“Scheidung” in Seegasse 21

von Mimoza Ahmeti

 

“You never know when someone is thinking of you with a sponge in their hand”!

 

Bis zu dem Tag, an dem er die Frau erschuf, hatte Gustave Flaubert nie über seinen Umgang mit Frauen gesprochen. Er besaß einen guten Ruf, obwohl an seinem Auftreten nichts Besonderes war. Tatsächlich wurde er erst ab dem Tag, an dem er die Frau erschuf, richtig bekannt. Auch nach dem Tod der Frau war sein Name noch in aller Munde und erst recht nach seinem eigenen. Einer mittelalterlichen Kutsche gleich, die einer Reihe modernen Passanten den Weg abschneidet, in der Hut, Kleid und spitze Schuhe sichtbar sind, aber seltsamerweise nicht die Frau selbst, ein mysteriöser Effekt der Erzählung, gelang es ihm, die Leser glauben zu machen, und zwar bis zum heutigen Tag, es sei die identische Beschreibung einer moralischen Tragödie, ihm, der die leidenschaftliche Frau eigenhändig zu Tode gebracht hatte!
So wurde Flaubert zum Schriftsteller!
Niemand hätte seine Seriosität bezweifelt, und schon gar nicht die künstlerische, wenn Flaubert vorsichtig gewesen wäre und nicht so tiefe Spuren hinterlassen hätte, die zwar anfangs als Kunst galten, ihm dann aber zum Verhängnis wurden!
Als ich nach dem Tod der erwähnten Frau mit ihm darüber sprach, antwortete er mir geringschätzig:
„Aber ich habe die Frau nur erfunden! Sie war meine Schöpfung!“
„Ja“, sagte ich zu ihm, „aber eine hässliche.“
„Im Gegenteil“, konterte er, „Emma ist die schönste Frau, die je existiert hat!“
„Dein Werk ist hässlich“, widersprach ich ihm.
„Nur ein hässliches Werk kann eine schöne Frau erschaffen“, sagte er. „Die schönen Werke, die allerschönsten, erzählen von hässlichen Männern, und ehrlich gesagt, dazu hatte ich keine Lust, umso weniger, weil ich Franzose bin!“ Dieses „métier“, sagte er auf Französisch, war normalerweise Angelegenheit der Engländer. „Für mich gab es keinen Grund, mich da einzumischen!“
„Die Russen“, erklärte er mir weiters, „gerieten in eine Art Banditenliteratur, weil sie über schöne Frauen schreiben wollten, während die Deutschen, die sich in dieser Hinsicht wie auch in vielen anderen einfühlsam zeigen wollten (denn die Einfühlsamkeit scheint ihr höchstes Gut zu sein), sich weder mit Männern noch mit Frauen beschäftigten, sondern nur mit Träumereien. Die Leute wollen Handlung“, schloss er seine Ausführungen, „und vor allem eine Figur, die nach einer anderen sucht, und weil sie sie nicht findet, werden daraus viele, die man unter anderen Umständen auch Geliebte nennen hätte können.“
„Sie haben einen armseligen Charakter!“
„Warum?“, fragte er mich überrascht.
„Sie haben sich nicht damit begnügt, diese Frau umzubringen, ein paar Minuten oder wenigstens ein paar Stunden haben Ihnen nicht genügt, sie zu vergiften, nein, Sie haben die Arme immer wieder gequält, tagelang! Was hatte sie Ihnen getan?“
„Sagen Sie, warum mischen Sie sich ein?“, entgegnete er mir mit kühl und mit französischem Zynismus. „Warum befassen Sie sich mit Dingen, von denen Sie nichts verstehen?“
„Vielleicht, weil ich den Leser ernst nehme“, erwiderte ich.
„Nein“, sagte er, „Sie dürfen mich nicht beurteilen!“

 

***

„Viel Lärm um nichts”, hatte jemand zu Flauberts Werken gemeint, „Beschreibungen ohne Details ...”
„Ah, die sind einfach verrückt geworden ...“, hatte ein anderer gesagt.
„Eine Frau, die trotz Reichtum und Fayence-Geschirr nicht zufrieden ist...!“
„Ach, der arme Karl ... er hat bis zum Schluss nichts kapiert ...“
„Und wie kann eine Frau über ihr eigenes Kind sagen, dass es hässlich ist?“
„Das Ende war wirklich furchtbar!“

