Interview mit Visar Zhiti

 

Der albanische Schriftsteller Visar Zhiti war sechsundzwanzig Jahre alt, als er plötzlich auf offener Strasse verhaftet wurde. Grund für seine Festnahme war unter anderem ein Gedicht mit dem Titel „Die zweite Sonne“. Das Verlangen nach einer anderen Sonne wurde von den staatlichen Anklägern als Ruf nach einem Wechsel des politischen Systems interpretiert, und trug dem Dichter Gefängnis, Arbeitslager und Schreibverbot ein.

 

Gespräch und Übersetzung: Andrea Grill

 

Wann haben Sie zum ersten Mal den Wunsch verspürt zu schreiben, Herr Zhiti?

Sehr früh, schon als Kind. Ich habe geträumt. Auch die Kritzeleien, die wir an den Mauern machen, sind ein Ausdruck des Wunsches, zu schreiben, sind verlorene Gedichte. Mein erstes Gedicht habe ich im Alter von 15 Jahren veröffentlicht.

Wie haben Sie die Schule/Universität ausgewählt, die Sie absolvierten?

Wir hatten kein Recht uns etwas auszusuchen. Das erledigte der Parteistaat für uns wie es ihm passte. Ich gehörte zu einer Familie, die nichts von der Kommunistischen Partei hielt, die damals die einzige Partei Albaniens war; aber auch die Partei hielt nichts von uns. Mein Vater war im Gefängnis, er konnte weder seine Gedichte noch seine Komödien veröffentlichen. Den Bruder meines Vaters haben sie umgebracht, und auch einen zweiten Onkel, weil er angeblich Nationalist war und Gegner des Regimes. Meine Brüder durften nicht an die Universität.
Ich hatte Glück und erwischte ein kleines Tauwetter im Klassenkampf. Sie schickten mich nach Shkodra, in den Norden Albaniens, wo ich albanische Sprache und Literatur studierte. Eigentlich hätte ich nach dem Studium einfach ein Dorflehrer werden sollen. Von der Weltliteratur kannte man damals fast nichts, vor allem nicht von der zeitgenössischen. Man schimpfte darüber. Und auch ein Teil der albanischen Literatur war verboten. Nur, was dem sozialistischen Realismus entsprach, war erlaubt, also lang verstorbene sowjetische Schriftsteller und später chinesische. Lebende Schriftsteller stellten immer eine Gefahr dar.

Sie waren 10 Jahre im Gefängnis. Was waren das für Gedichte, wegen derer Sie verurteilt wurden? Welche Motive kamen darin vor? Waren die Gedichte bereits veröffentlicht, als Sie verurteilt wurden?

Ja, man hat mich wegen meiner Gedichte zu 10 Jahren schwerem Gefängnis verurteilt. Das waren keine Traktate, die den Untergang des Regimes verlangten, sie beschrieben einfach die Realität. Ich suchte nach dem Ursprung des Schmerzes, der menschlichen Traurigkeit, wollte dem Leiden, aber auch der Hoffnung auf die Spur kommen. Ich schrieb auch über mich selbst, mit Metaphern, in der Sprache Äsops, ich suchte nach einem besseren Leben, nach Öffnung, nach Humanismus, Freiheit, alles, von dem ich glaubte, Poesie müsse das suchen. Ich wollte keine Gegenpolitik betreiben. Es gelang mir, ein paar Gedichte in Zeitungen und den wichtigsten literarischen Zeitschriften zu veröffentlichen. Im kleinen Albanien führte das dazu, dass man mich kannte, im Viertel, in der Stadt, in anderen Städten. Aber auch die Geheimpolizei kannte mich. Als Student ordnete ich meine Gedichte dann zu einem Band, den ich unter dem Titel „Rhapsodie des Lebens der Rosen“ veröffentlichen wollte, und schickte ihn an den einzigen Verlag, den es gab, ein staatlicher. Er trug den Namen unseres Nationaldichters „Naim Frashëri“, selbst dieser Dichter wurde aber nur zensuriert veröffentlicht.
Mein Buch wurde nie veröffentlicht, es ist verloren gegangen. Es wurde als staatsfeindlich beurteilt, und – damals die übliche Vorgangsweise – man benachrichtigte das Zentralkomitee der Partei und das Innenministerium. So wurde aktenkundig, dass man mich überwachen und schließlich verurteilen musste.

