Schuld und Sühne

Diese drei Worte verbindet der deutschsprachige Leser unweigerlich mit einem Buch. Und, wenn er aufmerksam ist, gleichzeitig mit dem Bewusstsein betrogen worden zu sein. Denn der berühmt gewordene deutsche Titel des Romans von Fjodor Dostojewski beruht schlicht auf einer Interpretation des Übersetzers. Anderssprachige Übersetzungen blieben näher am Original, das eigentlich, so würde man meinen, eindeutig ist. Crime and Punishment. Delitto e castigo. Verbrechen und Strafe. So heißt es auch in der Neuübersetzung von Swetlana Geier aus dem Jahr 1994, die, Experten, zufolge die einzig wahre ist. Wahr, sehr wahr, erscheint mir aber auch die ältere Version des Titels, indem sie nämlich den Inhalt des Buches auf raffinierte Weise zusammenfasst. Im Lauf der Geschichte wandelt sich der Student Rodion vom hadernden atheistischen Revoluzzer zum Christen. Die frevelhaften Gedanken, denen er sich schuldig gemacht hat, sühnt er letztendlich mit einer inneren Wandlung.

Ein Verbrechen ist ein Verstoß gegen die gültige Rechtsordnung, ein Regelbruch, ohne höhere moralische Instanz beweisbar und einklagbar. Es kann mit einer Strafe getilgt werden. Schuld ist etwas Vielschichtigeres. Ungreifbar. Wie ein Gestank eigentlich, schwer lokalisierbar, wo er anfängt, wo er aufhört. Nur vorhanden, wenn jemand ihn wahr nimmt. Stinken kann es bloß, wo Nasen sind. Die Schuld braucht ein Gegenüber.
Dass sie nicht in der Mehrzahl vorkommt, vergrößert sie nur noch. Im Gegensatz zu den „Schulden“, die man durch Rückerstattung von geliehenem Geld sozusagen im Handumdrehen los ist, bleibt die Schuld unzählbar, unmessbar und infolgedessen unermesslich. Man kann sie zwar verdünnen, wie einen Gestank eben, aber nie zur Gänze loswerden.

Für mich haftet den Worten „Schuld und Sühne“ der Geruch von Weihrauch an, und einem Beichtstuhl mit hölzernen Bänken. Da kniete ein kleines Mädchen von ungefähr sieben oder acht Jahren, die Ellbogen auf roten Samt gestützt. Sein Herz klopfte zum Zerspringen, so meinte es. Ungewiss war, ob es diese Stunde überleben würde. Und fieberhaft überlegte es, was es jetzt sagen sollte, müsste, zu diesem fremden Mann, dem Pfarrer, der auch als Religionslehrer in die Schulklasse kam, in seiner dortigen Gestalt aber um vieles harmloser, geradezu vertrauenerweckend wirkte. Hier saß er als Verkörperung Gottes. Wartete auf ihre Worte. Wartete auf ihre Schuld. Denn schuldig musste sie sein, sündig. Sonst konnte sie nicht büßen, und konnte ihr nicht vergeben werden. Und bloß wem vergeben worden war, der durfte den Leib Christi essen. Ganz vorne in der Kirche am Altar wurde er verteilt, wieder von diesem Mann, dem sie gerade ihre Sünden aufgezählt hatte. Nur trug er ein anderes Kleid, ein drittes. Dem des Religionslehrers und dem des Beichtvaters ganz unähnlich, lang und weiß und goldbestickt, ein wunderbares Kleid. Wenn sie da vorne in der Reihe stand, sich dem Altar näherte, überlegte sie immer, ob sie es wagen sollte, die Hände einfach aneinandergelegt hinzustrecken. Wie ein Körbchen. Ob sie sich einmal trauen sollte, es zu machen, wie die Großen, die Erwachsenen. Dem Kind legte der Pfarrer die Hostie einfach in den Mund. Vielleicht hieß das, dass sie noch nicht oft genug gebeichtet hatte, dass sie noch nicht oft genug gebüßt hatte, es also nicht verdiente, den Leib des heiligen Sohnes in die Hand zu nehmen. Nur ihre Zunge war rein genug. Kein Wunder, die Zunge war es ja schließlich, die gesprochen hatte. Die gestand.

Erfindungsreich zählte ich, als ich sieben war, dem Pfarrer im Beichtstuhl Sünde um Sünde auf. Wie ich die Ergebnisse der Rechenaufgabe für die Schularbeit auf meinen Unterarm geschrieben hatte. Wie ich meine Schwester in den Bauch zwickte. Wie ich die Lehrerin belog. Nicht, weil der Lokalzug entgleist war und der Bahnübergang blockiert, war ich zu spät gekommen. Getrödelt hatte ich. Wie ich dem Nachbarn eine Birne stahl. Sie hing über den Zaun, auf unsere Seite herüber.

An jeden Gestank und sei er noch so intensiv, gewöhnt man sich, wenn man sich lange genug mittendrin aufhält. Er schwindet, obwohl man die Nase durchaus behält. Ein Nashorn war das Sujet der legendarisch gewordenen ersten Kontroverse zwischen Ludwig Wittgenstein und Bertrand Russel. Ersterer weigerte sich offenbar, letzterem darin zuzustimmen, dass sich kein Nashorn im Zimmer befinde. Obzwar es momentan nicht zu sehen sei, wäre dies noch kein absoluter Beweis gegen das mögliche Vorhandensein des Tieres, meinte Wittgenstein und postulierte damit die Unbeweisbarkeit von Empirischem.