***

Die Gasse, in der ich wohne, die Seegasse, ist ruhig. Zwei Blöcke weiter, in der Berggasse 19, wohnt Sigi Freud, ein Freund von mir, der in letzter Zeit oft beunruhigt wirkt. Die Patienten machen ihm Probleme. Der Neid frisst ihn in den Fällen, wo die Männer so sehr von der Finanzkrise betroffen sind, dass sie einen sogenannten „Direktorskomplex“ entwickeln. Sie fühlen sich sexuell frustriert, etwas völlig Unvorhergesehenes in der bisherigen Geschichte der Psychoanalyse.
Wie die Wohnung von Sigi hat auch meine Wohnung einen Parkettboden und eine Gasheizung. Zum Glück gibt es im Haus gegenüber einen Ofen, denn vom Kamin steigt immer Rauch auf. Wenn ich den Rauch sehe, stelle ich mir das dazugehörige Feuer vor, da meine Wohnung, genau wie die von Sigi, mit Gas geheizt wird.
„Kommendes Jahr werden wir Gas aus dem Iran bekommen“, sagte mir ein Wiener und lächelte. Ich weiß nicht, warum er seine Zähne so zum Leuchten brachte, während er den Satz aussprach ... als ob er eine erfreuliche Gefahr entdeckte!
Es klopft an der Tür, und in mein Vorzimmer kommt Günter, ein Fotograf, den ich bewundere, aber ihm gefällt es, sich Sascha zu nennen. Das bestärkt meine Überzeugung, dass die Wiener keine Ahnung haben, welche Wunder ihre Sublimierung geschaffen hat, aber dafür schätze ich sie umso mehr!
„Sascha“, sage ich zu ihm, aber in mir höre ich „Günter!“. „Ich habe mich mit Flaubert gestritten. Über seine seelenlose Art in Bezug auf diese Frau.“
„Dieselben Versatzstücke mit anderem Dekor, mit den Menschen von heute!“, sagt er zu mir und breitet die Arme aus. „Vielleicht war diese Frau in ihrem Herzen so sehr und so tief verletzt, dass sie nicht mehr leben wollte. Ein Freund von mir, ein Anthropologe, hat sich so sehr gekränkt, als seine Frau ihn verließ, dass er Selbstmord beging. Und er war achtzig Jahre alt!“
„Das überzeugt mich nicht, Sascha“, sage ich.
„Manchmal braucht eine Erzählung halt ein paar Seiten mehr ... (Sascha macht mit den Fingern eine Geste, als ob er Geld zählt) und um sie ein bisschen länger zu machen, verlängert man das Sterben ... Letztendlich hat der Leser kein Interesse daran, dass die Geschichte gut ausgeht, im Gegenteil ...“
„Was sagst du da, Sascha?“
„Einige romantische Kleinigkeiten ... Man muss sich auf ein spezielles Produkt konzentrieren! Etwas, das Gewinn verspricht ... Denn darum geht es ... Nach dem Tod bricht die Freiheit auf und ...!“
„Ich werde mit diesem Buch ein Feuer anzünden“, murmele ich, mehr zu mir selber, und aus dem Rauchfang gegenüber kommt Rauch ...
„Es wundert mich nicht“, sagt Sascha, „dass eure Generation genug hat von der guten alten Zeit. Wenn ihr einen guten Preis dafür bekommt, verkauft ihr eure eigenen Großväter ...“
„Das hat damit nichts zu tun, Sascha!“
„Vielleicht musste ein Autor damals, wie gesagt ... Der Leser interessierte sich mehr fürs Leiden, man konnte beispielsweise sagen: Mein Leben ist besser als das des beschriebenen Protagonisten. Außerdem ... es gibt auch Sadisten! Das Leiden der anderen gefällt euch sehr ... ihr freut euch, wenn andere leiden ...“
„Was meinst du damit?“
„Der Zeitgeist ... eine Geschichte ist immer ein ‚Break down’ der Zeit, in der sie verfasst wurde. Damals war das ganz normal, kann man sagen. Es gab keine Rettung wie heutzutage ...“
„Ist es wirklich so wichtig, mit wem eine Frau ins Bett geht?“, unterbreche ich ihn.
„Eigentlich nicht.“
„Warum muss es dann so ausführlich beschrieben werden?“
„Ihr Charakter ... sie hatte einen schlechten Charakter, sie schlief mit vielen Männern ... in der Zeit war die Liebe anders ... die Frauen wurden sofort schwanger ... Sie hat schlussendlich sogar Glück gehabt ... sie ist nie schwanger geworden ... Damals hatten Frauen oft zehn oder fünfzehn Kinder ... die Pille war noch nicht erfunden ... Frauen litten körperlich sehr.“
„Und?“
„Nur durch eine Heirat konnten sie erfolgreich sein. Jetzt ist es anders ... Bis 1930 musste der Mann seiner Frau erlauben, arbeiten zu gehen. Die Frau musste machen, was der Mann wollte.“
„Ich verstehe einfach nicht, warum sie so lange sterben musste?“
„Ein gutes Gift zu finden, ist nicht leicht. Es ist vielleicht auch teuer. Oder sie wusste es nicht besser. Wenn sie eine Ärztin gewesen wäre, zum Beispiel, hätte sie vielleicht besser gewusst, welches Gift man braucht, um sich schnell umzubringen. Auch der lange Todeskampf ist Teil des schweren Lebens der Frau. Sie hatte keine Ausbildung, weil sie eine Frau war. In dem beschriebenen Jahrhundert war ihre Art zu sterben genau das, was ihrem Typ entsprach ... Frauen litten mehr als Männer!“
„Aber warum muss ausgerechnet ein Mann über das Leiden einer Frau sprechen, Sascha?“
„Das war eben die Innovation! Er entschloss sich, über das Leiden einer Frau zu schreiben. Es war seine Art, Kultiviertheit zu zeigen. Er prangerte die Barbarei der Gesellschaft an.“
„Und die Männer? Haben die nicht gelitten?“

