Tiscali

Ein schmaler Weg führt vom Lanaitto-Tal hinauf in die Berge. Über ausgetrocknete Flussbette, vorbei an Agaven, hoch wie ein Haus, sind rechts und links an den Felsen rote Flecken aufgemalt, nach oben weisende Pfeile, die verwittert oft wie gewachsen aussehen, hellrosa Flechten auf dem Stein. Der Pfad geht steil bergan. Jeder Ast ist den Händen ein willkommener Halt, wenn unter den Füssen kleine Steine wegrutschen, den Abhang hinunterkollern. Unten die Weinreben, im Nachmittagslicht wie von einer Staubschicht bedeckt, hier wächst Cannonau, der beste Wein der Insel, rot und raumtemperiert zu Ziegenfleisch, würzigem Käse. Gern tränke der Wanderer in der dunstigen Schwüle jetzt einen Becher voll, ließe sich mit Vergnügen den ausgetrockneten staubverklebten Mund befeuchten mit einem Getränk in der Farbe der Wegweiser. Der Weg teil sich, die Zeichen führen nach Norden, leicht bergab hinein in den Wald, Quercus ilex, Steineichen, die Kühle der Bäume unerwartet bei den ersten Schritten im dunklen Grün. Spinnweben im Gesicht, wie in den Märchen ist es, doch die Spinnen, grell real, neongelbe Kugeln mit schwarzen Punkten, winzige goldglänzende Körper mit acht Beinen, mikroskopische blauschimmernde Wassertropfen, die schwarz-weiss karierte Fliegen zwischen den Mundwerkzeugen halten, unmärchenhaft lebendig werfen sie dich zurück in die Wirklichkeit, wenn dich die Gänsehaut schüttelt, während sie dir in den Nacken krabbeln. Fast kniend bückst du dich unter Sträuchern durch bis zur nächsten Lichtung, wo endlich der Wind Disteln und Grassamen aus dem Haar klaubt. Anders als in Mitteleuropa, wo er an Domkuppeln erinnert, gotische Torbögen, ist der Wald hier ein dichter Vorhang aus Stämmen, dornigen Schlingpflanzen, stacheligen Brombeersträuchern im Unterholz, ein Zaun, eine Barriere, die niemanden durchlässt ins Innere, ins Herz des Grün, es schützt, abkapselt vor allem das grösser ist als eine Ziege. Haarbüschel kleben an Baumecken und Astgabeln, raue Wolle, Borsten fast, auch sie musste Fell lassen. Kratzer bekommt hier, wer keins hat. Die Spuren, die die Umarmung der Macchie hinterlässt, spürst du tagelang noch auf dem Körper.


Lang erscheint auch der Weg. Bergab geht es nun wieder, eine Lichtung, Stimmen sind zu hören hinter einem Felsblock, Touristen vom Festland, nördliche Stimmen, nordische Haut. Die blonden Kinder spielen Versteck hinter Kugelbüschen. Das erste Schild neben den Flecken, der erste geschriebene Wegweiser: ‚Village of Tiscali’, das Nuraghendorf. Und dann endlich oben: ein Spalt im Stein ist die Tür, der Eingang zum Dorf im Berg. Es ist eine riesige Doline mitten im Zentrum des Supramonte, dem „oberen Berg“. Rundherum die höchsten Erhebungen Sardiniens, Reich der Hirten und Greifvögel, und eines Schmetterlings, der den Namen der Türme trägt, die nun als kreisförmige Steinhäufen vor mir liegen: nuraghi. Er, der eigentliche Grund meines Hierseins, lässt noch auf sich warten, nimmt sich Zeit zum Schlüpfen, gibt mir Zeit zum Schauen, wie es aussieht, wo er lebt, denn nur dort lebt er, nirgendwo anders, eine einzige Insel unter all denen, eine unter den unzähligen hat er sich ausgesucht, nur die, ist dort gelandet oder heruntergefallen, hat sich zu einer eigenen Art entwickelt, eine Species der Nuraghen.

