Eher sind wir, was uns lieb ist

Ich gebe es sofort zu. Ich bin nach Wien gezogen, weil Wien mich an Tirana erinnert; auch an Buenos Aires, aber Tirana gab den Ausschlag. Wien besteht aus Einzelteilen der albanischen Hauptstadt. Tirana hat mein Wien gemacht. Eine baumgesäumte Straße in trägem Licht, halbwegs breit, wo sie endet ist undeutlich, eine flache Biegung deutet Sicht ins Grüne an und versteckt sie zugleich, selten fährt ein Auto durch, ab und zu steigt jemand in eleganten hohen oder glänzend schwarz polierten Schuhen aus, hängt sich bei jemandem ein, trägt einen Mantel, ein Kleid, lange dunkle Hosen, geht geschwind durch den leichten Regen oder endlosen Staub eines sehr trockenen Sonntagnachmittags. Ja, in den Straßen, wo Tirana in Wien liegt, ist immer Sonntagnachmittag. Die Faulheit des Lichts ist vielleicht dran schuld; es räkelt sich und scheint aus einer anderen Zeit zu kommen. Eher sind wir, was und lieb ist / als was uns liebt, lautet ein Vers aus einem „Die erschaffene Zeit“ betitelten Gedicht des albanischen Schriftstellers Visar Zhiti.
Ich denke bei dem Licht, in dem Wien zu Tirana wird, oft an die 50er Jahre, deren Schein für mich nur aus italienischen Filmen kommt und von Fotos, auf denen meine Eltern süße Kinder waren.

Es gibt Augenblicke, in denen ich mich frage, ob in dieser Stadt etwas Lebendiges und Gegenwärtiges besteht, das ich rückhaltlos bewundern kann, das nicht wie ein Schwamm vollgesogen ist mit Vergangenheit oder erst erfüllt von einem schwachen Hoffnungsschimmer der Zukunft., schrieb Hilde Spiel 1946, als sie, nach mehreren Jahren im Londoner Exil, in ihre Geburtsstadt Wien zurückkehrte. Sie kam als Engländerin, in britischer Uniform, und sah als solche alles mit neuen Augen. Neu, nicht nur weil die Stadt großteils zerstört ist und geteilt in die Besatzungszonen der Siegermächte, neu vor allem, weil die Wiener ihr nicht als Wienerin begegnen. Im Theater sitzt sie neben einer Frau, die in Begeisterung ausbricht, weil sie in ihr die Engländerin zu erkennen glaubt. Seltsam berührt von der Freude der Frau, bringt Hilde Spiel es nicht fertig, ihre wahre Identität zu enthüllen. Sie spielt die Fremde in der eigenen Stadt.

Wenige Jahre vorher sah der albanische Dichter Kudret Kokoshi Wien mit den Augen eines Fremden. Als Kriegsgefangener erlebte er, wie die Stadt, von der er sich aus der Ferne eine wunderbare Illusion gemacht hatte, ihm zur Hölle wurde. Sein „Wien“ betiteltes Gedicht aus dieser Zeit macht den Anfang der in diesem Dossier getroffenen Auswahl. Es macht den Anfang, ist aber längst nicht der Anfang. Vielfältige Verbindungen zwischen Tirana und Wien gibt es schon viel länger. Liest man die Texte der hier versammelten Autoren, könnte man meinen: seit jeher. Und man könnte auch meinen, dass es zwischen Tirana und Wien eigentlich keine Strecke gibt, dass wer in Tirana ist, immer auch in Wien ist; und umgekehrt. Der Bogen von Kokoshis Gedicht aus 1944 bis zur Erzählung „Halber Atem“ von Ilir Ferra, der 1991 nach Wien emigrierte und inzwischen auf Deutsch schreibt, ist weit aber straff gespannt.

Hilde Spiels Frage von damals beantworten die albanischen Schriftsteller von heute ziemlich einhellig. Ja, es gibt etwas in Wien, das rückhaltlos bewundert werden kann. Offenbar gerade weil es mit Vergangenheit „vollgesogen“ ist. Ohne Geschichte wäre (...) eine Stadt oder Hauptstadt, wie in einem Vakuum., heißt es in Albana Shalas Beitrag zu diesem Thema. Und weil man diese Vergangenheit ab und zu über Bord werfen, sich dem Enthusiasmus über den Hoffnungsschimmer hingeben und mit dem Riesenrad fahren darf, wie Visar Zhiti es tat.

