Umarme mich, gratis

 

Schriftstellersein in Tirana

 

Eine Zeit, die kaum Wahrheiten hat, kennt auch keine Tabus¹. Die Verfasserin dieser Zeile steht auf der anderen Seite eines matschigen Grabens auf der Terrasse eines Cafés. Sie winkt uns. Deutet mit den Armen an, wir sollen hinüberkommen. Neben mir, meine Begleiterin, winkt ihr ebenfalls, sie soll herüberkommen. Zweck und Ursprung des Grabens, der zu breit ist, um drüber zu springen, und des an ihn grenzenden Geröllwalls ist unklar, und steht auch nicht zur Debatte. Stromnetz, Telefon, Wasserleitungen? Oder ein Nebeneffekt der vom Bürgermeister durchgeführten Aktion zur Eliminierung illegaler Bautätigkeiten, bei der er mit einer Art Panzerfahrzeug gegen jegliche Anbauten, für die keine offizielle Genehmigung bestand, sei es Stiegenaufgänge, Erker oder Kioske, rammen ließ, bis das Material in Brocken und Geröll auf der Strasse lag. Mancheiner soll da, im oberen Stockwerk eines der neuen Etagenhäuser eingesperrt, ins Leere unter sich geblickt haben, weil ihm unversehens die Stiege vor der Haustür abgerissen wurde, da sie sich ungenehmigt auf öffentlichem Grund befand. Wir gehen um den Graben herum, balancieren über eine feuchte Planke aus hellem Holz, und sind bei ihr auf der Terrasse des Cafés.

Luljeta Lleshanaku, die uns erwartet, hat das Manuskript eines Gedichtbandes ihrer Dichterkollegin Albana Shala durchgesehen, das die letztere in wenigen Minuten zum auf der anderen Seite des Grabens gelegenen Verlag tragen wird. Die beiden kennen einander von Kindheit an. Nur lebt die eine mittlerweile seit einem Jahrzehnt in Amsterdam, die andere ist in Tirana geblieben. Die andere hat bereits ihr siebtes Buch veröffentlicht, die eine allein verstreut und ausschließlich in holländischer, deutscher oder englischer Übersetzung hier und da ein Gedicht. Ich habe sie dazu überredet, ihr Werk endlich im albanischen Original herauszugeben. Ihr selber ist eine Veröffentlichung im Heimatland immer zweitrangig erschienen. In Albanien kannst du alles drucken lassen, wenn du nur zahlst, meinte sie trocken. Und da stehen wir jetzt auf der Terrasse dieses Cafés. Wir trinken nichts mehr. Es bleibt keine Zeit. Wir sind schon fünf Minuten zu spät. In Tirana ist man pünktlich. Luljeta hält das mit Notizen versehene Manuskript in einer Einkaufstasche aus Hochglanzkarton. Es hat noch keinen Titel. Drei stehen zur Auswahl. (a) Blaue Socken. (b) Der digitale Papst. (c) Beerdigung in Holland. Im Gehen besprechen wir die Titel. Den ersten finden wir alle drei furchtbar. Die zwei Freundinnen sind für das Begräbnis. Ich will den Papst. Wir brauchen uns ja nicht auf der Stelle zu entscheiden, Luljeta, die eigentlich im Café warten wollte, geht doch mit, schiebt uns im wahrsten Sinne des Wortes ins Stiegenhaus des Verlags. Der Verleger telefoniert. Er empfängt uns in einem Büro, in dem zunächst ein Sessel zu wenig ist. Telefonierend winkt er einer Sekretärin, einen zusätzlichen hereinzustellen. Jetzt sind genug Sessel da, aber auf einem steht eine Tasche. Albana hebt die Tasche auf, in der Absicht, sie auf den Boden zu stellen, er schaut sie streng und strafend an, streckt die Hand aus, stellt die Tasche auf seinen Schreibtisch. Endlich hat er das Telefonat beendet, drückt uns die Hände. Die beiden Dichterinnen kennt er schon. Sie stellen mich vor. Er blättert lässig im Manuskript. Will „Blaue Socken“ als Titel. Während er neuerlich telefoniert, mitten aus dem Gespräch heraus hat er einfach eine Nummer gewählt, als wären wir gar nicht da, flüstert Luljeta mir zu, ob ich entsetzt bin, ich soll nicht entsetzt sein. Wie viele Exemplare die Autorin haben will, fragt er, als er geendet hat. Er würde zwei- oder dreihundert drucken, davon könne sie hundert haben. Sie fragt nach der Verteilung, nach der Werbung. Luljeta fragt nach der Dicke des Papiers, es muss schon dickes Papier sein, gutes Papier. Er reicht ihr einen Gedichtband von etwa dreißig Seiten über den Tisch. Mit dieser Qualität ist sie zufrieden. Nur etwas breiter solle es sein, das Format sei zu schmal für die Gedichte ihrer Kollegin. Er reicht einen anderen Band über den Tisch. Sie stimmt zu. Was die Verteilung betrifft, er werde es in allen zwanzig Buchhandlungen Tiranas unterbringen, dafür sorgen, dass sie es vorne hinstellen. Er hat da einen Burschen, der klappert sie ab und kontrolliert das. Außerhalb Tiranas kann er für nichts garantieren. In den anderen Städten gibt es kaum Buchhandlungen. Er wird sich das Manuskript durchschauen, und schauen, welche Gedichte zu streichen sind. Verkaufspreis wird 300 Lekë (das sind etwa 2 Euro) sein. Luljeta ist dagegen, findet das viel zu billig, da meine man gleich, es könne nichts Gescheites sein, wenn es so billig wäre, mindestens 500 darf es schon kosten. Ihre Bücher kosten 600. Man kann ja 500 draufschreiben, und es dann von Anfang an gleich für 300 hergeben, aber als Sonderangebot, erwidert der Verleger. Er drückt auf einem Gerät herum, das vor ihm am Schreibtisch liegt, ruft damit eine Sekretärin aus dem unteren Stock des Hauses. Gib ihnen einen Prospekt des Verlages mit, ordnet er an. Ich hätte, unter uns gesagt, lieber einen Kaffee gehabt; es ist zehn Uhr vormittags. Ihr Mann würde ein Vorwort schreiben, sagt Luljeta. Ihr Mann ist ein (in Albanien) halbwegs bekannter Literat von Rang und Namen, der unter anderem einen Erzählband mit dem schönen Titel „Nach Bregenz fährt man zum Sterben“ veröffentlicht hat. Vorworte sind aus der Mode gekommen, entgegnet der Verleger. Luljeta, wörtlich bedeutet der Name „Blümchen“, sitzt wie ein Unschuldsengel auf ihrem Sessel, eine Spange schief im Haar wirkt sie jünger als sie ist. Albana schaukelt auf der Kante des ihren, schiebt ihre Brille hinauf.

