Kotor

Vorm schwarzen Berg, am tiefen See

An den warmen Septembertagen, wenn der Herbst den Sommer am Arm packt, ihn hinaus zieht in die feuchten Winde aus dem Westen, ihm das Licht von der Stirne reißt, um es abends in schiefgewehten Kirtagsbuden büschelweise anzubieten, steht die Zeit still. Die Landschaft feiert ihren eigenen Neujahrsabend. Diese Tage waren es, als ich mitten durch die Illustration eines Märchens fuhr, eine geheimnisvolle Landschaft, von der Art, wie sie dem Verdurstenden als Fatamorgana auftaucht, um gleich darauf wieder auf einem feinen handgewebtem Teppich davonzufliegen und den Todgeweihten seinem Schicksal zu überlassen.

Die Straße führte um einen schier endlosen See, in dessen Mitte eine winzige Insel die Grundfesten eines vielzackig betürmten Schlosses bildete. Der See hatte die Form eines Dreiecks und wäre an seiner schmalsten Stelle, wo ihn ein Zufluß mit dem Mittelmeer verband, mit Hilfe eines kurzen Viadukts zu überbrücken gewesen. Diese Brücke gab es nicht. Ihre Abwesenheit ermöglichte einen fünfzig Kilometer langen Umweg um ein riesiges Binnenmeer, von dem ich, trotz seiner Ausdehnung, noch nie gehört hatte. Sein plötzliches Auftauchen nach der letzten Kurve überraschte mich gleichermaßen, wie mich der Fall durch ein Zeitloch überrascht hätte. Diese Gegend schien irreal, als wäre die Welt aus der Fassung gebracht. Selbst während ich mich in ihr aufhielt, bezweifelte ich die Wahrhaftigkeit solch einer Landschaft, obwohl der Asphalt deutlich hörbar unter den Rädern verschwand, und der Wind die Sträucher von ihren Standorten bog, sodass die Zweige in den Kurven über den Lack schliffen. In diesem Land wohnte niemand. Die Straße war leer, der See war leer, weitum niemand zu sehen, das einzige lebende Wesen außer mir ein Vogel, der gegen die Windschutzscheibe knallte.

Hinter der Palastinsel des unsichtbaren Königs, tauchten die schwarzen Berge seines Reiches auf. Montenegro machte seinem Name alle Ehre. Aus dem Nichts übermannte mich eine irrationalen Angst vor unversehens im Gebüsch explodierenden Landminien, und ich beschloß, hier ganz gewiß nicht anzuhalten, diese übernatürliche Schönheit sich selbst zu überlassen, allein, wie sie ohnehin schon seit ewigen Zeiten gewesen zu sein schien.
Doch einst schien es hier Leben gegeben zu haben. Überdimensionale mit weißen Pfeilen verzierte Schilder am Straßenrand kündigten gehörnte Tiere und Handabdrücke aus dem achten vorchristlichen Jahrhundert an. Die Pfeile wiederholten sich in Abständen von wenigen hundert Metern und wiesen von der Straße nach rechts, zum Berg hin. Weltkulturerbe stand darunter in verblichenen Buchstaben. Daneben war zur Veranschaulichung die Silhouette einer Burg gedruckt. Das folgende Schild versprach prähistorische Zeichnungen. Die wollte ich sehen. Ich beschloß, dass meine Furcht vor Tretminen Unsinn war, und als ich zum nächsten Schild gelangte, und am linken Straßenrand daneben plötzlich zwei teuer aussende Autos erblickte, parkte ich meines dazu. Die beiden Autos sperrten ihre Kofferraumdeckel und die dem See zugewandten Türen auf wie nach Futter verlangende Schnäbel. Es mochte sich um eine örtliche Tradition handeln, die einem vorbeireisenden Fremden Vertrauen einflößen sollte. Dennoch schloß ich meine Pedalblockade um Bremspedal und Kupplung, drehte das Lenkrad in den Sperrstand und machte alle Türen sorgfältig zu. Neben dem Hinweisschild gab es hier noch ein anderes Schild, eine Ortstafel: Lipici.

Als wäre ein Zauber vorbei und das Land aus einem unendlichen Schlaf erwacht, stand nun ein Bub neben dem Schild, das unermüdlich prähistorische Kunstwerke verkündete, doch nun keinen einzigen Pfeil mehr besaß, der mir den Weg zu ihnen gezeigt hätte. Der Bub hatte langes schwarzes Haar. Hinter ihm waren zwei Zettel an einen Baum genagelt. „Der Baum wird eine Bushaltestelle sein“, dachte ich, „und der Bub wartete auf den Bus“. Oder verkündeten die Zettel gar den Weg zu den Wandmalereien? Ich trat zu dem Baum und sah, dass es sich um Todesanzeigen handelte.