Zhiti ist ein in vieler Hinsicht bemerkenswerter Schriftsteller. Nicht nur nimmt seine Liebe zu Wien und Österreich Ausmaße an, die mir als Besitzerin eines österreichischen Passes fast peinlich sind. Womit hätten wir das verdient? (Durch die besonders gute Behandlung albanischer Staatsbürger ohne österreichischen Pass wohl eher nicht.) Zhitis Texte sind auch wundersam frei von Bitterkeit. Eine erstaunliche Gabe für jemanden, der einst wegen einiger harmloser Gedichte zu zehn Jahren Haft verurteilt wurde. In einem davon, das den Titel „Die zweite Sonne“ trägt, heißt es, Viel Blut / wurde vergossen in dieser Welt / aber noch haben wir keine Blutsonne geschaffen. / Hör, mein Freund, / die bebenden Worte: / eine zweite Sonne wird aufgehen / aus unserem Blut / eine herzförmige. Die Sehnsucht nach der zweiten Sonne interpretierten die staatlichen Ankläger als Ruf nach einem anderen politischen System. Sie trug dem Dichter abgesehen von Gefängnis und Arbeitslager auch Schreibverbot ein. Albana Shala erging es besser. Ihr Vater war Redakteur und Journalist bei der Tageszeitung „Zëri i popullit“ (Stimme des Volkes). Sie durfte Englisch studieren, in der Zeit der Hoxha-Diktatur ein Privileg. Zwei sehr unterschiedliche Lebensgeschichten und trotzdem finden sich ausgerechnet in den Essays über Wien überraschende Parallelen. Überraschend Historisches, Überliefertes und Gefühlsmäßiges über Tirana und Wien.

Die Jugend der albanischen Literatur
Die albanische Literatur ist jung. Diesem Satz fügt der gelernte Albaner nahtlos hinzu, dass der modernen albanischen Sprache aber ein „sehr altes einzigartiges“ Idiom zugrunde liegt. Das hat sich - so nimmt man an - aus der Sprache der Illyrer entwickelt, die in der Antike den westlichen Balkan besiedelten, und ist ein eigener Zweig der indogermanischen Sprachfamilie, weder romanisch, noch slawisch, noch germanisch. Wie auch die zeitgenössische albanische Literatur von Mythischem und Märchenhaften durchwoben ist – man denke nur an die Werke des bekanntesten albanischen Schriftstellers Ismail Kadare – sind die in Albanien verbreiteten Hypothesen bezüglich des Ursprungs der Muttersprache fabelhaft bunt und verworren. Eine „Sprache der Götter“ nannten die Vorfechter der „Rilindja“, der nationalen Wiedergeburt, das Albanische.

Wie ich das ganze Leben liebe, denn in ihm findet sich die Wahrheit! / Die Sterne, der Mond, die Weite (...), beginnt ein wichtiger Vertreter der „Rilindja“, seinen berühmten Gedichtzyklus „Sommerblumen“, und endet mit den Zeilen, tapfer und gefühlvoll, / und wahre Männer, / hat unser Land hervor gebracht, / Gott selber weiß es genau.
Mit diesen Versen legte der in Südalbanien geborene Naim Frashëri die Basis für  eine einheitliche Literatursprache, die sich aus dem ungeschliffenen Jargon des 19. Jahrhunderts erst entwickeln musste. Frashëris Profil ziert in Tirana fast alle Statuen, die nicht Skanderbeg sind. Er ist eine Nationalikone, gilt als Klassiker und bedeutendster Literat des 19. Jahrhunderts. Und natürlich kam auch er gerne nach Wien. Zeitlebens kränkelnd ließ er in Baden sein Rheuma kurieren.

Interessant ist, dass dieser „Vater“ der albanischen Literatur selbst kaum auf Albanisch schrieb. Den Großteil seiner Schriften verfasste er auf Persisch, Türkisch oder Griechisch – wie übrigens alle Intellektuellen seiner Zeit. Erst in ziemlich fortgeschrittenem Alter begann er in seiner Muttersprache zu schreiben. Frashëri hatte unter anderem in Istanbul studiert und wurde danach Direktor der Zensurbehörde im osmanischen Ministerium für Volkserziehung. Die Publikation albanischer Schriften war während der fünfhundert Jahre türkischer Herrschaft verboten. Zwar konnte Frashëri einen gewissen Einfluss geltend machen und ab und zu das Veröffentlichungsverbot für Albanischsprachiges etwas lockern, trotzdem erschienen seine großen Lyriksammlungen bei einem Verlag in Bukarest. Nicht in Albanien. Das patriotische Gedicht „Albanien“ (Shqipëria), das später zum Symbol für die Nationalbewegung schlechthin wurde, verbreiteten die Patrioten ab 1880 als Handschrift, erst 1897, drei Jahre vor dem Tod des Dichters, wurde es tatsächlich veröffentlicht.