Wer bestimmte, welche Gedichte „gut“ waren und welche „Agitation und Propaganda“? Gab es da Literaturwissenschaftler oder Experten?

Das bestimmte der Staat, seine Organisationen, sogar das Gericht. Diese Institutionen wurden von den Redakteuren des Staatsverlages benachrichtigt. Sie holten sich auch bekannte Literaturkritiker zu Hilfe, Schriftsteller des sozialistischen Realismus, die wiederum von der Partei, dem Staat und der albanischen Schriftsteller- und Künstlervereinigung ausgewählt wurden. Die urteilten vor allem nach ideologischen und politischen Gesichtspunkten, und erst in zweiter Linie nach literarischen, und schickten dann eine schriftliche Information, ob das Werk „taugte“ oder „nicht taugte“. Ob man das Buch verurteilen musste, oder den Autor, oder beides. In Albanien wurden Schriftsteller ins Gefängnis geworfen, erschossen, umgebracht, sogar ihre Gräber waren verurteilt.

Wie haben Sie erfahren, dass die Gedichte, die Sie geschrieben hatten „problematisch“ waren? Wurden Sie sofort verhaftet? Oder hatten Sie die Möglichkeit, sich zu verteidigen, zum Beispiel durch Umschreiben der besagten Gedichte? Durften Sie den Versuch machen, sie auf „passendere“ Weise zu veröffentlichen?

Dem Ritual folgend bekam ich eine schriftliche Verständigung, dass meine Gedichte dunkel waren, pessimistisch, ohne Enthusiasmus, bourgeois-revisionistisch, also voll schwerer Fehler in der Konstruktion, einfach falsch. Ich weiß nicht, warum ich mich darauf einließ, ich überarbeitete sie, gab noch ein paar andere dazu und schickte sie nochmals hin. Aber den Spezialisten zufolge waren sie noch schlimmer geworden. Man verhaftete mich ganz unerwartet, mitten auf der Strasse, legte mir Handschellen an. Man sagte mir nicht warum, schloss mich einfach in die Zelle. Du bist ein Feind, sagten sie mir, ein Volksfeind. Aber was habe ich mir zu Schulden kommen lassen?, fragte ich. Gedichte, sagten sie. Und so musste ich die verfluchte Mission des Dichters auf mich nehmen.

Waren diese Anklagen gegen Ihre Gedichte, das erste Mal, dass Sie Probleme mit dem Staat bekamen?

Ja. Wie gesagt, ich galt als einer mit einer schlechten Biografie. Ich hätte kein Dichter werden sollen. Das haben sie mir klar gemacht, als sie mich verurteilten. Ich hatte vergebens gehofft, mein Leben durch das Schreiben von Gedichten ändern zu können. Geändert habe ich es tatsächlich, ich habe es in den Abgrund geführt. Aber was mich aus dem Abgrund herausgeholt hat, war wieder die Poesie.

Hat es eine Gerichtsverhandlung gegeben? Und wenn ja, wer war dort anwesend? Wie ging das vor sich?

Natürlich. Es gab eine öffentliche Verhandlung. Dafür wurden sogar Einladungen ausgeteilt, wie man sie heutzutage für eine Theatervorstellung oder eine Buchpräsentation verschickt. Der Saal war voll mit Leuten, die ich kannte, mit Kollegen, meinen Schülern, Provinzschriftstellern, ja, und auch der Dorfdepp war da. In jedem Ort gab es einen, den man sich als Verrückten hielt, obwohl er normaler war, als die damalige Zeit.
Das Tribunal bestand aus dem Richter, der auch heute noch Richter ist, und zwei Gehilfen, einem Arbeiter, der die Diktatur des Proletariats symbolisierte, und einer anonymen Frau, die die Emanzipation der Frau in der sozialistischen Gesellschaft symbolisierte. Ich saß auf der Anklagebank, mit Handschellen, zwischen zwei Polizisten. Um mir selber Mut zu machen, sagte ich mir Gedichte auf.

Ich weiß, dass es in Albanien Gefängnisse und Internierungslager gibt. Waren Sie in beiden?

Ich wurde zu 10 Jahren Gefängnis verurteilt und, als ich frei kam, war ich wieder verurteilt. Ich durfte meinen Beruf nicht mehr ausüben, durfte nicht mehr Lehrer sein. Ich arbeitete unter Aufsicht, wie ein Sklave, in einer Ziegelfabrik. Ich hatte das Recht verloren, zu veröffentlichen, ich durfte nichts mehr schreiben, und ich hatte auch kein Wahlrecht mehr. Es gab aber sowieso nichts zu wählen. Wen denn? Es gab keine Freiheit, nur ein formales Parlament, das aus Mördern bestand.