Bist du allein? Die Frage betrifft vor allem das Ticket. Für Gruppen wäre es die Hälfte. Der Kassier ist zugleich Wächter und Guide. Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts sei das Dorf noch fast intakt gewesen, gut erhalten die vierzig konisch geformten Hütten aus Stein, dann sei es geplündert worden, erst von den Einheimischen, die die Steinhäufen platt wollten, vielleicht Bronzefiguren fanden, Keramikscherben, dann in den dreissiger Jahren von Archäologen, mehr oder weniger professionellen, die hier und da ein Stück mitnahmen, oder mehr, soviel sie tragen konnten. Nun ist der Ort bewacht, Tag und Nacht, mit Ausnahme sehr kalter stürmischer Winternächte, während derer sich auch der Wächter ins Tal zurückzieht. In die Berge würde sich an solchen Tagen ohnehin niemand hinaufwagen. Einst sei hier eine Grotte gewesen zur Urzeit, als die Gebirge noch beweglich und formbar waren, dann war ihre Decke in sich zusammengefallen, die Spitze des Berges abgebrochen, hundert Millionen Jahre sei das her, und da standen wir jetzt, auf der ehemaligen Bergkuppe. Was früher Höhle war, hat die Form eines Nuraghe angenommen, eine nach oben offene Pyramide mit kreisförmiger Grundfläche. Ringsum kreisförmige Steinhäufchen. Wie ein Spiel, das Riesenkinder gebaut haben. Das besondere an ihnen sind die unregelmässigen Bausteine, von Lehm zusammengehalten, sonst wurden dazu regelmässige Quader benutzt, hier aber, nahm man, musste man nehmen, was vorhanden war, am Boden herumlag, unmöglich wäre es gewesen, quadratische Bausteine heranzuschleppen an diese Stelle, von der man ihrer Unzugänglichkeit wegen annimmt, dass sie von den Talbewohnern als Versteck benutzt worden ist, ein Rückzugsort. Bei Konflikten mit den Nachbarvölkern, besonders aber als die Römer auf die Insel kamen, zogen sich die Menschen in den Berg zurück. Über Jahrhunderte hinweg, scheint Tiscali bewohnt gewesen zu sein, von 230 v. Chr. bis ins Mittelalter, kaum durchgehend, doch immer wieder, wenn Gefahr drohte, das Leben im Tal nicht mehr auszuhalten war. Bis zu 200 Leuten sollen die 60 Hütten Raum geboten haben. Die vierzig an der Nordseite gelegenen seien Wohnhäuser gewesen, sagt der Kassier, der Wächter, und die „Studiosi“, auf die er sich beruft, in jedem zweiten Satz. Einige sind rund, die meisten aber besitzen eine quadratische Grundfläche, eine weitere Besonderheit, wie auch die holzverkleideten Eingänge. Im Südwesten weitere 20, etwas kleiner als die anderen, Vorratsräume und Ställe könnten es gewesen sein. Die Dächer bauten sie aus Pflanzenteilen, Zweigen des Juniperus, Blätterdächer, wie sie die Hirten im Gebirge heute noch bauen, bis vor wenigen Jahren zumindest, kreisrunde Bungalows aus Wacholder, ein dichtes Geflecht das Schutz bietet vor Regen und Sonne, den Insekten und Geistern der Nacht. Davor Feuerstellen, um die sie saßen und sitzen, das Wissen um diesen Ort von einer Generation an die andere weitergebend. Warum ein dauerhaftes Leben hier kaum möglich war, ist, trotz der Atmosphäre des Platzes, die zum Bleiben einlädt, Ruhe verspricht und Geborgenheit, merkt der Besucher sofort, wenn er die Runde dreht, die leere Wasserflasche in der Hand, den Blick durstig nach einer Quelle suchend. Es gibt keine. Einzige Wasserleitung wären die Wände der Doline, an denen man in den kühleren Monaten Kondenswasser sammeln konnte, es auffangen in kleinen Zisternen, dort speichern für den Sommer.

Die Mitte, dort wo das Licht ungehindert durchkommt, der Himmel das einzige Dach ist, das Zentrum, der Dorfplatz, falls es ihn gegeben hat, gehört heute den Pflanzen. Ein Mini-Wald, Lehrstück für Botanikstudenten, Model der mediterranen Flora, jeweils eines oder zwei Exemplare ihrer wichtigsten Vertreter finden sich hier, haben ein Gewächshaus gefunden, geschützt und kondenswasserfeucht, so entwickelt sich zu stattlichen Bäumen, was man sonst in diesen Gegenden nur als Sträucher der Macchie findet: Phillyrea, die Steinlinde, der Mastixstrauch (Pistacia lentiscus), Ahorn, Eschen und Ölbäume. Ein Erdbeerbaum (Arbutus unedo) ganz hinten, die runden Früchte noch grün zeigen sie bei längeren Hinschauen doch schon einen Hauch von Rosa. Die Rezepte dazu liefert der Kassier: Fraxinus ornus, die Mannaesche, kleine Schnitte in die Rinde zur rechten Zeit, lassen den weissen Sirup heraustropfen, mit dem wiederum andere Fruchtsirups süss eingedickt werden; die Erdbeerfrüchte, die keine sind, in hochprozentigen Alkohol gelegt, mit Zucker und anderen Ingredientien verwandeln sie den Schnaps in ein exzellentes Getränk, das Wunder verspricht, und die schönsten Träume. Bei Fieber einen Tee aus Olivenblättern, Olea europea, ‚agliastru’, nennt ihn der Sarde, der ein Gärtner geworden ist mittlerweile, ein Mixer von Zaubertränken, und doch meint, nichts zu wissen, als ich gehe, man weiss niemals genug, ist sein Abschied, aber vom Schmetterling, der heisst wie die Wachtürme seiner Vorfahren wird er den Touristen erzählen.