Um seinen Bruder Sami, ebenfalls Schriftsteller, aber vor allem Aktivist in der nationalen Befreiungsbewegung, schließt sich ein weiterer Kreis nach Wien. Sami Frashëris Schrift „Albanien – was war es, was ist es, was wird es werden. Gedanken und Betrachtungen über die unser geheiligtes Vaterland Albanien bedrohenden Gefahren und deren Abwendung.“, mit der er erstmals den Anspruch der Albaner auf einen unabhängigen Nationalstaat formulierte, erschien 1913 bereits in deutscher Übersetzung. In Wien.

1912 wurde die Unabhängigkeit des Landes ausgerufen, und erst ab diesem Zeitpunkt weitete sich der Kreis der auf Albanisch Schreibenden. Wie geschrieben wurde, war erst wenige Jahre vorher beschlossen worden. Bei einem Kongress im mazedonischen Monastir im Jahr 1908 legte eine Versammlung von Schriftstellern und Intellektuellen, deren Beitrag zur nationalen Identitätsbildung man nicht unterschätzen darf, die Grundlagen der albanischen Sprache fest. Der Kongress entschied unter anderem, dass das Albanische mit lateinischen Buchstaben zu schreiben ist. Bis dahin war parallel dazu die griechische und vereinzelt sogar die arabische Schrift verwendet worden.

Die Einführung des Albanischen als Amts- und Schriftsprache bildete einen wichtigen Grundstein im Fundament der neuen kulturellen Identität des jungen Staatsgebildes. Dementsprechend patriotisch geprägt präsentierte sich die „wiedergeborene“ Literatur der „Rilindja“ im beginnenden zwanzigsten Jahrhundert. Literatur und Politik gingen Hand in Hand. Auch das Wirken von Gjergj Fishta, der erste je für den Literaturnobelpreis nominierte albanische Schriftsteller, fällt in diese Zeit.

Die kommunistische Diktatur umarmte die Dichter der Rilindja begeistert, passten sie doch genau zum regimekonformen Ideal von Literatur: revolutionärer Optimismus, naiver Realismus, kollektives Bewusstsein. Insbesondere die Lyrik wurde zur Propaganda für den „Erfolg“ des Systems instrumentalisiert.

Erstmals in der Geschichte des Landes war nun aber die Literatur ein Pflichtfach an den Schulen, und erstmals fand der Unterricht auf Albanisch statt. Von literarischer Freiheit konnte klarerweise keine Rede sein. Oft wurden die Notizzettel einfacher Bürger kontrolliert und konfisziert. Ein „falscher“ Satz, ein halbes Gedicht, wie das von Visar Zhiti konnte Folter, Zwangslager oder jahrzehntelange Haft zur Folge haben. Nicht einmal der damals schon bekannte Ismail Kadare entging der Zensur. Seine verbotenen Schriften lagen aber in einem Tresor in Paris, und er wohnte im Regierungsviertel, zu dem gewöhnliche Bürger keinen Zugang hatten.

Ein Fenster, ein Spiegel
„You’re still living in communism!“, schrie Mimoza Ahmeti entsetzt auf, als ich ihr die österreichische Verlagswelt schilderte, und erklärte, dass alle Literaturverlage staatlich subventioniert werden (müssen). Wir durchkämmten das Internet auf der Suche nach Verlagen, die hohe Auflagen und Verkaufszahlen haben und keine Subventionen bekommen. So einem Verlag wollte sie ihr Manuskript anbieten. Der Verlag mit den höchsten Auflagen war – Sie werden es vielleicht erraten – einer, der Pornografisches auf den Markt bringt. Mimoza Ahmeti hat (und ich bewundere ihren Mut) tatsächlich angerufen. Zum Glück ist ihre Geschichte aus der Seegasse 21 des 9. Wiener Gemeindebezirks nun – u.a. dank Subventionen – doch in der vorliegenden Zeitschrift gelandet.