„Sie litten noch mehr als die Frauen. Einige starben in Duellen. Die Ehre! Die Ehre war das Problem! Die Mentalität hat sich jetzt geändert. Nicht überall. Oder sie hat sich überall geändert, aber nicht in jeder Hinsicht!“

 

****

Ich verlasse das Haus Seegasse 21. Ich weiß, Flaubert ist hinter mir her. Im Rachen der U-Bahn werde ich versuchen, ihn abzuschütteln. Am Schwedenplatz steige ich um und dann nehme ich die U1 bis zum Stephansplatz. Er wird mich sicher schnell wieder einholen. Den Schnurbart zitternd vor verletztem Egoismus ... Er weiß, dass ich etwas im Schilde führe. Seit Monaten und vermutlich schon seit Jahren. Doch ich werde ihm keine Chance geben. Er wartet nur darauf. Ich nehme die U6. Fahre einige Stationen, steige in der Perfektastraße aus. Hier sind die Horizonte überkreuzt und offen. Ich atme frei. Ich schreite aus. Er verfolgt mich mit seinem Blick, getraut sich nicht, die U-Bahn-Station zu verlassen. Der Gedanke, dass ich einen Geliebten haben könnte, quält ihn.
Tatsächlich habe ich einen. Aber nicht einmal mein Geliebter weiß, dass ich einen Geliebten habe. Wir sind nur einmal beisammen gewesen, und als er mich küsste, freute er sich wie ein Fohlen. Doch ich bin Flauberts Frau, und nur jemand, der „Madame Bovary“ gelesen hat, weiß, wie schlimm seine Rache sein kann. Deshalb tue ich nichts, das darauf hindeuten könnte, dass ich ihn „betrüge“, sondern genieße die Erinnerung. Und ich fühle mich gut. Ich habe keinerlei Bedürfnis, etwas zu wiederholen. Das Einsaugen der Luft und das Ausschreiten auf diesen Straßen, in denen meine Schöpfung lebt, ist mir genug! Ich bewege mich in derselben Umgebung, sehe dieselben Landschaften, spüre die selbe Luft auf der Haut, es ist wie im Traum, dass ich hier in seiner Atmosphäre spazieren gehe.
Ich kehre um und steige, um meine Spuren zu verwischen, an der Mariahilferstraße aus. Hier verirre ich mich ein bisschen, denn der Ausgang ist an dieser Station nicht genau angegeben. Ein Mann in Zivil versperrt mir den Weg und zieht aus der Brusttasche einen Ausweis mit einem Plastikquadrat, in dem sein Name geschrieben steht.
„Ticket!“, sagt er zu mir mit einer idiotischen Bestimmtheit, die ich nie haben werde.
So verliebt wirke ich, sagte ich zu mir selber, dass mich ein Polizist in Zivil verfolgt?
„Es wird ein wenig dauern, bis ich es finde“, sage ich zu ihm und öffne eins nach dem anderen die Fächer meiner kleinen Tasche. Und da ist es, das kleine Stück Karton, das mich von der Kontrolle erlöst. Er will weiter gehen, angespannt, aber ich sage zu ihm: „Bleib stehen, du kannst nicht einfach davon gehen, ohne bei mir Rechenschaft abzulegen ...!“ „Warum?“, fragt er beunruhigt.
„Ich bin vom FBI“, sage ich zu ihm und tue, als ob ich einen Ausweis aus meiner Brusttasche ziehe ... öffne aber nur meine leere Faust.
Lachend geht er weiter.

