Panik

Comune di Marzabotto

 

Heute war ich in Panik. Das ist Panik: zwei Strassen mit einem Baum in der Mitte. Panik hat alles, was man dazu braucht. Zwei blühende Magnolienbäume, einer weiß, einer rosa. Einen Fluss mit einem grün bewachsenem Felsen darin. Eine Brücke über den Fluss. Eine steile Strasse mit Warnschild: Glatteisgefahr. Ein enigmatisches Männchen mit irrem Blick und graublondem Haar, das um die Ecken der Kirche schlich, sich von mir wohl Ähnliches dachte. Als ich auf der Mauer von San Lorzeno in Panico in der Sonne saß, vermeinte ich, zu hören, wie sein Stock aufs Pflaster tickte, ganz in meiner Nähe. Sobald ich die Augen aufmachte, kam das Geräusch von einem Stein, den der Wind vor sich her blies. Kinder klingelten mit Fahrradglocken. Das Tor der Kirche war versperrt.

Es war ein heißer Tag im März. Ich fuhr nach Monte Sole. Da sah ich einen Pfeil, der von der Hauptstrasse fort wies, auf einen schmalen Weg zwischen Büschen und Felsen, dennoch befahrbar. Friedhof von Panik verhieß das Schild, 2 km. Ich bog ab. Das Dorf weckte Vertrauen. Aus einem Fenster wehte ein blumengemusterter Vorhang. Im Garten der Kirche hingen Handtücher mit aufgedruckten Zeichentrickfiguren an der Wäscheleine. Das Haus dahinter war weiß mit grünen Fensterläden, im Schatten stand eine Zypresse; in der Sonne eine Laterne. Irgendwo stand auch ein Nadelbaum. In Panik war niemand, außer mir und dem Mann, der dieselben Dinge betrachtete, wie ich. Dass ich sie betrachtete, fand ich normal. Dass er sie betrachtete, war verdächtig.

Hinter dem Dorf lagen Felder brach. Zwischen den Erdbrocken flatterten weiße Falter mit orangefarbigen Flügelspitzen. Der Friedhof befand sich auf einer leichten Anhöhe am südwestlichen Ende der Siedlung. Der erste Eindruck, den er vermittelte, war eine Farbe: rosa. In ihr war die ihn umgebende Mauer gestrichen. Am halb-offenen schmiedeeisernen Eingangstor hing ein in Plastik eingeschweißter Zettel. Bald würde es in der Erde freie Plätze geben, besagte der Zettel. Nur frische Leichen allerdings seien zugelassen. Die Aschen müssten in die Wand. An den Stellen, wo sich das Plastik gelockert hatte, klebten Samen und Tannennadeln fingerdick neben der Bekanntmachung, als hätte ihr jemand sorgfältig und zärtlich einen Rahmen gebastelt.

Die Anlage erinnerte an eine kleine Stadt. Die meisten ihrer Bewohner lagen gestapelt in Fächern, wie in einem Schrank, oder in Kammern, die an die Außenmauer grenzten, sie verstärkten. Schwarze, goldene, weiße Aufschriften auf dem Stein und die dazwischen eingelassenen Fotos derer, die sie benannten, bildeten ein Mosaik, das mich in dem Augenblick, da ich dort in der warmen Luft stand, zwischen den Glücklichen, die einen Platz in der Erde ergattert hatten, unter ihnen ein Herr Dante Negri, zuversichtlich stimmte.

Auf dem Friedhof von Panik war ich grundlos heiter.

Aus einem gewissen Abstand betrachtet erinnerten die in fünf Etagen übereinander liegenden regelmäßigen rechteckigen Öffnungen auch an einen Bienenstock. Der Imker hatte aufgegeben. Die Bienen schliefen.
Einen, der in der Mauer Begrabenen, hatte eine Lawine vom Brenner geholt, neunzehnhunderteinunddreißig. Sabatino Giuliano hieß er. Vor seiner Gedenktafel lag ein Strauß gelber Plastikrosen. Zwei Leitern auf Rollen standen im Kies herum. Wollte man zu den Gräbern in den obersten Fächern gelangen, musste man auf eine von ihnen steigen. Zu ebener Erde schwelgten die Gräber unter üppigen Sträußen und Gestecken. Alles aus Plastik, wie ich nach einigen Minuten bemerkte.

