Einander auf den Kopf greifen

Von Buenos Aires nach Feuerland

Am Fenster vorbei läuft ein Mann. Er trägt einen weißen Tisch am Rücken. Von klein auf hat er sich mit diesem Tisch auf dem Rücken befunden, weiß nicht woher der kam, noch wohin er ihn trägt; aber er trägt ihn. Das mindestens dachte ich, während der Kellner das offene Fenster wieder geschlossen hat, an dem der Mann vorbei gehuscht ist.
Meine Zeit in Buenos Aires verbrachte ich großteils mit warten. Zum Beispiel vor einem Gemälde mit einer rosafarbigen Landschaft wartend auf Signor Daniel, den Direktor des hiesigen Büros der Fluglinie. Painting the sheds of Lafonia hieß das Bild, zumindest stand das auf einem darunter angebrachten Schild. Signor Daniel hat auch keine Ahnung, wo mein Gepäck abgeblieben ist. Er bittet mich, in irgendeinem Büro am anderen Ende der Stadt vorzusprechen, erklärt mir umständlich den Weg, den ich später doch lieber auf der Karte suche. Dort würde ich eine finanzielle Entschädigung bekommen, sagt er. Fünfzig Dollar. In den fünf Tagen, die ich in der Stadt weile, packe ich jeden Tag meine Sachen zusammen, die wenigen, die ich für fünfzig Dollar erstanden habe. Ich habe nicht so lange vorbestellt im Hotel, so bleibt immer nur ein Zimmer übrig, das an dem Tag niemand gewollt hat. Zufällig ist es stets ein anderes, und zufällig abwechselnd immer eins der teuersten und eins der billigsten Kategorie.

Jeden Morgen und jeden Abend telefoniere ich unerschütterlich und geduldig – nur weil ich in der Fremdsprache nicht recht zu schimpfen weiß – mit verschiedenen Mitarbeitern des Internationalen Flughafens Buenos Aires nach dem Verbleib meines Gepäckstückes. Alle sind sie Männer und haben Stimmen, die sich schwer unterscheiden lassen, mir kommt vor, als spräche ich immer mit demselben, nur erinnert er sich von einem aufs andere Mal nie an das Gesagte. Alle sprechen sie spanisch, freundlich und verständnisvoll hören sich geduldig meine Klagen an, bis sie sich mit einem „Es tut mir leid“ verabschieden. Nichts geschieht. Das Gepäck bleibt verschwunden.

Ab und zu telefoniert der Portier mit den Hängewangen für mich. Unermüdlicher als ich selber wählt er eine halbe Stunde lang vergeblich, während ich Halbmonde verspeise. Zum Frühstück gab es in allen Hotels Milchkaffee und Halbmonde, die ich anderorts Kipferl genannt hätte. Der himmlische Name machte sie saftiger. Den einzigen, den er erreicht, ist ein Herr, bei dem ich mich hastig mit „falsch verbunden“ entschuldigen muss, als mir der Portier den Hörer ans Ohr drückt, denn der Herr ist kein Flughafenbediensteter. Im Hintergrund läuft, ungelogen, die ganze Zeit Tango.

Die Kellnerin abends war eine weiße Indianerin, servierte Tintenfische und Tortillas. Am Nebentisch zwei alternde Lockenköpfe, grau-blond und schwarz, ihre Tochter saß am Tischende im Fliegenpilzkleid, knallrot mit weißen Tupfen. In einem anderen Restaurant glichen sich die Kellnerinnen, als wären sie dafür eingestellt, waren aber offensichtlich keine Schwestern.
Draußen vor dem Fenster saßen sich auf den Stufen zu einem Hauseingang zwei gegenüber. Sie griffen einander auf die Köpfe. Sahen sich dabei in die Augen. Als ein Herr nach Hause kam, er trug einen Anzug, einen Hut, stieg er über ihre Rücken hinweg die Stiege hinauf, sie schienen ihn nicht zu bemerken. Er tat ganz, als ob sie nicht da wären. Der Plastiksack, den er trug, streifte ihre auf seinem Kopf liegende Hand.