Wenn Schuld also dadurch entsteht, dass sie von jemandem als solche erfahren wird, wäre sie in Wittgensteins Sinn unbeweisbar.

Auch das Wort „Sühne“ sei im Plural ungebräuchlich lese ich im Digitalen Wörterbuch der Deutschen Sprache, und dass es sich dabei um eine „Leistung“ handelt, „durch die ein Verschulden ausgeglichen wird, Genugtuung für begangenes Unrecht.“ Schuld und Sühne befinden sich in einem symbiotischen Verhältnis, die eine gäbe es ohne die andere nicht.

Wieder vergab mir der Pfarrer meine kindlichen Vergehen, ließ mich zur Buße geloben, ich würde zwanzig Tage lang alle mir zugeteilten Geschenke mit meiner Schwester teilen und abends drei Vaterunser beten. Ob er wusste oder ahnte, wie aufgeregt das kleine Mädchen war, wenn es, zweimal im Jahr, kurz vor Ostern und kurz vor Weihnachten, im Klassenkollektiv zur Beichte ging und sich vorher tagelang den Kopf zerbrach, ob die Sünden, die es sich ausgedacht hatte, auch dem Standard des Pfarrers entsprächen. Ob es sündig genug war, um wieder ganz schuldlos zu werden und dann in den Genuss der Heiligen Kommunion zu kommen, die dem Mädchen tatsächlich etwas Heiliges war, etwas Magisches, das das Potential hatte, es vom Wesen her zu verwandeln. Und ein wenig bang trat sie jedes Mal wieder gegen Ende der Messe vor den Altar, ließ sich das geschmackfreie Stück Oblate auf die Zunge legen, wagte nicht, hinein zu beißen oder zu kauen.

In ungefähr diese Zeit fällt in meiner Erinnerung der erste Mord, den ich beging. Und nicht beichtete. Ich besaß damals unter anderem Mäuse. Auch andere Tiere, aber für die Mäuse war ich alleine verantwortlich. Die meisten von ihnen waren weiß, eine oder zwei schwarz. Sie lebten in einem flachen Mausestall umzäunt von Gitterwänden, der Boden bestand aus einer sandgefüllten metallenen Lade, in der feuchte Flecken versickerten. Das waren die Toiletten der Mäuse, sie besaßen mehrere davon, wie es sich für vornehme Lebewesen gehört. Oft nahm ich sie heraus, hielt sie in der Hand. Es schien sie nicht zu stören. Sobald ich sie zurücksetzte, rannten sie unentwegt von einer Ecke des Käfigs in die andere, als suchten sie etwas, das ihnen in den Minuten auf meiner Hand entkommen war. Ab und zu stiegen sie in das Rad aus Plastik, das mir mein Vater in einer sogenannten Tierwarenhandlung erstanden hatte. Damit ihnen nicht fad wird, deinen Mäuse, sagte er, als er es mir überreichte. Das Rad drehte sich, wenn die Tierlein rannten, es war ein Hometrainer für Zuchtmäuse, denen außer ihren Besitzern keiner nachstellt. Vielleicht tatsächlich irgendwie gesund für sie, der Verdauung des Übermaßes an Sonnenblumenkernen zuträglich, die ich ihnen täglich in flachen Schälchen anbot. Die Mäuse lebten wie ich im Erdgeschoß des Hauses, wo auch die Garage war, der Waschmaschinenraum und das Spielzimmer, das Mäuseland. Außerdem stand dort ein Tischtennistisch. Tischtennis haben wir allerdings nie gespielt. Über die gesamte Tischfläche erstreckte sich eine mit Tannenbäumchen bewachsene Plastiklandschaft durch die eine Spielzeugeisenbahn fuhr. Endhaltestelle war ein vierstöckiges Puppenhaus. Der Architekt war mein Vater. Das Haus hatte knallorangefarbige Wände, innen mit verschiedenen Tapeten beklebt. Irgendwie sah es aus, wie eine Miniaturausgabe des Hauses, in dem wir lebten, wenn ich es mir recht bedenke. Nur Garage gab es keine, dafür aber ein Badezimmer mit blauer Wanne und Waschbecken. Im wirklichen Haus war die Wanne einfach weiß.
Eines Tages beschloss ich, meine Lieblingsmaus, die schwarze mit dem weißen Fleck am Hals, zu baden. Ich ließ warmes Wasser in die Wanne. Das bedeutete, dass ich es in einem Glas aus der Waschküche holte. Und ich setzte die Maus hinein. Ihr Fell zerzauste sich. Aus dem feucht zerrupften Mäusekopf schauten mich zwei glänzende dunkle Äuglein an. Sie wehrte sich nicht. In meiner Kinderfantasie genoss die Maus das Bad, wie ich es genossen hätte, hätte ich damals oder jemals über eine blaue Wanne verfügt, in die mir ein fremdartiger Riese mit nackten befingerten Pfoten aus einem Trinkglas warmes Wasser füllte. Unversehens lag die Maus steif und bewegungslos im Bad des Puppenhauses. Das gerade noch so weiche Fell fühlte sich plötzlich borstig an, die Kulleraugen leuchteten noch immer. Die Maus war mir in der Hand ertrunken.

Irgendwann hat sich die Wandlung vollzogen. Das gottesfürchtige Mädchen ist eine überzeugte Atheistin geworden, eine Art umgestülpter Student Rodion. Oblaten verwendet sie bloß als Unterlage für Kokosbusserl. Die Erzeugung dieser Mehlspeise wiederum ersetzt die Beichte als Vorbereitung für den Winter. Und ich gebe Wittgenstein recht. Wer weiß, ob nicht irgendwo ein Nashorn isst.