Den Mond waschen

Du kannst den Mond waschen, wenn du willst, sagte meine Großtante, das hieß, dass sie etwas beschlossen hatte. Sie trug eine weiße Bluse mit grünen Kleeblättern am Ärmel. Als Armstrong die Spuren seiner Stiefel auf dem Mond hinterließ, war sie neunundvierzig Jahr alt. Sie hatte gehört, dass diese Tritte noch immer zu sehen seien, bis auf den heutigen Tag, weil auf dem Mond kein Wind geht, kein einziger Hauch. Eines schönen Tages, sagte meine Großtante, und meinte damit, dass sie die Russen kannte. Sie war stolz auf die Amerikaner, weil sie den Russen den Mond weggenommen hatten. Sie betrachtete das als Rache für ihr verstimmtes Klavier.

Das Klavier hatte die Großtante den Russen gerade noch abgeluchst, als sie schon dabei waren, es auf den Wagen zu laden. Das Klavier kommt wieder hinauf, hatte sie gesagt, und der Russe und seine zwei Kollegen hatten es geschultert und zurück in den vierten Stock getragen. Mit den Russen, sagte meine Großtante, hätte sie ein gutes Einvernehmen gehabt. Sie hätten auf die Möbel geschaut. Den Kasten da, und die Großtante deutete auf einen Kleiderschrank aus Nussholz mit doppeltem Spiegel in der Mitte, den Kasten hätten die Russen auch gehabt, als sie hier einquartiert waren. Sie selber sei damals mit ihrem Mann und dem Sohn ins gegenüberliegende Haus auf der anderen Straßenseite übersiedelt. Der Sohn habe sich mit dem Sohn des Russen angefreundet, und auf diese Weise weiterhin den Großteil des Tages in der eigenen Wohnung verbringen können. Mit zehn sprach er besser Russisch als Englisch. Keinen einzigen Kratzer hätten die Russen in die Möbel gemacht, sagte die Großtante. Sie war die einzige in der Familie außer mir, die nach der Schrift sprach. Seit über siebzig Jahren wohnte sie in Baden bei Wien. Nach der Schrift zu sprechen hatte sie begonnen, als sie Kindermädchen wurde. Damals war sie sechzehn Jahre alt.

Zwei Perücken besaß die Großtante, sie ähnelten einander, unterschieden sich nur ganz wenig im Farbton. Zwei dunkle Pagenköpfe, die nebeneinander auf weißen gesichtslosen Glatzköpfen ruhten, wenn die Großtante schlief. Sie habe es nie bereut, eine Perücke zu besitzen, schon als sie noch genug Haare auf dem Kopf hatte, um sich auch ohne Perücke auf die Straße trauen zu können. Perücken seien sehr praktisch. Zwei davon zu besitzen gerade zu ideal. Vom Fenster aus sah sie Wälder und Hügel. Die Tapete ihres Zimmers bestand aus hellgrünen Ranken. Die Großtante lag auf ihrem Bett, schaute durch die transparenten Gardinen auf das gegenüberliegende Haus und erinnerte sich an die Russen.

Eines schönen Tages, sagte die Großtante, kamen die Russen, und eines anderen schönen Tages fuhren sie wieder weg. Sie kannte die Russen eben. Ich kannte die Russen auch, denn ich kannte Alexandra.

