Placebohände & Jesuseffekt

Ich lese. Der Saal ist ganz still. Es ist fast immer ein Saal gewesen, Säle im weiteren Sinn. Einmal eine Kirche. An der Tür der Kirche ist ein großer Korb mit Äpfeln gestanden, durch ein Rundfenster sah man den Himmel, ein Sonnenfleck fiel herein. Einmal war es eine Galerie. Die Bilder an den Wänden boten den Zuhörern eine Alternative - es gab außer mir noch etwas anderes zu sehen. Einmal war es eine Universität. Einmal ein Haus in einer sogenannten „goldenen Kurve“. Einmal Daheim, die Zuhörer saßen auf dem Diwan, ich auf einem Küchensessel. Einmal ein Fernsehstudio.
Vor der Lesung im Fernsehstudio wurde ich unversehens gekämmt. Eine duftende Dame mit zahlreichen bunten Spangen im eigenen Haar beugte sich über mich. Sie schminken sich wohl nicht..., ich würde allerdings ein bisschen Puder..., darf ich, haben Sie den Scheitel links oder rechts, ach so Sie haben gar keinen Scheitel. Eine Quaste fährt mir übers Gesicht, die Finger der Dame zupfen an meinen Haaren. Zart bläst sie mir über die Stirn, eine Strähne liegt für eine halbe Sekunde im von ihr gewünschten Winkel. Ein bisschen Farbe steht Ihnen gut, sagt sie. Mit zwei Fingerspitzen greift sie mich am Kinn an, ein vertraute Bewegung, als hätte sie das schon oft getan, mich schon oft „behandelt“. Als wäre sie meine Mutter. Und wenn sie sich im nächsten Moment die Finger abschleckte und mir über die Augenbrauen striche, es würde mir nicht einmal mehr etwas ausmachen. Die Dame ist ein Goldstück. Ihr allein zu danken, dass meine Pulsfrequenz doch unter hundertzwanzig bleibt, während ich die breiten Stufen hinunter steige; mich hinsetze; keine Brille aufsetzen kann. Die Stille fängt an.

Noch bevor ich zu meiner ersten Lesung eingeladen wurde, hatte ich bereits unzählige Male gehört, wie arg es ist, Lesungen zu halten. Vorlesen vor Publikum verursache Rückenschmerzen, hatte ich gehört, Schreibblockaden, Appetitlosigkeit, Mordgelüste. Je größer das Publikum, desto größer das danach entstehende innere Loch. Es wieder anzufüllen dauere oft Wochen, wenn nicht Monate. Wer hat mir das bloß erzählt?
Ist das Vorlesen eigener Texte wirklich so schlimm, sogar für einen Schriftsteller, der doch Öffentlichkeit will? Oder sind wir einfach dran gewöhnt, Wesen zu sein, die leiden müssen? Haben wir es uns ausgedacht, um glaubhaft zu wirken? The artist as an exemplary sufferer, nannte Susan Sontag das. Ich würde es den Jesuseffekt nennen. Wer ernst genommen werden will, muss leiden oder zumindest gelitten haben. Bewunderung erntet, wer sich plagt. Dann darf er ruhig als Unsterblicher auferstehen. Um gar zu leichtfüßig daher Kommendes schwirrt der Hauch von Hofnärrerei. Und welcher Schriftsteller will als Kasperle gelten? Keine Sorge, auch ich hab schwere Stiefel mit.