Altbekanntes so zu betrachten, als hätte man es noch nie gesehen, erfordert Courage; ein Fenster kann sich plötzlich als Spiegel erweisen. Und allzu leichtfertig wird so eine Courage mit Naivität verwechselt. Die Nicht-Abgeklärtheit der albanischen Literaturschaffenden haucht dem, was es in Wien zu sehen gibt, und nicht nur dem, vielem, was wir hinter einem Schild „Berühren Verboten!“ als museale Statuen in Glasvitrinen stehen haben, frisches Leben ein. Wenn die Mund-zu-Mund-Beatmung gelingt, werden Sigmund Freud und Madame Bovary miteinander zum Tee geladen. Der albanische Erfindungsgeist kann endlich alle Grenzen überschreiten. Und der österreichische Leser darf sich wundern, wie uneingeschränkt sich Schriftsteller aus einem „muslimischen Land“ auf die Seite der Christen schlagen.

Die hier zu Wort kommenden Schriftsteller sind eine Auswahl und können als solche nur pars pro toto stehen, wie auch die Verbindung Wien – Tirana beispielhaft für die vielen Bande steht, die sich zwischen Städten knüpfen. Alle vier Autoren sind in Albanien aufgewachsen. Jetzt lebt jede(r) von ihnen in einem anderen Land.

Frage: Was haben die folgenden europäischen Hauptstädte gemeinsam: Rom, Amsterdam, Tirana, Wien?
Antwort: In jeder von ihnen lebt (mindestens) ein albanischer Schriftsteller.

Viele albanische Schriftsteller schreiben nicht (nur) albanisch. Wer außerhalb des albanischen Sprachgebiets gelesen werden will, muss übersetzt sein, oder gleich in einer anderen Sprache schreiben. (Deutsch hingegen ist die meistgesprochene Muttersprache der europäischen Union und eine der zehn größten Sprachen weltweit.)
Ich denke aber nicht, dass die albanische Sprache kaum ein Jahrhundert nachdem ihre Schreibweise erst festgelegt wurde schon wieder riskiert, durch andere, größere ersetzt zu werden. Ich denke vielmehr, dass die alte albanische Tradition des Schreibens in mehreren Sprachen wieder auflebt; eine Tradition, die ich übrigens auch eine österreichische finde, obwohl sie, da das Deutsche eine so große und prominente Literatursprache ist, für uns weniger dringlich erscheint. Vielsprachigkeit ist jedoch auch ein Garant für gedankliche Vielfalt.

Die Gelegenheit
An dieser Stelle muss ich die Gelegenheit nützen, ein für allemal ganz vorläufig zu beantworten, was ich immer gefragt werde. Ob ich albanische Wurzeln habe? Oder warum um Gottes Willen ich Albanisch gelernt habe? Oder wie man sich um Gottes Willen sonst für Albanien interessieren kann, ein Land voller Krimineller, das (angeblich) die Zügel des österreichischen Drogenhandels in Händen hält.

Um von hinten nach vorne anzufangen. Ich kenne keinen Albaner, der Drogen nimmt oder mit Drogen handelt. Ein Freund von mir überlegte einst kurz aber sehr ernsthaft, mit Heroin gefüllte Kondome zu schlucken und mit diesen im Magen ein Flugzeug nach Spanien zu besteigen. Die Überlegung entsprang der Verzweiflung darüber, dass er als ausgebildeter Geometer mit Studienabschluss in Österreich sechs Monate lang beruflich nichts anderes tun konnte, als Mitten in der Nacht oder in aller Frühe in eiskalten Wohnstrassen Stapel von Zeitungen oder Werbematerial zu verteilen. Als ich ihm erzählte, dass die Kondome in seinem Bauch platzen könnten und er sterben, ließ er von dem Vorhaben sofort ab.

Ich bin in Bad Ischl geboren, dort gibt es einen Weg, der vom Kalvarienberg durch den Wald zur Ortschaft Pfandl führt. Der Weg heißt Kaiserin-Elisabeth-Waldweg und ich bin ihn oft gegangen. Er ist drei Kilometer lang und wurde, wie man sagt, zum Andenken an die in Genf mit einer zugespitzten Feile ermordete Kaiserin und Gattin Franz Josefs I. angelegt. Sehenswürdigkeiten am Wegesrand waren eine Sandgrube und ein Himbeerschlag. Am Ende des Weges wohnte meine Großmutter, bei der ich immer das Gefühl hatte, dass ich zu ihr gehöre.
Von klein an wollte ich dort weg.

Mein Vater hatte einen Bildband, auf dem in roter Schrift „Albanien“ stand. An die Bilder kann ich mich nicht erinnern, nur an die Schrift. Ich weiß nicht, ob ich je gefragt habe, was denn dieses Albanien sei, oder ob wir je darüber gesprochen haben. Als ich zum ersten Mal einem Albaner begegnete, kam mir jedenfalls sofort der Bildband meines Vaters in Erinnerung, und ich unterhielt mich extra lang, um meinem Vater später davon erzählen zu können.