Do you know about the drawings?“, fragte ich den Buben, und zeigte auf das Schild mit den weißen Händflächen und gehörnten Tieren.
No“, sagte er.
But they are there“, sagte er, und deutete vage ins Gebüsch nach hinten, ein bisschen in Richtung eines schmalen Weges, der zwischen verfallenden Häusern nach oben führte.
Thank you“, sagte ich zu ihm und folgte dem Weg, der sich kurz darauf in drei steinige Pfade teilte.

Als ich allen dreien bis zu ihrem Ende gefolgt war, und mir an den umliegenden Brombeersträuchern Hose und Beine einigermassen aufgerissen hatte, stand ich vor einer Art Höhle, einem Überhang der Felswand, und glaubte, die prähistorischen Malereien gefunden zu haben. Doch es war eine, zwar romantische, aber gewiß zeitgenössische Feuerstelle. Auf den Wänden war außer Ruß nichts zu sehen. Ich kehrte um, und lief zurück, auf den in der Ferne zwischen den Bäumen grau glänztenden See zu. Alle Häuser, an denen ich vorbei kam, schienen seit Jahrzehnten verlassen, uralt und halb verfallen. In einem Garten stopfte eine Frau Heu in einen hölzernen Handwagen. Ich befragte sie nach den Wandmalereien. Sie verstand keine der Sprachen, die ich ihr vorschlug, doch begriff sie die Steinzeichnungen, die ich mit dem Zeigefinger in die Luft malte. Sie nickte heftig, und deutete in die Richtung, aus der ich gekommen war, auf eine aus dem Hang kahl hervor ragende Felswand, an deren Fuß die Feuerhöhle lag. Dann kam sie aus dem Garten auf den Weg heraus und schaute intensiv und lange zur Felswand hin. Gleichzeitig wiederholte sie mit den Armen ähnliche Handbewegungen, wie ich sie ihr gerade vorgeführt hatte, und starrte dann wieder intensiv zur Wand, mit einem Blick, der sich fragte, was da nun eigentlich zu sehen sein sollte, aber gleichzeitig deutlich allerlei sah. Sie nickte zufrieden, und starrte weiterhin auf die Felsen. Ich starrte ebenfalls und begriff auf einmal, dass die Zeichnungen riesig sein mußten, und aus diesem Grund wohl nur aus der Ferne zu erahnen waren. Unversehens sah auch ich, was sie sah: die Umrisse von Handflächen mit allen fünf bis sechs Fingern, die Hörner ziegenartiger Wesen. Zufrieden nickte ich ihr zu, und wandte mich zum Gehen, um sie nicht weiter von der Arbeit abzuhalten. Als sie wieder im Garten stand und Heu in den Holzwagen stopfte, fiel mir noch rechtzeitig ein „Dovidenja“ ein, das sie mit dem Anflug eines Lächelns erwiderte. Bis dahin war ihr Gesicht völlig ernst geblieben.

Ich folgte der Straße durch das von der Frau im Garten zum Leben erweckte Land. Die auf römische Mosaike und archäologische Ausgrabungen hinweisenden Schilder nahmen kein Ende. Dazwischen lag eine andere Frau im Bikini auf einem verlassenen Sandstrand in der Sonne.

Nach etwa einer Stunde gelangte ich zum folgenden Wunder. Vor mir lag eine mittelalterliche Stadt wie aus dem Bilderbuch. Vom See halb den Berg hinauf gedrängt, schlängelten sich die Stadtmauern vom zum Hafen hin geöffneten Haupttor aus über die Felsen den Hang hinauf, bis zum Turm einer Burg, aus deren Fenstern man jeden Augenblick einen am langen Haar einer Prinzessin nach unten gleitenden Ritter erwartete. Am Hauptplatz wachte ein Glockenturm aus dem siebzehnten Jahrhundert („Tovranj za sat sa piramidom“ – Clock Tower with the Pyramid) über glänzende Straßen aus poliertem Stein. Unbegreiflich, dass diese einzigartige Stadt nicht weltberühmt ist, nicht in einem Satz genannt wird mit Dubrovnik, Venedig und Florenz! Aus einem Fenster klang Saxophonmusik. Im selben Haus befand sich unten ein Friseursalon. Daneben ein Schild: Österreichisches Gefängnis Mitte 19. Jahrhundert, jetzt Künstlerverein. Obwohl ich ursprünglich nur für einen schnellen Rundgang gekommen war, wollte ich jetzt bleiben.

