kulturelle Zentrum der Welt vor dreitausend Jahren. Eine Fahne und Inschrift am östlichen Eingang des modernen Delphis, weisen darauf ebenso hin, wie ein Schild am Kirchenplatz, das hinter einer Mülltonne lehnt, im Schatten geparkter Autos mit Nummernschildern aus Athen und Patras. Dieses Schild hatte wohl früher ankommende Reisende an der Stelle empfangen, wo sich jetzt zu den Füßen unzähliger übers Tal wehender Fahnen ein Denkmal befindet, und eine Ode an die Freiheit, die jeden, der den Weg nach Delphi auf sich genommen hat, nicht nur als Besucher willkommen heißt, sondern mehr noch, als freien Bürger dieses Ortes, der hier noch immer das Zentrum der Welt genannt wird. Das heutige Dorf Delphi, liegt nur wenige hundert Meter vom antiken Standort entfernt, und besteht neben Kirche und Bäckerei ausschließlich aus Hotels mit allen erdenklichen Götter- und Prophetennamen.


Unter einem Regenbogen hindurch waren wir am Vortag hierher gefahren. Grell, in allen Farben glänzend verschwand er im Süden, im Wasser hinter der Küste, und kein einziger Vogel hatte sich darauf niedergelassen. Tatsächlich wäre ich gerne unten durchgefahren, was möglich schien, ein Tor aus Farben von den Bergen bis ins Meer hinaus, doch je näher man kam, desto weiter nach Osten verschob es sich, das Riesentor zum Himmel, jede Biegung wieder ein Stück, bis es verblasste im Feuer, das im Westen hinter den Bergen verschwand. Delphi liegt äußerst abgelegen, hattest du gesagt. Und das war es, nach zwei Stunden Fahrt von Patras aus, auf der anderen Seite des Golfs von Korinth, während derer ich bereits dachte, diese Stadt würde, wie der Regenbogen, stets weiter zurückweichen, je mehr wir uns ihr näherten, erreichten wir ein Schild mit der Aufschrift Delphi, und darunter einer Liste antiker Namen.


Das Tal rechts von der Straße war dunkel und geheimnisvoll. Fünf Minuten später standen wir in einem mit Weihnachtssternen und Olympischen Ringen geschmückten Dorf – alles im ganzen Land bereitet sich bereits auf die Olympischen Spiele von 2004 vor. Ein älterer Herr, der im Halbdunkel der Reklameleuchte seiner Pension am Gehsteig stand, bat uns ins Haus. Während er uns die besten Zimmer des ganzen Landes, mit der schönsten Aussicht des ganzen Landes, wenn nicht der Welt, zeigte, sprach er ohne Atempausen. Dieses Haus, wäre so stark, dass es bei einem Erdbeben nicht mehr umfallen würde, wie das letzte, das dreißig Jahre lang an seiner Stelle gestanden hatte. Alles fiel um in dieser Gegend, die so furchtbar unruhig war, dass sein Großvater, der früher in diesem Haus gelebt hatte, einst gesehen hätte, wie die Erde sich öffnete, das Tal vor seinen Füßen zu einem gierigen alles verschluckenden Schlund wurde, der sich aber noch in der selben Minute wieder schloss. Ob das die selben Erdspalten waren, über deren Dämpfe gebeugt Pythia vor fast drei Jahrtausenden den Griechen in Delphi die Zukunft vorausgesagt hatte, konnte er mir allerdings nicht sagen.


Später, als ich Zitronenlimonade trinkend bäuchlings im Bett lag, riss ein leicht schielendes Mädchen die Zimmertür auf, anscheinend hatte ich den falschen Schlüssel bekommen, Nr. 2 statt Nr. 3. Sie passen alle überall, scheint mir. Der Boden des Zimmers war weiß, glänzende Fliesen. Im Fernsehen, der an einem aus der Wand ausklappbaren Gestell zwei Meter hoch über dem Bett schwebt, war New York zu sehen.


Heute Morgen war das Brot frisch am Frühstückstisch und die Zwetschgen süßsauer. Ich probierte, mindestens genau so lange im Nescafe zu rühren, wie unsere griechische Gastgeberin es gestern früh für uns getan hatte. Dann suchten wir zu Fuß die Ausgrabungsstätten.