Zum ersten Mal nach Tirana fuhr ich ungefähr zu der Zeit als Ilir Ferra nach Wien übersiedelte und ins Realgymnasium in der Diefenbachgasse eintrat. In Tirana traute ich meinen Augen nicht. Die Strassen waren breite Alleen. Die Häuser hatten Gärten mit Bäumen voll Früchten, die ich zum ersten Mal auf Bäumen wachsen sah: Orangen, Zitronen, Feigen, Khakis, Granatäpfel. Letztere aß ich damals zum ersten Mal, und vermutlich habe ich auch Feigen und Khakis zum ersten Mal in Tirana gegessen. Und ich traute meinen Ohren nicht, weil alle Leute, die ich kennenlernte, mehrere Sprachen konnten, die Älteren oft sechs oder sieben: Italienisch, Französisch, Türkisch, Russisch, Serbisch, Deutsch und Albanisch. Und viele waren wunderbare Musiker, spielten diverse Instrumente, und wenn sie keins spielten, sangen sie unglaublich gut. Viele hatten die Wände voller Gemälde, oder waren selbst Maler, machten nebenbei aber noch eine Reihe anderer Dinge, dichteten oder befassten sich mit Wissenschaft. Alle waren sehr belesen, sprachen von Dostojevski und Tolstoj und Kafka, und von Eltern oder Großeltern, die in Moskau studiert hatten, oder Bologna, oder Istanbul, oder Wien. Solchen Leuten war ich bis dahin in meinem sechzehnjährigen Leben noch nie begegnet. Ich muss besonderes Glück gehabt haben, aber mein intellektuelles Leben begann in Albanien.

Es begann zu einer Zeit, da man bezahlte, um im Kofferraum eines Autos mitfahren zu dürfen; zu zweit, denn vorne saßen schon sieben andere. Und als man den Dajti, den 1600 Meter hohen Hausberg Tiranas, nur zu Fuß besteigen konnte, am Rückweg eventuell ein Stück von einem vollgeladenen Militärlaster mitgenommen wurde. Heute bringt einen die Seilbahn in dreizehn Minuten hinauf. „Dajti Ekspres“, die 2005 eröffnete erste Seilbahn Albaniens, geliefert von der österreichischen Firma Doppelmayr. Das nach dem Berg benannte Hotel Dajti aus den 30er Jahren – unter kommunistischem Regime bestes Haus der Stadt, wenn nicht des Landes (obwohl von kapitalistischen Italienern errichtet) – ist mittlerweile zu und dem Verfall preisgegeben. Seine Aufgabe übernahm das österreichische, nach dem Kärntner Baumeister benannte Hotel Rogner. Im ganzen Land leuchtet nachts das gelbe Wappen der Raiffeisenbank.

Albanisch gelernt habe ich, weil die Albaner mir verboten, es zu sprechen. Pscht! Sprich jetzt nicht Albanisch, sagten sie auf Italienisch, wenn wir in den Mailänder Säulengängen flanierten, und Albanisch ertönte. Sie waren aus Tirana weggegangen, weil sie jahrelang im italienischen Fernsehen gesehen hatten, dass in Italien jeder eine glänzende Küche von Foppapedretti hat. Und weil sie auch so eine Küche wollten.

Die erste Frage kann ich nicht beantworten. Ich habe mich nie dafür interessiert, wer oder was die Großeltern meiner Großeltern waren. Und niemand hat es mir erzählt. Erst durch die so wiederholt gestellte Frage nach meinen albanischen Wurzeln bin ich auf die Idee gekommen, dass ich gar nicht weiß, woher die Großeltern meiner Großeltern waren. Vielleicht aus Tirana. Vielleicht aus Wien.

Die Zeit später, / wenn ich nicht mehr bin und die Zeit vorher, / als ich noch nicht war, / sind nicht ein und dasselbe, (...) trotzdem gleichen sie sich, wie /
„nicht mehr reden“ und „nie geredet haben“, heißt es in „Die erschaffene Zeit“.

Übrigens, unverdiente Liebe ist die einzig wahre.

 

 

Hilde Spiel. Rückkehr nach Wien. Ein Tagebuch, 1. Aufl. Nymphenburger, München 1968, 2. Aufl. Milena-Verlag, Wien 2009.

Visar Zhiti. Die erschaffene Zeit. Aus: Thesaret e frikës . Omsca-1. Tirana 2005.