GELIEBTER QUÄLGEIST

 

Reib dir mit dem Finger über den Nasenrücken, zieh ihn nach vorne, riech daran. Riechst du etwas, riechst du zufällig auch getrocknete Kirschkerne? Sie haben lange in der Sonne gelegen, oder im Ofen. Unlängst war ich im Theater. Da ist es dunkel im Saal und man kann an den Fingern riechen. Auf der Bühne stand ein Fels, ein enormer Brocken, ein Einling, wie sie manchmal im Wald liegen, ein Fels, auf den man klettern kann, wenn man geschickt ist, oder von dem man runter fällt und sich die Knochen bricht, den Schädel einrennt. Möbel gab es im Hintergrund, einen Tisch, eine hölzerne Bank. Sehr schöne Musik. Männer mit hohen Sängerstimmen, Frauen mit tiefen. Ein bisschen feucht waren die Augen der Darsteller. Sie waren gerührt über sich selber und was mit ihnen geschah. So sah es aus. Später kam das Feuer, es entspross den Planken, und mit ihm der Weltuntergang. Auf der Bühne geschieht das, indem ein Stück fällt, aus dem Gebälk, ein halber Plafond. Bevor er dem Publikum auf die Köpfe fiel, fingen ihn Ketten. Er pendelte, als vieleckige Platte. Im Zuschauerraum spürte ich die Hitze des aus dem Boden blühenden Feuers, wie rasendwachsende Gladiolen züngelte es aus dem Holz, zum Glück war es in Vasen gestellt, sonst hätten wir alle gebrannt, bis in die neunte Reihe. Ich war froh um den Felsen, der ungerührt blieb. Alles wie im richtigen Leben und alles simuliert. Der Fels war natürlich aus Pappmaché. Das hätte ich aber nicht bemerkt, wenn ich es nicht gewusst hätte.

Das Theater spielt das Leben nach oder vor, damit wir es besser sehen. Ein Heimkehrer tritt auf. Man weiß, dass er einer ist, weil er sich freut und überrascht tut, den Boden küsst, ihn umarmt, soweit man etwas Flaches umarmen kann, er drückt sich an ihn, drückt seine Haare in den Sand, lange Haare hat er, grauen Filz. Er muss lange fort gewesen sein, in der Fremde ist er nicht zum Friseur gegangen. Der Fremde hat er nicht vertraut. Dazu kannte er sie zu wenig. Man weiß, dass er ein Heimkehrer ist, weil ihn niemand mehr erkennt. Seine Frau nicht, sein Knecht nicht. Er ist reich, das weiß man auch, wer einen Knecht hat und eine Frau, der kann sich wohlhabend nennen. Das Feuer, wie es aus dem Boden spross, der ein Acker war und gleichzeitig Wohnzimmer, im Theater geht das, dieses Feuer galt ihm, dem Mann, der herangeschritten kam. Die Erde erkannte ihn, und er erkannte sie. Er wähnte sich im Paradies, und er ist im Paradies, denn diese Welt ist die seine, er vertraut ihr, wird sich die Haare schneiden lassen, den Bart. Andere Welten kennt er zuwenig und traut ihnen nicht.

Wir kennen ebenfalls nur diese eine, oder höchstens ein paar andere, die wir nachts als Lichtpunkte bewundern, falls die Wolken nichts verfinstern. Seltsam ist es mit den Wolken, tritt man nahe genug heran, sind sie durchsichtig, aus der Ferne verbinden sie den Blick.

Im Theater trat einer der Lichtpunkte als Gestalt aufs Parkett. Wie ein Mensch sieht er aus, nur trägt er einen Adler auf der Schulter, das tun Menschen selten, zumindest habe ich noch nie einen gesehen. Höchstens die Zeichnung eines Adlers habe ich sie tragen sehen, dann aber verdoppelt, auf Stoff gedruckt, an einer Stange flatternd, das nennen sie Fahne. Der Vogel ertrug es mit Würde, scheinbar ungerührt. Um seinen rechten Vogelfuß hatte er eine Schlinge, daran ein Seil, ja, er war festgebunden, man trug hier einen Raubvogel in ein Theater, dessen Boden gerade zuvor noch Feuer gespieen hatte, hat den Vogel auf die Schulter eines Sterns gesetzt. In einen Umhang gekleidet geht der Stern, einige Lappen aus grobem Textil, und läuft, mit Beinen wie du und ich. Ob der Stern wirklich einer war, oder gar heimlich abends oder zwischendurch seinen Finger am Nasenrücken rieb, und als er daran roch, duftete es nach ausgetrockneten Kirschkernen? Und später gar auf Fingern pfiff, auf zweien davon, er steckte sie sich in den Mund?

Ich frage nach, bei Direktor: wie ist das möglich. Woher kommt der Adler. Woher die Quälerei? Nennt man das nicht so?