Da ich nicht vorgehabt hatte in Montenegro zu verweilen, hatte ich weder einen einzigen montenegrinischen Groschen in der Tasche, noch wußte ich, welche Währung man hier eigentlich verwendete. Der Bankomat gegenüber dem Uhrturm zerstreute meine diesbezüglichen Sorgen im Nu, denn zu meiner beständig wachsenden Überraschung spuckte er Euroscheine aus. Internationale Währungssysteme haben mich nie sonderlich interessiert, doch meinte ich sicher zu wissen, dass die Verwendung des Euro auf die Grenzen der Europäischen Union beschränkt war. Ein Irrtum, wie mir die Rezeptionistin des Hotels Marijka später erklärte. Montenegro verwendete den Euro bereits seit seiner Einführung. Unwissend und ungebildet kam ich mir vor, ein Gefühl, das sich noch verstärkte, als ich hörte, dass bereits Kaiser Franz Josef einst in ebendiesem Hotel Marijka übernachtet hatte, und zwar zu einer Zeit, die noch nicht allzulange vergangen war, als sich die Stadt, unter österreichischer Herrschaft befand: Anfang des gerade vergangenen Jahrhunderts. „Kotor wurde von den Römern gegründet und ist eine der besterhaltensten mittelalterlichen Städte in diesem Teil des Mittelmeerraumes. Es ist mit Dubrovnik eine der wenigen Städte, die bis heute die Form haben, die sie im 7. Jahrhundert erhielten.“ – die Folder im Foyer des Hotels erklärten mir bereitwillig alles, was ich nicht wußte. „Aus diesem Grund gehört Kotor zum „World’s Natural and Cultural Heritage“, sagte die Rezeptionistin, und schaute mir ernst in die Augen.

Später lese ich in einem Bericht der UNESCO aus dem Jahre 1979, dem Jahr, in dem Kotor auf die Weltkulturerbeliste aufgenommen wurde, dass die Geschichte der Stadt unzureichend dokumentiert ist. Ein historischer Abschnitt aus demselben Bericht führt folgendes an:

1. Kotors erste Automomie unter byzantinischer Herrschaft (476 - 1186)
2. Erste serbische Staaten (1186-1367)
3. Auflehnung gegen das Ottomanische Reich
4. Unabhängige Republik (1395-1420)
4. Venezianische Herrschaft (1420-1797)
5. Österreichische Herrschaft (1797-1806)
6. Russische Besetzung (1806-1807)
7. Französische Besetzung (1807-1813)
8. Österreichische Herrschaft (1813-1918)

Der Kaiser hatte gewußt, wo er abstieg. Fast hundert Jahre nach seinem Besuch hatte das Hotel Marijka 1996 den Preis des besten Hotels Jugoslawien gewonnen, wie ich der Speisekarte entnahm. Ich bekam ein Zimmer mit Balkon und geraniengefüllten Blumenkisten. Das Toilettenpapier war mit Segelbooten bedruckt, und zum Frühstück gab es Eierspeise. Als ich abends zur Burg hinaufstieg, grüßte mich eine alte Frau die am Zaun ihres Vorgartens stand. „Dobre jecer“, sagte sie, und nickte ein nicht enden wollendes Nicken. Beim Durchstreifen der Innenstadt entdeckte ich außer dem vormaligen österreichischen Gefängnis auch noch ein vormaliges venezianisches Gefängnis, in dem an diesem Abend eine Männergesangsverein probte. Die Stimmen der Sänger klangen durch die Gasse. Durch die offene Tür sah ich sie singen. Einer von ihnen drehte unaufhörlich ein Mobiltelefon in den Fingern.

Unter einem Lindenbaum saß eine Frau. Neben ihr stand eine Pappschachtel, in der eine Katze lag. Ein Mann kam über den Platz auf sie zu. Er reichte ihr eine mit einem Teller bedeckte Tasse. Die Frau unter dem Lindenbaum nahm den Teller von der Tasse und stellte die Tasse darauf. Die Katze sprang aus dem Karton.

 

Amsterdam, 23. Februar 2005