‚Kenne Dich selbst’, diese Worte sind auf einem der Steine in den Grundmauern des Tempel des Apollo eingraviert. So steht es auch auf dem Schild hinter der Kirche, das der neuen Gedenkinschrift am Dorfeingang gewichen ist. Doch ist diese Inschrift, für die ich mehr als die paar hundert Kilometer gefahren wäre, so schnell nicht zu finden, zwischen den zahllosen Buchstaben, Schriftzeichen, Wörtern, Sätzen, die in die Mauern des Tempel des Apollo eingraviert sind. Wohl finde ich nach einigem Suchen den Namen Delphi. Delphi der Griechen steht da in griechischen Schriftzeichen, bis heute klar und deutlich entzifferbar. Da steht es und niemand sieht es, niemand der vielen, hunderten Besuchern sieht es. Darunter ein Schild: ‚Nicht berühren’. Ich berühre nichts, muss es aber abpausen. Ein Blatt Papier, ein Bleistift und der vage unbestimmte Schatten der Inschrift bleibt weiß am Papier, das rundherum grauschwarz wird vom Graphit. Darunter schreibe ich in griechischen Buchstaben, was die Schraffur bedeutet: Δελφοι ελλενικας, und habe das Gefühl, etwas Bedeutsames mitgemacht zu haben. Diese Buchstaben sind einst von einer Hand, Fingern geschrieben, die mittlerweile fast dreitausend Jahre alt wären.


Weiter oben am Hügel ist noch das Stadion zu sehen, die in den Stein gekerbte Startlinie, wo wir abwechselnd für ein Photo posieren. Ich will es barfuss haben, wie damals die Athleten auch liefen. Urlauber rufen hopp, hopp und klatschen anfeuernd: ich soll jetzt auch laufen, finden sie. Doch dazu finde ich es zu heiß, und gehe nur langsam bis ans andere Ende des Stadions, mit den Schritten seine Länge zu messen suchend. Sind es 192 Meter? Unvermittelt stehe ich dann vor dem Charioteer, dem Wagenlenker, einer der ganz wenigen griechischen Bonzefiguren, die von den Römern nicht zu Waffen und Schwertern umgeschmolzen wurden. Denn glücklicherweise haben sie ihn nicht gefunden, den hübschen Kutscher, lebensgroß, den ich zu zeichnen versuche, während neben mir eine Gruppe amerikanischer Besucher eine griechische Gehirnwäsche erhält. Eine einheimische Archäologin, khakifarbiger Hosenanzug, Halstuch, Stöckelschuhe, die aber gleichzeitig doch geländegängig aussehen, spricht in mitreißender Weise, über ihr Land, als die Wiege der Kultur, und wie die Griechen niemals durch Kriege versucht hätten, die Welt zu erobern, allein durch Kulturschaffung und -verbreitung hätten sie es getan. Innerlich grinse ich. Aber dass dieser Knabe da vor uns, dieser Jüngling aus Bronze, eines der großartigsten Kunstobjekt überhaupt ist, damit hat sie ungezweifelt recht. Fällt das Licht richtig, werden die Augen lebendig, blicken den Betrachter einladend an, fährst du mit meinem Gespann mit, scheinen sie zu sagen, ein weicher, freundlicher, aber gleichzeitig zurückhaltender Blick. Die Archäologin behauptet das Gegenteil. Ein strenger Blick, sagt sie, ‚severe’ nennt sie den Hübschen.


Als ich später ins Freie trete und über die sonnenbeschienene Terrasse zwischen den Stühlen und Kaffeetischen hindurch zur Toilette schlendere, ertönen gregorianische Gesänge aus dem Vorraum mit den Spiegeln und Waschbecken. Wir trinken nichts mehr, fahren gleich weiter, halten nur kurz bei kleinen Restaurant an der Straße nach Norden. Gegenüber Obststände, eine Quelle von der Leute in Flaschen Trinkwasser holen. Die Landschaft ist grün und wird immer feuchter, dunstiger je mehr wir uns den Bergen im Norden nähern. Abends übernachten wir am Ufer eines Sees. Bevor wir schlafen gehen, lassen wir Steine übers Wasser springen. 

 

Delphi, 11. September 2002