Der Bauch ihres Mannes werde schon nicht zerplatzen, sagt Luljeta in die Stille hinein, wenn er kein Vorwort schreibt. Er kann ja eines schreiben, wenn er will, sagt der Verleger. Das Stipendium einer Schweizer Fondation, mit dem der Druck von Albanas Buch finanziert wird, beträgt tausend Euro. Das Buch, das sie bekommen wird, ist ein Taschenbuch, ja, mit dickem Papier. Ein paar Monate vorher habe ich Luljeta meine Bücher geschickt, und die Begeisterung, mit denen sie und ihr Mann diese Bücher quittierten, von denen sie kaum ein Wort verstehen, wie sie den Einband lobten, das Papier, den Satz, hat mich verlegen gemacht. Neben den ihren, aus denen die Seiten nach dreimaligem Umblättern wie aus einem Abrisskalender herausfliegen, nehmen sich meine Bücher aus, wie für die Ewigkeit gebunden. Ihren Büchern sieht man die Vorläufigkeit an, sie verkörpern sie und sind so vielleicht ehrlicher als die unseren. Sie irrt sich wie ein Kind, sie spricht schön./Sie atmet leicht, wie eine Eidechse auf den sonnenwarmen Ziegeln./wie ein Grashalm,/wie ein offener Hemdknopf. Luljeta steht auf, schlüpft in ihren Mantel. Albana redet noch, sie will den Verleger dazu überreden, eine albanische Übersetzung eines meiner Bücher herauszugeben. Der Verleger fragt, woher ich komme. Aha, Handke, sagt er, als ich Österreich sage. Was hat der mit den Serben? Warum mag er die so. Ist er Serbe? Keine Ahnung, wir sind wohl alle ein bisschen Serben. Was, seit ihr auch so ein Bastardvolk wie wir? Ja, wir sind auch so ein Bastardvolk. Seit Luljeta mit dem platzenden Bauch ihres Mannes den Bann gebrochen hat, trauen wir uns alles zu sagen.Wann wird es also herauskommen, fragt Albana zum Schluss? Wann du willst, sagt der Verleger. Vor Weihnachten oder im Frühling. Dann im Frühling, sagt Albana. Draußen sagt sie zu mir, ich sei dagesessen wie ein Fleischleiberl. (Natürlich dürfte man das nicht wörtlich übersetzen, doch aus dem Albanischen muss wörtlich übersetzt werden. Sonst versteht man gar nichts.) Luljeta ist schon vorgegangen, ins Café auf der anderen Seite des Grabens. Sie ist höchst zufrieden mit dem Gespräch. Jetzt allerdings hat sie andere Sorgen. Zuhause wird das Badezimmer repariert, seit Wochen muss sie zum Nachbarn aufs Klo. Sie verabschiedet sich rasch, hat es eilig, weil sie die Arbeiter überwachen muss, ihre zwei Töchter bekochen; bleibt dann noch eine Stunde bei uns sitzen. Ich weiß, was nachher kommt; sie bemüht sich nicht einmal./Alles gehen lassen, ein tiefer Schlaf,/in ihrer Kraftlosigkeit – ein Wintervogel,/der durch die Luft saust ohne den Kopf zu drehen,/wie das verkohlte Restchen eines Feuerwerkskörpers.