Freilich, im Grunde ist nichts dabei. Der Platz am Pult der sicherste im Raum. Was man sich wünscht wird prompt erfüllt. Das Fenster zumachen. Das Fenster aufmachen. Wasser. Wein. Ein Kaffee. Die Lampe zurechtrücken. Ein bequemer Sessel. Und sogar gut bezahlt wird man dafür, dass einem alle Wünsche erfüllt werden, außer dem einen: heim zu gehen. Während die Zuhörer auf den viel unbequemeren Plätzen nichts zu trinken haben und bezahlen mussten für ihre Anwesenheit im Raum zusammen mit „mir“. Das Mir unter Anführungszeichen, weil es mir verdächtig vorkommt. Was sehen sie in „mir“? Warum kommen sie her, zu einer Zeit, da das Abendessen auf dem Tisch dampfen könnte, den Schriftsteller zu erleben, wie er da sitzt und aus dem vorliest, was man sich zwischen zwei Buchdeckeln ins Regal stellen könnte, ohne ihm je begegnen zu müssen, was man in jeder Buchhandlung besorgen könnte und sich selber bequem auf der Couch zu Gemüte führen? Ich sitze zur Verfügung. Alle können mich betrachten, wie ich lese, mich kaum verspreche, ein paar Mal natürlich schon. Heutzutage verhaspeln sich Dichter nur mehr äußerst selten, habe ich den Eindruck. Obwohl, früher war ich ja nicht dabei, früher kenne ich nur aus Tonbandaufnahmen. Haben Dichter seit jeher gut vorgetragen? Perfekt geübt, daheim vor dem freundebesetzten Diwan, vor den Spiegeln im Bad, mit einem Aufnahmegerät, neuerdings mit dem Mobiltelefon vielleicht, das kann auch Töne registrieren, bloß sind es nur drei Minuten, wenn es ein billiges ist, wie meins. Ja, ich habe es getan, schnell aufgenommen, wie die ersten zehn Sätze klingen. So wie sie jetzt klingen, während ich sie in die Stille hinein vorlese, waren sie nicht gemeint.

Wie konnte das passieren? Wenn ich doch der bin, der sie geschrieben hat. Wenn es mir doch so gut geht, da auf der Bühne. Abgesehen davon, dass es heiß ist, sogar wenn es kalt ist, die innere Hitze kaum zu verbergen, unversehens Rotwerden vor den Augen aller. Denn alle sind es, die einem zuschauen. Alle. Und keinen kann man fixieren, denn es sind zu viele, selbst wenn es zehn sind, und da ist der Text, den es nicht aus den Augen zu verlieren gilt, und gleichzeitig die Zuschauer beobachten, die eigentlich nur zu lauschen brauchen. Ob sie etwas hören können, bei der Aufregung? Das Umblättern des Publikums, das mitliest (sofern es sich um vom Fernsehen aufgenommenes Lesen handelt), einzigartig rauschender Blätterwald. Man möchte sich eine Träne aus dem Auge wischen, säße man nicht vor einer Kamera. Wenn es vorbei ist, steht der Vorleser schräg hinter dem Pult. Ein Bein windet sich um das andere, er hat sich urplötzlich in einen Flamingo verwandelt, dem das Stehen schwer fällt auf dem Trockenen. Gewöhnt im Sumpfland zu fischen, ist er hier und jetzt ganz fehl am Platz. Einen Moment lang kümmert sich niemand um ihn, ein Zwinkern lang, es kommt ihm vor wie Wochen, naja mindestens zehn Minuten. Auf einmal ist das Publikum ganz nah, ist eine Frau, die einem die warme Hand drückt. Sie packt sie einfach. Sie gehört ihr, meine Hand. Sie hat ja recht. Eine alte runzelige Frau, sie wohnt im Dorf, in dem die Kirche steht und der große Korb mit den Äpfeln. Ein Dorf umgeben von Apfelwäldern, oder nennt man das Haine? Gärten? Ein fruchtiger Ort. „Marillen im Marmor“ liest, wer noch nicht genug hat vom Lesen, gleich am Bahnhof hinter den Geleisen. Berühmt ist der Weiler für seinen Steinbruch. Für die alte Frau, sie tätschelt mir die Wange, warum sie das mit mir macht, nicht mit den anderen vier, die auch vorgelesen haben? Vielleicht weil ich ein bisschen geschrieen habe, das Mikrophon hat noch nicht funktioniert, als ich dran kam. Vielleicht hat sie gemerkt, dass mir schlecht ist, dass ich mir einen Apfel eingesteckt habe beim Hineingehen, dass mir der Mund austrocknet und meine Zunge immer am Gaumen klebt, wenn ich das Wort „trafen“ ausspreche, die Oberlippe an den Zähnen hängen bleibt, wenn ich „Ziegel“ sage. – Für die alte Frau bin ich berühmt wie der Steinbruch, mein Foto hängt im Schaukasten in der Kirche, in der Auslage der winzigen Buchhandlung, sogar beim Bäcker, vor dem gekühlten Glaskasten mit dem Molkegetränken. Noch immer hält sie meine Hand. Ihre Hand hätte ich mir gern eingeschoben, im Hosensack gehabt für viele Momente, wo warme Hände alter Frauen aus Dörfern mit Äpfelwäldern und Marmorfrüchten Wunder wirken, Medizin sind, blutdrucksenkend, fieberregulierend; auch gegen Halsweh. Bücher werden einem entgegengestreckt, zwei oder drei. Man kann nach dem Namen fragen, für wen es ist; seinen eigenen Namen hineinschreiben, ein Datum, den Ort, seine eigene Schreibhand hineinlegen und die Konturen nachzeichnen mit links, etwas zittrig, seine Initialen hineinsetzen, ein Männchen mit Lachmund kritzeln, fest, dass es sich durchdrückt auf die Blätter dahinter, einen Bleistift verlangen, weil man selber keinen hat, einen Kuli dabeihaben, sich verschreiben, es nicht durchstreichen sondern übermalen mit einem Blümchen, die Blüte ein Strichknäul. Im „g“ des eigenen Namens zum Beispiel ein Punkti-punkti-strichi-strichi hineinzeichnen mit zwei-langen-Eselsohren-heute-wird-der-Max-geboren, auch ein paar Haare hat er: drei auf jeder Seite. Man kommt ins Gespräch über etwas, Dialekte und Eigenheiten der Bevölkerung eines Landstrichs, man steht da mit einem Buch in der Hand. Wem gehört es? Er hat sich in ein anderes Gespräch verstrickt.
In jedem Publikum gibt es die Frau mit diesem offenen freudigen Blick, der Gradmesser für wann es Zeit ist zu endigen. Fängt sogar sie an, den Kopf in die Hände zu legen, die Ellbogen auf die Knie zu stützen, muss schnell ein Schlusssatz her. Blättern auf der Bühne hat keinen Sinn. Auf der Anreise in der Eisenbahn habe ich den halben Roman durchgestrichen. Das Durchgestrichene ist für exklusiven Privatgebrauch des Lesers in Absenz des Autors bestimmt oder sollte – wäre es möglich – aus den schon gedruckten Büchern gelöscht werden, mindestens nicht in ein kollektives Gedächtnis eingehen.