Der Adler sei eine lange Geschichte, sagt der Direktor, von Hand aufgezogen, als Junges gefunden worden, von einem Forstarbeiter, aus dem Nest gefallen vom Boden aufgeklaubt. Ein Adlerkücken. Adler nisten in steilen Felswänden. Daher der Fels im Theater? Nein, der Fels gehöre Penelope. Sie warte auf Odysseus. Diese Geschichte wird also auch noch immer erzählt? Sie wird, sagt der Direktor. Zurück zum Adler. Er wuchs im Käfig auf, zum eigenen Schutz. Im Wald hätten ihn die Tiere gefressen, Füchse zum Beispiel, auch Geier. Verloren hätte er sich im dichten Wald, im offenen wäre er zu sichtbar gewesen. Im Käfig fütterte ihn eine junge Frau. Er wurde schnell größer. Zuallererst wuchs ihm der Blick. Aus seinem Gitterzimmer heraus starrte der junge Adler die junge Frau an, wenn sie ihm zu fressen gab. Rundherum war Luft, Wald und Gebirge. Doch der Adler sah vor allem die Stäbe, dachte die junge Frau, wenn sie seine Augen mied. Adler aufzuziehen ist keine leichte Sache. Man sollte den Adlermüttern etwas Achtung entgegenbringen; einen Mensch aufzuziehen ist ein Klacks, im Vergleich mit einem Adler.

Dort, wo der Adler herkommt, der jetzt auf der Schulter des Jupiter dahergekommen ist, jagen Adler Schildkröten. Von großer Höhe lassen sie Schildkrötenschalen mit dem noch lebenden Fleisch darin auf blankes Gestein fallen. Tote Schildkröten frisst ein Adler nicht. Sonst wäre er kein Adler, sondern ein Geier. Die Schale zerbricht, der Vogel hackt in das Fleischige und trägt im Schnabel Stückchen ins Nest. Ist das gemein von den Vögeln, dumm von den Kröten? Für das Adlerkücken mit den glühenden Augen tat die junge Frau, was sonst Höhe tut und Fall, sie schlug mit einem Stein auf  den Schildkrötenpanzer bis er zerbrach, das sich in ihm verbergende Tier frei gab, setzte dem jungen Adler die Speise noch lebend vor. Er wuchs rasch, wurde größer, ist jetzt im Theater zu sehen. Später hat er sich an Katzenfutter gewöhnt. Die Dose macht ihm jeder gerne auf.

Im Theater wird viel gesprochen, Herr Direktor, ist es nicht so? Seine Zeit sei fast zu Ende, sagt der Direktor. Bald müsse er gehen. Die Vorstellung, die hätte ich ja gesehen. Vom tierschutzfachlichen Aspekt, also, da würde ich ihm zustimmen müssen, sei sie unbedenklich. Ich grüßte den Direktor. Die Ungedanken blieben. Schließlich war die Vorstellung noch nicht beendet. Der erwachsene Adler verließ die Bühne, würdevoll, wie er gekommen war, auf der Schulter des Sterns in seinem wallenden Gewand.

Wir sind schnell zufrieden mit uns und applaudieren uns laut. Wir haben recht damit, denn sonst würde es bestimmt keiner tun. Der Applaus ist eine Erfindung des Menschen, recht originell. Wir halten uns gern für etwas Besonderes, und der Applaus hilft uns, uns das immer wieder zu bestätigen. Besonders besonders finden wir, dass wir reden können, da machen wir ein rechtes Theater darum, nicht nur im Theater. Und besonders ist es auch. Im Besonderen gibt es keine Steigerungsform, gäbe es sie, würden mir Elefanten noch besonderer erscheinen. Elefanten sprechen so tief, dass wir es nicht hören können, hören mit den Füßen, fühlen die Elefantenworte über den Boden kriechen. Sie sprechen über weite Strecken hinweg, belauschen einander kilometerweit, belauschen auch Löwen, hören Geräusche vom Löwen, die er selber nicht hört. Der König der Tiere verrät sich mit den tiefsten Tönen seines eigenen Gebrülls, unhörbar für ihn, als würde ein Tauber sprechen, und nur, wenn jemand es ihm aufschreibt, merkt er, was er gesagt hat. Die Elefanten warnen einander, wenn der Löwe sich nähert, bringen ihre Jungen in Sicherheit. Bis er ankommt, auf leisen Tatzen und doch zu lärmig, sind sie schon weg.

Ein Elefant hört, was da ist, auch wenn wir es nicht sehen. Ein Elefant spricht über das, was es gibt. Was ich an uns am „meist besondersten“ finde, ist, dass wir von Dingen reden können, die es nicht gibt. Ein Theater mit einem Fels aus Pappmaché, wo Penelope auf ihren Mann wartet und ein Adler auf der Schulter eines Sterns sitzt, ein Löwe in eine Schublade passt, samt einer Herde Elefanten, daraus habe ich sie heute Nachmittag hervorgezogen.