An diesem sonnigen Nachmittag im März hatten sich für mich auf der Terrasse der Kirche von Panik alle Fragen vorläufig beantwortet. Jetzt, da ich Panik lokalisiert hatte, konnte mir nichts mehr geschehen. Jetzt, da ich wusste, wo es lag, konnte ich jederzeit hinfahren, würde ich nicht mehr in Panik geraten, sondern nach Panik gehen. Welch hervorragende Einrichtung, dieses Dorf. Am liebsten zöge ich hin, allein wegen der Adresse: Panik, Italien.

Nicht unweit davon lag Monte Sole. Ich stieg bis zum Gipfel. Die welligen Linien des Apennin verfärbten sich blau, an einer Stelle glänzte eine Flussachsel in den Tälern. Die Bäume waren noch kaum belaubt, aber auch wenn, hätten sie keinen dichten Wald ergeben. Nicht dicht genug, um sich darin zu verstecken oder zu verirren. Oben zeigte ein Gedenkstein mit einem Kreuz darauf die höchste Stelle an. Unter der Inschrift stand in rot Es lebe der Wolf auf den Stein gesprüht. Tatsächlich schien es in der Gegend nur Wildschweine zu geben. Erst später begriff ich, was hier geschehen war.

Das Gemetzel von Monte Sole, auch Blutbad von Marzabotto genannt, fand zwischen dem 29. September und dem 5. Oktober 1944 statt. Es war eine Racheaktion der Nazitruppen für die Aktionen der Partisanenbrigade Stella Rossa. Unter der Leitung von Walter Reder, auch mit dem Mord an Dollfuss in Zusammenhang gebracht, wurden innerhalb von sechs Tagen 770 Menschen hingerichtet. Berühmte Tatschauplätze sind eine Kirche, die mit den in ihr Betenden dem Erdboden gleichgemacht wurde und ein Friedhof, in dem sich Familien mit Kindern versteckt hielten. Übriges geschah auf den Abhängen des Monte Sole, die jetzt, bevor die Sonne unterging, schimmerten. Reder wurde 1951 von einem Militärgericht in Bologna zu lebenslänglicher Haft verurteilt. Im Dezember 1984 bat er in einem Brief der Selbstanklage die Bewohner der Dörfer um Marzabotto um Vergebung. 1985 wurde er der österreichischen Regierung ausgeliefert, und lebte bis zu seinem Tod 1991 völlig zurückgezogen in Wien.
Zehn andere Beteiligte wurden am 14. Januar dieses Jahres, zweitausendsieben, dreiundsechzig Jahre später, von einem Militärgericht in La Spezia in einer vier Stunden und fünfundvierzig Minuten dauernden Verhandlung für schuldig befunden. Dabei handelt es sich um Paul Albers, mittlerweile 88 Jahre alt, Josef Baumann, 82, Hubert Bichler, 87, Max Roithmeier, 85, Max Schneider, 81, Heinz Fritz Traeger, 84, Georg Wache, 86, Helmut Wulf, 84, Adolf Schneider, 87, Kurt Spieler, 81. Sieben andere Angeklagte wurden freigesprochen. Das Urteil (lebenslänglich) wurde in absentia ausgesprochen. Praktisch bedeutet das ein bis drei Jahre Hausarrest. Die betroffenen Gemeinden der Emilia Romagna sollen 100 Millionen Euro Entschädigungszahlung erhalten.

Als ich von Panik zurückkam, lagen knöcheltief weiße Konfetti auf den Stufen zur Haustür. Bologna feierte Karneval, nachdem er überall anders bereits vorbei war. Vierzig Prinzessinnen, drei Krokodile, ein Löwe und ein Soldat sprangen auf der Strasse herum und schmierten sich gegenseitig weißen Schaum in die Haare. Ihre Eltern standen Schlange vor einem Stand, der für 50 Cent fettige Teigfladen verkaufte, die nach nichts schmeckten und immer zu wenige waren, sodass die Schlange bis zum Ende des nachmittags nie kürzer wurde. Ich stellte mich sofort dazu.

Bologna, 17. März 2007