Wie entzückend doch diese Mariahilferstraße abends ist! Ich kenne keine sanftere Straße, eine Straße, die dir vor Schönheit den Kopf verdreht. Schon der Name. Maria, Mariahilf. Mariahilferstraße. Den Namen könnte ich den ganzen Abend lang singen. Währenddessen wartet Gustav in der Seegasse 21, besorgt, wegen meiner Verspätung ... Ich kann mich nicht satt sehen an diesen Gebäuden, die wie Gesichter ineinander schmelzen ...

Ein kleines Mädchen löst sich aus einer Gruppe Jugendlicher, die etwas erwachsener sind als sie selber, und umarmt mich plötzlich, küsst mich dann und sieht mich mit einem verborgenen Licht an, verdreht die Augen, weil sie erwartet, dass mich ihre Küsse verwirren ... Aber ich küsse ihren frischen Scheitel, sie reicht mir nur bis zur Brust ... Dann kommt noch eine Freundin von ihr, sie ist ein bisschen größer: umarmt mich, ich küsse sie ...
Ah!, sage ich wieder zu mir selber, so etwas geschieht nur in Wien! Und ich küsse auch das andere Mädchen auf die Wange ...
Die beiden kehren zur Gruppe zurück. Alle schauen mich etwas enttäuscht an, weil ich mich gar nicht aufgeregt habe, sondern sogar froh zu sein scheine, dass sie mich geküsst haben ...
„Es war ein Vergnügen, euch zu küssen!“, rufe ich ihnen von Weitem zu.
„Ganz meinerseits“, sagt das kleine Mädchen und wirft mir noch einen Kuss zu.
„Ist es so auffällig, dass ich verliebt bin?“, denke ich mir.

An der Rossauerlände komme ich aus der U-Bahn wieder ans Tageslicht. Ich biege in die Seegasse. Gustav erwartet mich, böse, am Trottoir. Ich betrachte seine blasse Haut und weiß, dass mein Leben untrennbar mit dem seinen verbunden ist! Er hat alles dafür getan. Und alles scheint ihm bisher dabei geholfen zu haben.
„Die Scheidung“, sagt er zu mir mit zusammengebissenen Zähnen, „ich will die Scheidung!“
Aber ich weiß, das ist nur Gerede. Auch morgen wird er mich weiterhin verfolgen, und nächste Woche, und ein ganzes Leben lang, sein Werk in der Hand schwenken, mir vor Augen halten, Ehre und Schande zugleich!

Es gibt keine größere Traurigkeit als zu beschließen, nicht mehr traurig zu werden, flüstert mein Herz mir zu, so wie es ohne dich keine Freiheit gibt. Und wenn es soweit kommt, dass dein Leben in Gefahr schwebt, beginnt diese Freiheit Vollendung zu erlangen. Du liebst nur, weil du sonst sterben würdest. Jede deiner Zellen saugt wie verrückt an der Schönheit des Lebens. „Betrug“ ist lebendig gebliebene Leidenschaft!
Und hier hat Bestrafung keinen Sinn, nur Glücklichsein!

 

Seegasse 21, Jänner 2009

 

Aus dem Albanischen von Andrea Grill.