An viel mehr erinnere ich mich nicht von der einmonatigen Reise nach Argentinien. Bis nach Feuerland bin ich gekommen, an die größten Gletscher der Erde, an den einzigen, der noch wächst. Eisbrocken groß wie Häuser fallen da aus dem Rand. Tribünen wie im Theater sind für die Touristen hergerichtet. Durch ein Dickicht aus Büschen und niedrigen Bäumen geht man hinauf zu den Holzplattformen, wo schon Fotografen bereitstehen, einen mit Blitzlicht vor dem fallenden Eis abzulichten. Sie gehören zum Dekor. Ein jeder Tourist hat nämlich eine eigene Kamera im Gepäck, digital und des Blitzens überdrüssig. Man drückt sie sich gegenseitig in die Hand, im zweifelsfreien Vertrauen, keiner werde damit über die Planken rennen und verschwinden, sondern ordentlich bemüht ein schiefes Bild zustande bringen, es zeigen, gefällt es Ihnen, hätten Sie es gern anders. Jeder ist bereit, es allenfalls nochmals zu probieren. Es ist soweit, das Lächeln schmilzt in der Hitze des winterlichen Sommers. Hier ist der einundzwanzigste Dezember der längste Tag im Jahr. So komme ich heuer zu zwei längsten Tagen, wie die Jungfrau zum Kind. Hüten sollte man sich vor zwei kürzesten Tagen in einem einzigen Jahr. Zum Glück kann die Möglichkeit, dass einem versehentlich drei passieren ausgeschlossen werden.
Im Laufe des Vormittags taut der Mund des Gletschers, wo er in den See züngelt. Zig Meter hohe Trümmer stürzen spritzend ins Wasser. Bei jedem Loslösen schreit die Menge, die Zuschauer, auf, applaudiert. Es ist wie in der Oper. Die Natur verbeugt sich nicht. Das kleine Boot, das einen ganz nahe an die blauleuchtenden Flanken bringen würde, wenn man zahlt, schwankt, schwappt beinah über vor Schaulustigen, die um ein Haar in den See gestürzt wären. Der Kapitän nimmt im entscheidenden Moment Reißaus. Bestimmt gibt es jemanden, der sich jetzt beklagt, weil er den azurnen Rachen des Eises nicht anhauchen darf.

Im Moor wenige Kilometer außerhalb der Stadt habe ich Gänse gesehen, mit aschfarbenen Häuptern, kleine Greifvögel - Bussarde oder Habichte – den Speichel eines Gletschers namens Albino, ein klarer Bergsee, an dessen Ufer niemand saß. Ja, die Gletscher wirken hier wie große in sich geschlossene Wesen, mit eigener Seele und einem Charakter der Zungen und Verdauung zulässt, auch wenn es anderorts nicht mehr wäre als gefrorenes Wasser. Fleischfressende Alpenblumen trugen erste Knospen und behaarte Blätter.

Ich wollte zu Fuß unterwegs sein. Wie viele andere auch, die in ihrem Zuhauseleben fortwährend sitzen. Die Einheimischen ritten oder fuhren mit dem Bus. Alle Touristen trugen ihre schweren Rucksäcke, schwitzten, wollten keine Hilfe, keinen Träger, kein Maultier. Lehnten sich ab und zu gegen einen Baumstamm, erkundigten sich bei einem anderen Wanderer, den man hierzulande unversehens Trekker nennt, wohl weil das die Mühe besser widerspiegelt. Unterwegs begegnete ich einem Australier, der einen kleinen handgemachten Teppich aus Peru liebte, ihn auf dem Rücken bei sich trug, weil er nicht wusste, wo ihn lassen. Zu Weihnachten hat ihm seine Frau ein geschnitztes Mylodon geschenkt. Ein riesenhaftes bodenlebendes Faultier soll das gewesen sein, gepanzert mit einem hornigen Schild, scharfe Klauen an den Extremitäten. In seiner Haut wuchsen kieselartige Perlen, um es noch unverwundbarer zu machen. Trotzdem nutzte dem Tier das alles nichts, und bereits Charles Darwin traf es ausgestorben an, als er Patagonien besuchte. Nur eine Haut mit Knochenresten fand er angeblich; aber die will auch Bruce Chatwin später noch aus der Erde eines Höhlenbodens gekratzt haben. Ich gestehe meine blühende Fantasie lieber voreilig ein: nein, gefunden habe ich rein gar nichts Fossiles, Unentdecktes auf meiner Reise.
Eine andere Reisegefährtin verzichtete auf den Titel „Trekker“ und ließ das Gepäck ihres Gefolges, fast könnte man es Hofstab nennen, denn sie hatte etwas von einer Prinzessin im Exil, von drei Chilenen tragen. Als wir einander einmal beim Bächlein trafen, das zwischen unseren Zelten lieblich über das zum Campieren im Nationalpark freigestellte Gelände floss, und in dem wir beide, ob es verboten war, weiß ich nicht, unsere Füße badeten, offenbarte sie mir ihre Herkunft: Persien. Sie lebt allerdings schon seit mehr als drei Jahrzehnten in Amerika, ihr Mann ist Deutscher. Ihre Tochter ist eine gelangweilte Blonde, die mit Plastikschuhen im Zelt liegt, kaum je herauskommt auf die Wiese, wie sehr ihre Mutter auch rufen mag, dass es herrlich sei. Die persische Prinzessin ist nie ohne ihren schwarzen Samthut zu sehen, und trägt immer eine enge Sporthose bis ans Knie. Unter den Knien sind ihre Beine zerkratzt vom Gestrüpp am Wegrand.