Warum habe ich die Einladung angenommen? Weil ich Einladungen eigentlich immer annehme. Ungefährlicher als eine Einladung zum Kaffee schien mir diese. Nicht einmal eine Geschichte muss ich mir ausdenken. Die Geschichte liegt fertig vor mir. So oft kommt der Schriftsteller eh nicht unter die Leute, und schon gar nicht unter Leute, die ihm einhellig so wohlgesinnt sind wie die Gäste einer Lesung. Rein gar nichts kann einem passieren. Sogar unfallversichert ist man. Sogar wenn es einem die Sprache verschlüge, würde es irgendjemanden noch entzücken. Trunkenheit würde einem großmütig verziehen, gilt als beflügelnd. In den privilegierten Städten, wo Lesungen in der Regel gratis sind, von der öffentlichen Hand finanziert, also ohnehin schon vom Steuerzahlenden im voraus bezahlt, ist das Wohlwollen womöglich noch größer. Das Interesse für den auftretenden Schreiberling begleitet den Besucher schon bei der Anfahrt, auf Schritt und Tritt, durch die U-Bahn-Röhren, bis es schließlich so weit ist, der Autor sitzt im Lichtkegel des Leselämpchens. Wenn er Glück hat, übernimmt jemand die anfängliche Verlegenheit, preiszukrönende Programmmacher eines Literaturhauses zum Beispiel. Erhöhte Herzfrequenz soll gesund sein, ab und zu.
Warum haben die denn keinen Schauspieler organisiert? Ich würde im Publikum sitzen und geruhsam zuhören, wie ich die einzige bin, die lacht. Lachen auf der Bühne ist allerdings wirksamer. Der kollektive Zuhörer lacht mit. Einzelne mögen ihre berechtigten Zweifel haben, insgesamt durchflutet Gewogenheit den Raum. Das Publikum ist ein Wunder! Denn nicht einmal schlafen darf er ja mein Zuhörer. Tut er es doch, wird es ihm – von den Kollegenzuhörern zumindest – als Fauxpas angerechnet. Die Gattin schwört, ihn ein nächstes Mal nicht mehr mitzunehmen. Sie flüstert es in der zweiten Reihe, wie er sich aufführt. Obzwar im häuslichen Gebrauch das Vorlesen ja für gewöhnlich ausgerechnet dazu dient: jemanden zum Einschlafen zu bringen. Und ist das Schlafen nicht ein deutliches Zeichen dafür, dass man sich wohl fühlt? Entspannt ist? Im Publikum allerdings ist bloß genießerisches Augenschließen schon verdächtig. Ganz vorne hinzusetzen traut sich keiner, der nicht vom Organisator des Abends angestellt wurde oder selber mitwirkt. Da sieht der Lesende ja alles!
Der Lesende aber sieht gar nichts, außer der Frau mit dem offenen freudigen Blick, dem Gradmesser. Ich würde gern vor Schlafenden lesen. Ich fürchte mich nicht davor, die Leute zu langweilen. Langeweile ist ein karges Gut geworden. Vielleicht ist das der Grund, warum Lesungen weiterhin florieren, ein Festival nach dem anderen eingerichtet wird, – hat es je zuvor so viele Buchmessen gegeben? – bei dem nichts passiert, als die schlichteste Form der Unterhaltung überhaupt. Man kann sich genussvoll langweilen und sogar den Ruf konsolidieren, gebildet zu sein, stundenlang unbehelligt seinen eigenen Gedanken nachhängen, ab und zu eine kleine Interferenz mit dem gerade Gehörten.
Am wichtigsten sind die Stille-n. Und am schwierigsten. Eine ganze Minute aushalten, dem Zuhörer die Gelegenheit geben zu ebendieser Interferenz. Was ein Schriftsteller auf einer Bühne in so einer langen Minute alles machen kann und nicht soll. Zu lümmeln beginnen, sich am Kopf kratzen, unfreiwillige Grimassen schneiden, sich über die Lippen schlecken, die Füße ausstrecken, überkreuzen, entkreuzen, an Krampfadern denken. Er hat geringelte Socken an, jetzt wird es sichtbar; er hat den rosaroten Panther auf seinen Socken, dort, wo die Knöchel sind. Er hat weiße Waden, sind seine Beine nicht ein wenig zu dick, oder ist das eigentlich reizend, dass er solche weichen Beine hat? Der vorlesende Schriftsteller darf sich nicht beirren lassen. Er muss die Stillen einhalten und aushalten. Sie können nicht lang genug dauern. Vielleicht wird er eines Tages soweit sein, dass er sich hinsetzt, das Buch aufschlägt, den Stoß loser Zettel hinlegt, sich gerade richtet, in die Zuhörerschaft schaut und gar nichts sagt. Vielleicht wäre das seine Lesung der Zukunft.