Entschuldigen Sie bitte die Frage, aber können Sie beschreiben, wie es im Gefängnis war?

Entsetzlich. Tag und Nacht Arbeit, ohne Samstage, Sonntage, hinter Stacheldrahtzaun, in einer unterirdischen Mine. Oft kamen wir nicht alle lebend wieder heraus, Gesteinsbrocken fielen da herunter, täglich starben die Leute. Aber der Gefangene konnte das Gefängnis nicht einmal tot verlassen. Man weiß nicht, wo sie die Toten hingeschmissen haben. Manchmal kam unter dem Matsch ein Schädel zum Vorschein.

Durften Sie lesen? Schreiben?

Man durfte lesen, ja. Schreiben nicht. Sie lasen uns die Parteizeitung vor „Die Stimme des Volkes“ und die mittelmäßigen Bücher des Diktators Enver Hoxha, selten auch Karl Marx. Das war zur Umerziehung gedacht, diese Lesungen machten Teil der Folter aus. Deshalb durfte man auch lesen, was vom albanischen Sozialrealismus publiziert wurde, während Stefan Zweig, zum Beispiel, verboten war. Aber auch Dostojevski. Wenn man über Kafka, Joyce, Camus oder Freud sprach, wurde man verurteilt. Obwohl man sich bereits im Gefängnis befand, wurde man noch einmal verurteilt. Und man durfte auch nicht sterben. Der Staat bestimmte, wann er einen ermordete.
Trotz aller Mühsal gab es immer wieder Leute, die heimlich Gedichte schrieben, sogar Romane. Zu denen gehörte auch ich. Am Anfang habe ich meine Gedichte auswendig gemacht. Meine Freunde im Gefängnis sagten zu mir: schreib sie auf und gib sie uns, damit wir sie auch auswendig lernen können, denn wenn du in der Mine umkommst, bleiben wenigstens deine Gedichte übrig. Sie sind Zeugen, ein Testament.
Aber ich schrieb eigentlich, um in mir das Gefühl hervorzurufen, dass ich ein lebendiger Mensch bin. Ich war innerlich frei, wenn ich schrieb, aus jedem Gefängnis befreit. Wir schrieben auf dünnem Zigarettenpapier, aber auch auf Zementsäcken. Das zu verstecken war eine eigene Hölle. Wenn sie etwas fanden, verurteilten sie dich noch einmal, oder sie erschossen dich. Sie verurteilten auch diejenigen, die das Zeug heimlich lasen und dich nicht verrieten. All das habe ich in den Romanen erzählt, die ich später veröffentlicht habe. Im Gefängnis haben wir den illegalen Leser erfunden, und die Gefängnisliteratur, die heute, glaube ich, eine große Veränderung in der albanischen Literatur zu Wege gebracht hat. Sie hat Wahrheit gebracht und Moral, Werte die, wie ich glaube, für die Literatur wichtig sind.

Konnte Ihre Familie Sie besuchen?

Den Regeln zufolge nur zwei Mal im Monat, für ungefähr 15 Minuten. Es gab auch längere Besuche, aber die musste man extra beantragen. Die Gefängnisse waren weit weg, mitten in den Bergen, die Straßen voll Schlamm oder Schnee, und daher kamen die Verwandten höchstens alle 2-3 Monate oder einmal im Jahr. Es kam auch vor, dass sie gar nicht wussten, ob wir noch lebten, und wir nicht wussten, ob sie noch lebten.

Wo haben Sie gelebt, als Sie verhaftet wurden? Hat Ihre Familie nach Ihrer Verhaftung Probleme bekommen?

Ich lebte weit weg von zuhause, eigentlich relativ nahe beim Gefängnis, in einem Dorf im Bezirk Kukës, an der Grenze zum Kosovo. Aber dort hinüber durfte man schon gar nicht schauen. Nicht einmal die Wolken außerhalb der Grenzen der Sozialistischen Volksrepublik Albanien durfte man loben, wenn sie einem hübsch erschienen.
Meinen Brüdern hat man die ärgsten Arbeiten zugeteilt. Der eine arbeitete in einer staatlichen Fabrik, die Äxte herstellte, und der andere produzierte Beton für die Bunker. In Albanien wurden rund 70 000 Bunker gebaut, die man überall aufstellte, am Strand, in den Bergen, an Straßenecken und sogar in den Geschäften. Es gab genug Bunker für alle Albaner. Nur je zwei oder drei Personen kamen auf einen Bunker. Und gleichzeitig gab es Familien, die fast obdachlos waren, in winzigen Wohnungen lebten. Heute sind die Bunker zu nichts mehr gut. Sie verfallen, auch in der Erinnerung.