Dann kam der letzte Morgen vor der Abreise, der erste Tag eines neuen Jahres. Er packte mich am Arm, während ich frühstückte. Er hielt einen Daumen nach oben. Bereits vorher, als ich ins Bad gegangen war, hatte ich ihn gesehen, wie er unten an der Stiege stand, den Kopf schief auf seine gefalteten Hände gelegt. Jetzt wiederholte er diese Geste. Er faltete die Hände, hielt sie sich neben die Wange, neigte den Kopf und legte ihn darauf. Vielleicht hatte er gemeint, ich sei verschlafen gewesen, als ich ins Bad gegangen war, während er am Stiegenabsatz stand, meinte, ich sei noch immer verschlafen, oder ich hätte verschlafen und ihn zu lange warten lassen, neben seinem gedeckten Tisch.
Jetzt drehte er den Fernseher auf. Fallschirmspringer wurden da gezeigt und implodierende Häuser. Menschen, die von Brücken auf Pflaster sprangen, ohne Seil. Flugzeuge, die an Felsen zerschellten. Ich verschluckte mich am Tee. Er war zu heiß. Um ein Haar hätte er mir auf den Rücken geklopft, glaube ich. Er kam verdächtig nah heran.
Eine Katze kam um die Ecke, aus der Küche vielleicht, denn gerade vorher hatte er gebackene Eier um dieselbe Ecke getragen. Die Katze war jung, schnurrte, sprang mir auf den Schoß. Wieder kam er nahe, packte mich am Arm, hielt einen Daumen nach oben, Richtung Zimmerdecke. Er ging ein paar Schritte zurück, stellte sich zwei Meter vor mir auf und tat, als hielte er einen Fotoapparat in der Hand, fotografierte mich, mit seiner Kamera, mit der Katze auf dem Schoß. Er drehte sich um, stellte sich unter den Fernseher, der in einer Art Schachtel an der Wand klebte, oberhalb des Fensters angebracht, und beobachtete aufmerksam, wie Häuser implodierten, Autos in die Luft gingen, Fallschirmspringer aus Hubschraubern sprangen und ihr Schirm nicht aufging. Dann drehte er sich wieder um, führte die Hand an den Mund, tat als steckte er sich Stücke Essbares hinein, hielt mit der anderen eine imaginäre Tasse, tat als tränke er daraus, deutete auf den Tisch, auf meinen Teller darauf und die leere Tasse daneben. Ich schüttelte den Kopf. Nein, weder Toast wollte ich, noch Tee.
Er berührte mein Haar mit Daumen und Zeigefinger, und gleich darauf das Fell der Katze, grinste, gestikulierte etwas, das heißen mochte, mein Haar sei wie das Fell der Katze. Er amüsierte sich, fotografierte uns noch einmal, mich und die Katze, registrierte uns in seinem imaginären Fotoapparat, für seine Ewigkeit, holte einen Kalender aus einer Lade der Kredenz, die sich in diesem Zimmer befand. Eine Lokomotive war auf dem Blatt des Januars 2007 abgebildet. Heute war der erste Tag dieses Monats. Versuchsweise hielt er den Kalender an die Wand unter dem Fernseher, zwischen die Fenster. Dann legte er ihn zurück in die Lade, verschwand um die Ecke und kam mit einem Kalender von 2006 zurück. Auch auf dem Titelblatt dieses Kalenders war eine Lokomotive abgebildet. Er rollte ihn zusammen und tat einen Gummiring um die Rolle. Eine Weile stieg er im Zimmer hin und her, schaute abwechselnd die Katze an, und mich, und die Explosionen im Fernseher. Schließlich legte er den zusammengerollten Kalender in die Lade, wo auch der neue war. Ich war froh, dass er ihn mir nicht schenken wollte. Ich stand auf, nahm meine Tasche, die neben dem Tisch am Boden lag, und winkte ihm. Sagte ein paar Abschiedsworte. Aus seinem halbgeöffneten Mund kam ein Hauchen. Er bewegte die Lippen, zeichnete Kodes in die Luft, die ich nicht zu entschlüsseln wusste, natürlich begriff ich, dass er sich ebenfalls verabschiedete.
Als ich die Haustür aufmachte, stand draußen seine Frau, eine kleine Chilenin mit blaugrünen Augen. Gehst du schon, sagte sie, und schlüpfte ins Zimmer. Sie war feucht und machte auch mich ein bisschen nass, als sie sich an mir vorbei drängte. Dann sah sie ihn, ihren Mann, wie er imaginäre Fotos machte.

März 2008