Mein Problem beim Vorlesen ist, dass Geschichten keine Schallplatten sind, und ich kein Plattenspieler. Der Raum, der sich sonst vor dem Leser auftut in seiner Zweisamkeit mit dem Buch, den er lesend abschreitet, nach Belieben mit ihm behagenden Luxusmöbeln einrichten kann, der Raum, der das Buch zum Buch macht, die fünfzig Prozent Inhalt, die ich für den Leser freigelassen habe, ist plötzlich angefüllt mit einem Publikum und einem Autor. Das Geschriebene wird an die Wand gequetscht. Die Distanz zwischen Leser und Schreiber unversehens aufgehoben. Der Zuhörer sieht, wie der atmet, nickt. Der Lesende denkt, dass der Zuhörer jetzt weiß, wie er atmet, nickt, und fürchtet, so ein Wissen könnte das Geschriebene einengen, ihm das wesentliche Geheimnis nehmen. Würden sie genauso reagieren, wenn ich ein alter Herr mit Vollbart wäre?
Es ist Sommer, legen wir die Stiefel ab. Auch barfuss liest es sich gut. In Wirklichkeit ist natürlich wirklich nichts dabei, beziehungsweise sehr viel: Immer wieder ist es eine Ehre, wenn jemand zuhört. Vom Fernsehauftritt bleibt das Rauschen des Blätterwaldes, wie die Zuhörer einen Moment lang Orchester waren; und die Erkenntnis, je größer das Publikum, desto unsichtbarer macht es sich. Geht es theoretisch gegen unendlich, geht es fürs Gefühl gegen Null. Im Nachhinein habe ich mich zwar mit den Wimpern klimpern sehen, wie die Maus in der Sendung mit der Maus. Ping Ping Ping. Aber die warme Hand der Frau noch in der Tasche, gegen den Jesuseffekt.

08. 07. 08