Als wir uns verabschieden, fliegt ein Hubschrauber am Himmel über Tirana, zwei Wesen hängen an Seilen darunter, wie Riesenadler mit dunklem Gefieder. Es sind Menschen. Das sei die Probe für eine Flugschau anlässlich der weißen Nacht, erklärt Luljeta. Weiße Nächte sind Nächte, in denen niemand schläft. Es gibt sie angeblich in vielen Städten, Paris, London, New York. Jetzt auch in Tirana. In der heutigen weißen Nacht gibt es Umarmungen gratis. Mädchen, junge Damen stehen in den Straßen bereit, die Passanten ans Herz zu drücken. Gratis. Es ist eine Werbeaktion von Vodafone oder einer anderen Telekommunikationsfirma; oder von Coca Cola oder einem anderen Limonadekonzern. Wir übernachten bei einem Freund. Die Wände der Wohnung sind gelb, dunkelblau, rot, hellblau gestrichen. Ich ziehe mich dunkel an, um mit dem Gepränge der Buntheit zu harmonieren. In der weißen Nacht trägt man spitze Schuhe, elegante Schuhe, weiß für die Frauen. Im Laufe des Abends bekommen sie alle braune Flecken bis ans Knie, vom feinen Staub überall, den ein Nieselregen in Matsch verwandelt.


Schon lange halte ich die Einwohner Tiranas ja für die größten Optimisten, wie schwarzseherisch sie auch auf Außenstehende wirken mögen. Jemand, der Anno zweitausendsieben zwei Seite an Seite errichtete Hochhäuser an der Hauptstrasse der Hauptstadt Twintowers nennt, hat einen so unverbesserlichen Zukunftsglauben, dass man ihn wirklich Idealist nennen will.


Während der weißen Nacht sind viele Straßen gesperrt. Keiner weiß welche, überall staut sich der Verkehr. Die Fahrer telefonieren mobil, weil sie zu spät kommen werden. Mancher springt schnell aus dem Auto, rennt geschwind zum Bankomat, ja, es gibt sie, mindestens so viele wie Buchhandlungen mittlerweile. Man kann wählen, ob man Euro oder Lekë aus der Maschine ziehen möchte. Eigentlich wie in der Schweiz. In der weißen Nacht gibt es Feuerwerk, vom Skanderbegplatz aus zu bewundern, es funkelt hinter dem Minarett der Moschee, blitzt hinter dem Turm der weitaus größeren katholischen Kirche. Bei mir daheim/galt das Gebet als eine Schwäche,/die man nicht erwähnte,/ebenso wenig,/wie das Miteinanderschlafen./Und genauso,/wie das Miteinanderschlafen,/profitierte es von des Körpers furchtsamer Nacht. Mancher fährt mit der Seilbahn auf den Dajti hinauf, den Hausberg. Wir müssen noch schnell etwas einkaufen. Taschentücher. Als wir das Geschäft betreten, fällt das Licht aus. Auf der Kühltruhe und zwischen den Fruchtsaftpackungen im Regal stehen für solche, jederzeit allerorts möglichen Stromausfälle, Kerzen bereit. Im Nu sind sie angezündet. Der Taschenrechner des Verkäufers ist batteriebetrieben. Im Café bestellen wir Espresso, Schnaps oder Kamillentee. Es ist eine Stadt für extreme Getränke. Die Leute verbringen den Großteil ihrer Zeit im Kaffeehaus. Tee ist in Mode gekommen, weil er am billigsten ist. 70 Lekë. Einer erzählt mir die Handlung des Romans, den er gerade schreibt. Wenn er ihn so schreibt, wie er ihn erzählt, muss es ein großartiges Buch werden. Er schreibe es auf Englisch, vorsichtshalber, weil, falls es gut würde, könnten es dann gleich alle lesen. Auf der ganzen Welt.