Es fällt mir schwer, ein Ohr von jemandem zu essen, kann ich sagen. Und Sie würden Ähnliches sagen, nehme ich an, obwohl die meisten von Ihnen keine Vegetarier sind, wie die Elefanten und ich. Sie brauchen auch kein Vegetarier zu werden, solange Sie keine Elefanten essen, Artischocken tun mir ebenfalls leid, vor allem wegen der Herzen, und gerade die schmecken am besten, Karotten bemitleide ich weniger, hätten sie halt tiefer wurzeln müssen. So hat jeder seine Vorlieben. Ein Elefant frisst circa zweihundert Kilogramm Zweige und Gras pro Tag. Ich kann nicht im Gras sitzen, sagt mir eine Freundin. Und natürlich ist das nicht wahr. Was sie meint ist, sie habe keine Ruhe im Gras zu sitzen, ginge lieber um die Wiese herum oder quer durch sie hindurch.
Einmal bin ich mit ihr um eine Wiese gegangen, hinter der Wiese war ein See. Wir standen auf der Brücke, lehnten uns übers Geländer und im Wasser bewegte sich etwas. Da schwamm etwas, das ich noch nie schwimmen gesehen hatte. Es war keine Kaulquappe, auch kein Frosch und sicher kein Fisch, denn Fische schwimmen nicht auf der Oberfläche. Es schwamm und kam näher, überraschend schnell. Manchmal schien es, als würde es die Richtung verlieren, es drehte sich im Kreis, paddelte im Zickzack, bis es den Kurs wiederfand. Wie ein winziges Boot sah es aus, mit den Fahrlinien im Wasser, als hätte es eine klitzekleine Schiffsschraube. Nach gar nicht allzu langer Zeit, kaum eine Viertelstunde wird es gewesen sein, erreichte das Wesen das Ufer des Sees. Es kroch an einem Stein aus dem Wasser, schien gar nicht müde. Es saß in der Sonne, hielt seine Flügel gespreizt. Es war eine Hummel. Dass Hummeln, wenn sie ins Wasser fallen, nicht zwangsläufig ertrinken, habe ich nicht gewusst.

Gras, sage ich, Artischockenherzen, Freundin, Elefant, eine schwimmende Hummel, und all das steht im Raum, unversehens, als wäre es aus den Wänden geschlüpft, und der Raum dehnt sich, wird groß genug für eine Savanne, in der Teller aus geflochtenen Zweigen stehen, mit gebackenen Ohren darauf - nebenbei gesagt, manchmal denke ich, das einzige, was wir wirklich erfunden haben, wir federlosen Zweibeiner, ist das Kochen, - das können nicht einmal Elefanten.

Die Sprache ist einer der wenigen Rohstoffe, die mehr werden, während man sie verwendet, sogar, wenn man sie verschwendet. Und so kann ich Sie auch alle einladen, zu mir nach Hause, denn die Sprache ist das Daheim, das ein Schriftsteller sich aussucht. Seine Eroberungen aber bestehen nicht im Abringen von Land, das anderen gehört, nicht im Wegnehmen, sondern im Hinzufügen. In der Erschaffung von Land aus dem Nichts. Eine Bereicherung zu Kosten von niemandem. Das ist das Wunder daran.
Dafür liebe ich uns Quälgeister, dass wir das können, die Welt größer machen, sie beliebig wachsen lassen, nach innen, ohne sie einem anderen zu schrumpfen.

Der Mensch im Theater, in seiner Sprache, ist wie eine schwimmende Hummel. Er überrascht mich, zeigt, was er kann. Im Theater liebe ich den Menschen, den gefallenen Stern, die Hummel. Wie er nach dem Ort sucht, von dem er kam. War es gar eine Insel, die danach versank? Weil er sich erinnern kann, obwohl das gar nicht sein kann, dass man sich an etwas erinnert, das nicht war. Der Mensch erinnert sich trotzdem: dass er nicht immer da war und nicht immer da sein wird. Und so sucht er weiterhin den Ort, die Insel, erzählt sich, dem Odysseus, von seiner Odyssee.

Wir machen gern viel Theater, glauben, alles fertigzubringen. So spielen wir, so sind wir lebendig. Der Adler kann fliegen, wenn er will, hinaus durchs Dach des Theaters, lässt sich von uns nicht halten. Er würde einen Abdruck hinterlassen im Gebälk, ein geflügeltes Oval. Der Adler ist älter als wir, jünger als die Schildkröte, die er frisst, er lässt uns gewähren, das Theater aufführen, ein paar Millionen Jahre lang.

Vorhin war ich draußen, es lagen schon Nüsse im Gras. Wie Nüsse riechen meine Finger bestimmt nicht, wenn ich sie mir über die Nase gerieben habe. Eine Nuss ähnelt einem kleinen Hirn, in ihrer Schale, steigt man drauf, bricht sie auf, der Schildkröte gleich, wenn der Raubvogel sie fallen gelassen hat, und man kann sie essen. „Mortal cosa son io, fattura humana/tutto mi turba, un soffio m'abbatte.“ (Aus: Il ritorno d’Ulisse in Patria, Claudio Monteverdi, Libretto: Giacomo Badoaro; 1641)– Ein sterbliches Ding bin ich, ich menschliche Machart/alles stört mich, ein Hauch haut mich um.