Am Rückweg zeigen die roten Pfeile in die verkehrte Richtung. Als würde man gegen den Strom schwimmen, den Lauf der Zeit vielleicht, scheint das Gehen nun mehr Mühe zu kosten. Grau geworden ist der Himmel. Die ersten Regentropfen landen auf den Armen.

Wieder im Auto schalte ich die Heizung ein. Es ist kühl geworden, feucht noch die Kleider von Schweiß und Niesel. Am Ende des Tals, zwischen den Weinstöcken nochmals ein Hinweis nach rechts, in sardischem Dialekt: ‚Domu de janas’, das Haus der Feen. Tausende solcher in den Fels gehauener Grabkammern finden sich allerorts auf der Insel. Sie stammen aus der hier pre-nuragisch genannten Zeit, dem Neolithikum, um 3000 v. Chr. Schmale runde Kammern mit konkavem Dach sind das, an deren Rand ein Vorsprung dafür sorgte, dass die Toten nicht mit den Füssen berührt wurden, während man die Opfergaben hereintrug und in den in Augenhöhe angebrachten Nischen verstaute. Aussen beidseitig des Eingangs zwei Sitze für Verwandte oder Wächter. Oberhalb drei Hohlräume in denen eine Anzahl heiliger Steine oder Blütenblätter aufbewahrt wurde, exakt abgezählt, von äusserster Wichtigkeit war, dass sich nirgendwo mehr oder weniger befanden. Diese Details finden sich auch später noch bei den Gigantengräbern aus der Bronzezeit, die nicht mehr im Stein, aber immer noch aus Stein sind, mehrere Meter lange nach hinten spitz zulaufende Grabkammern, in der Konstruktionsweise der Nuraghi, ein Stein auf dem anderen, links und rechts vom Eingang bogenförmige Steinwälle, Hörner des Stiers, der ein Gott war, Beschützer des Kopfes. Manchmal wurde der Körper eines Verstorbenen zuerst vor das Grabmal gelegt, mit Steinen bedeckt, und erst nach Monaten, wenn das Fleisch verfault war, die Gebeine hinein getragen ins Innere des Stierkopfes, oft nur die grossen Knochen, Oberschenkel, Hüfte, der Schädel. So zumindest erzählen es sich die Sarden.

Auf die Hauptstrasse, SS 125 Orientale Sarde, kommt man bei Dorgali. Und wieder klingen im Wort die Stimmen der Vorzeit. ‚Org’ im Ortsnamen bedeutet immer, dass es Wasser gibt, eine Quelle, Orgosolo, Orgali, S’Abbadorgiu. Heute gibt es nichts in Dorgali. Verschlossene Fassaden, eingeschlafen die Häuserreihen, alle Rollläden heruntergelassen obwohl Nachmittag ist, lebendig im Vergleich dazu Feenhäuser und Grabstätten. Tatsächlich.
Das Licht über den Bergen silbergrau wie das Meer unten. Von Baunei aus sieht man das moderne Italien: den kleinen Flughafen von Arbatax für Charterflüge ab Juni, Hotels, kleine Betonquader in den Hügeln oberhalb der Stadt, sie verschwinden in der Landschaft, wenn man will. Eine Schafherde auf der Strasse. Hupend treibt sie der Hirte, ‚il pastore’, am Lenkrad des Cinquecentos kurbelt er sich um die Kurven, seinem Hirtenstab, winkt mich vorbei mit grosser Geste, langem Arm.

Dann im Sonnenuntergang nach dem Salto di Quirra ein gelber Tunnel aus blühendem Ginster. Im Vorbeifahren, das Schloss des Marchese di Quirra, Landherr der Grafschaft Quirra im siebzehnten Jahrhundert, im besten Alter soll er über eine Klippe gestürzt sein, weil er seinen Augen nicht trauen wollte, die am Strand Ziegen sahen, die Meerwasser tranken. Das Wissen um unterirdisch ins Meer mündende Süsswasserquellen, an denen sich die Tiere labten, hätte ihm wohl sein Gleichgewicht bewahrt. Weiter gegen Süden werden die Berge Hügel, zahlreicher die Nummerntafeln aus Cagliari, dessen Lichter sich spiegeln in der Nacht, lange bevor ich ankomme. Im Hafen entlädt Sardinia Ferries Touristen vom Festland, Senegalesen verkaufen dunkle Sonnenbrillen, Feuerzeuge mit verblichenen Wüstenmotiven, Reisewecker. Eine Stadt wie überall, und doch: nur hier heisst der Internetprovider Tiscali.