In Tirana wird Europa, dem anzugehören dem Land nicht gestattet ist, von innen heraus errichtet. Hinter halbfertigen Fassaden finden sich Clubs und Bars, wie sie in Amsterdam sein könnten, in London, Rom, Brüssel, hinter frisch geweißelten Mauern trinkt man Leffe Blond, Mojito, und diesen Wein namens Mauro, ein Italiener, und auch einen anderen, der einen Stier um den Flaschenhals hängen hat. Im innersten Europa, spricht jeder viereinhalb Sprachen. Sagt, Österreich müsse wunderbar sein, Wien eine der wunderbarsten Städte der Welt. So romantisch. Sie sind noch nie in Wien gewesen. Es muss eine grandiose prächtige Stadt sein, sagen sie.

Nach dem Gespräch mit dem Verleger sind wir Mittagessen gefahren, mit einem Freund. Auf der Windschutzscheibe des Wagens klebt ein Flugblatt, das ich entferne. Die Buchstaben lösen sich vom Papier und bleiben am Glas haften. Der Druck bedeckt ein Viertel der Scheibe. Da werden von einer Privatschule eine Reihe Kurse angeboten. Ein Kurs für Küchenchef. Ein Kurs für Designer. Ein Kurs für Telefontechniker. Ein Kurs für Konditor. Computerexpert. Buchhalter. Ein Kurs für Englisch-, Deutsch-, Italienischprofessor. Auch mit einem nassen Tuch lassen sich die Kurse nicht wegwischen. Kurs für Schriftsteller ist keiner dabei.

Es ist heiß. Das Essen wird langsam serviert, wie jeden Abend,/ zur festgesetzten Stunde. Die Stunde, da wir einander gegenseitig zudecken./Etwas Schnelles, ein Kalbskopf. Mein Anteil ist die Zunge./Man sagt, wenn man eine Zunge isst, wächst sie einem,/und wenn man ein Auge isst, bringt es Glück./Wer Bücher isst, isst sich selber, Stück für Stück, von den Ecken her zum Kern,/wie die Rasenmäher, in den Kollektivhöfen.

Wir sind aus der Stadt hinaus gefahren, ans Meer. Ein Soldat mit einer grünen Kappe sitzt im Restaurant, das auf Stelzen am Strand stand, in der Ecke. Sieben Fische zweier Arten, darunter eine Seenadel, kommen auf den Tisch. Jemand hat einen Vogel gefangen, in den Hecken, eine Handvoll Vögel. Wir dürfen sie ansehen. Ich nehme den toten Vogel in die Hand, schau wie schön, hat der Kellner gesagt. Sind das die Vögel, die am Strand hin und hertrippeln? Nein, diese sitzen im Gebüsch. Darum kann man sie so leicht fangen. Es sind Vögel, die dafür geschaffen sind, gefangen zu werden. Manchmal bleibt ihnen der Schnabel im Sand stecken, wenn sie Würmer fressen, weil sie ihn so tief hineinstecken. Zu tief. Es ist das letzte Mal, dass ich diesen Kopf angreifen kann,/das letzte Mal wühlen/in den warmen Anfängen der Dinge.

 

Bologna, 15. Dezember 2007

¹ Alle Gedichtzitate in Übersetzung der Verfasserin aus: Luljeta Lleshanaku, Fëmijët e natyrës (Kinder der Natur). Ombra GVG. Tirana 2006.