Wann sind Sie aus dem Gefängnis gekommen, und wie ging ihr Leben danach weiter?

Ich kam nach dem Tod des Diktators heraus. Die Berliner Mauer stand noch. Ich kam frei, war aber nicht frei. Die Geheimpolizei verfolgte mich, versuchte, mich zur Zusammenarbeit zu überreden, mich zu erpressen, indem sie mir sagten, dass sie mich wieder ins Gefängnis stecken würden. Jetzt bin ich froh, dass ich die Kraft hatte, das entschieden abzulehnen. Ich fühlte mich vereinsamt und verraten, ohne Perspektiven, und gleichzeitig hatte ich eine sehr anstrengende Arbeit. Trotzdem fand ich auf wundersame Weise Zeit, zu lesen, und die Bücher wurden schwarz von meinen Fingern, weil da immer Erde dran klebte. Ich schreib weiterhin Gedichte, aber auch Prosa. Das Ganze vergrub ich, zusammen mit den Gedichten, die ich aus dem Gefängnis geschmuggelt hatte, im Boden. Also wieder wie ein Gefangener. Meine Schwester hatte ein Haus und einen Garten mit Bäumen. Wir wussten, die Bäume würden uns nicht verraten.

Wissen Sie, wer Sie angeklagt hat? Haben Sie diese Leute später noch einmal wieder getroffen? Oder die Wachposten aus dem Gefängnis? Nachdem Albanien so klein ist, wie Sie sagen, kann ich mir vorstellen, dass das gut möglich ist.

Die Partei, der Staat waren die Ankläger, und ich weiß, wen sie dazu benützt haben, um den Anklageakt vorzubereiten, einen mittelmäßigen Kunstkritiker und einen noch mittelmäßigeren Dichter. Ich habe sie getroffen.
Vor Gericht schleppten sie auch drei, vier Lehrer als Zeugen an, mit denen ich im Dorf gearbeitet hatte. Ich habe auch Wachpersonal aus dem Gefängnis getroffen, habe sogar mit ihnen Kaffee getrunken. Für die Tochter des einen habe ich ein Vorwort geschrieben, als sie ihren ersten Gedichtband herausbrachte. In meinem Albanien bittet niemand um Vergebung und niemand zeigt Reue, aber wir sind alle gleich stolz: der Verfolger, weil er verfolgt hat, der Verfolgte, weil er verfolgt wurde. Wir prahlen mit unserem Elend.

Wo leben Sie jetzt? Arbeiten Sie als Schriftsteller oder haben Sie noch eine andere Beschäftigung?

Ich lebe in Rom, mit meiner Frau und meinem Sohn. Ich arbeite an der albanischen Botschaft. Als Schriftsteller kann man nicht überleben, aber ich würde es gerne. Ein albanischer Schriftsteller trägt, auch wenn er aus dem Gefängnis herauskommt, weiterhin seine Zelle auf der Schulter, wie ein Lastenträger seine Kiste.
Aber die Veränderung nach dem Fall der Mauer war groß. So groß, wie wir es uns nicht einmal zu erträumen gewagt hätten. Ich kam aus einer Hölle, die schlimmer war als die Dantes. Und jetzt bin ich frei, in zwei dantesken Heimaten, einer irdischen und der des Traumes, der Poesie.

 

Visar Zhiti wurde 1952 in der Küstenstadt Durrës als Sohn des Schauspielers und Lyrikers Hekuran Zhiti geboren. Er veröffentlicht Lyrik, Prosa und Essays und lebt heute in Rom.
Sein 2004 erschienener und bisher bedeutendster Roman „Gott rückwärts und seine Geliebte“ spielt teilweise in Wien. Der Freund des Erzählers Felix ist Österreicher, genauer gesagt Wiener, und Fotograf.

Die österreichische Schriftstellerin Andrea Grill veröffentlichte letztes Jahr im Otto Müller Verlag den Roman „Tränenlachen“, die Geschichte eines Albaners mit österreichischen Wurzeln.