Der Ausdruck „eines schönen Tages“ hatte meiner Großtante das Daumenlutschen abgewöhnt. Das Dorf, in dem sie aufwuchs, war wortkarg. Niemand redete nach der Schrift. Die Großtante war sechs Jahre alt und hatte ständig den Daumen im Mund. Wie sollte so eine in die Schule gehen? Nicht einmal, wenn man ihr den Daumen mit bitterem Harz einschmierte, verzichtete sie darauf. Die Mutter der kleinen Großtante war verzweifelt, als ihre Schwester zu Besuch kam, eine Dame, die in einer Großstadt wohnte und Sätze sagte, die man aus dem Mund der Eltern noch nie gehört hatte. Eines schönen Tages würde ihre Tochter bestimmt mit dem Daumenlutschen aufhören, sagte die Tante. Die kleine Großtante kauerte im Garten neben dem Holzstoß und hörte durchs offene Fenster, was die Erwachsenen drinnen im Wohnzimmer besprachen. „Eines schönen Tages“, hörte sie ihre großstädtische Tante sagen und war beeindruckt, ein ganz besonderer Tag würde also kommen, irgendwann in der Zukunft, ein schöner Tag, und dann würde sie merken, dass es Zeit war, und mit dem Daumenlutschen aufhören können.

Siehst du, sagte die Großtante zu mir, vierzig Jahre nach der Landung des Amerikaners auf dem Mond, und hielt ihre Daumen nebeneinander. Man sieht noch immer, dass ich Daumen gelutscht habe. Der eine ist größer. Der kleinere Daumen lugte aus einem Gipsverband hervor, der bis zum Ellbogen reichte. Sie war unlängst gefallen, weil sie das Licht nicht aufdrehen wollte, um ins Bad zu gehen, weil sie den Weg kannte. Weil der Strom zu teuer wurde. Ja, ja, du siehst, wie du den Weg kennst, hatte ihr Sohn gesagt, den die Russen nicht mehr interessierten, die Fremdsprache hatte er vergessen. Die Rettung kennt mittlerweile auch schon den Weg zu uns, sie lassen ihren Transportrollstuhl schon unten im Stiegenhaus stehen, wenn sie dich holen, wissen bereits, dass der nicht in den Lift passt.

Seit sie nachts gefallen war, erinnerte sich meine Großtante besonders oft an die Russen.

Ich erinnere mich an Alexandra, die meine Großtante als Russin bezeichnete, obwohl sie aus der Ukraine stammte. Alexandra war eine erfolgreiche Geschäftsfrau und sie war traurig und aufgelöst, als ich ihr begegnete. Ihr letzter Tag in Wien, ihr erstes Mal in der Wiener Staatsoper, sagte sie, und mir fiel das Klavier meiner Großmutter ein. Alexandra stand in der Oper neben mir auf einem Stehplatz und sah nichts. Wir teilten in dieser Hinsicht ein gemeinsames Schicksal und verbündeten uns. Japanische Jugendliche in weißen T-Shirts hatten die besseren Plätze. Die Jugendlichen waren schmal, aber doch zu breit, und nicht bereit zu weichen. Sie machten sich so breit, wie es ihre Schmalheit zu ließ. Auf Alexandras Bitte to move a little, antworteten sie, das sei ein Platz for one person, stützten die Ellbogen noch breiter auf, stemmten die Laufschuhe gegen die metallene Stange, auf der oben roter Plüsch war. Alexandra seufzte und zeigte mir ein Bild ihres Sohnes auf der Digitalanzeige ihres Mobiltelefons.

Als ich sie entdeckte, stand sie an die Brüstung gelehnt, in der Mitte am ersten Balkon. Sie trug einen weißen Pullover und wirkte wie jemand, der täglich in die Oper ging. Eine Kennerin. Ich stellte mich in ihre Nähe. Die Eleganz erwies sich als Unerfahrenheit. Die Platzanweiserin vertrieb uns nach wenigen Minuten, mit militärischem Charme – jedenfalls unerbittlich. Alexandra roch nach teurem Parfum und leicht nach Zigaretten und Alkohol aus dem Mund, wenn sie redete.

Nach kurzer Zeit, einigen Gesprächen in den Pausen zwischen den Akten, wenn der Vorhang fiel, erwähnte sie ihr Glück, eine Freundin in dieser Stadt gefunden zu haben. Eine Stadt, in der sie nur drei Mal übernachtet hatte. Die Freundin war ich. Der Vorhang fiel, dunkelrot. Die Sänger traten hervor. Alexandra hielt ihren Gucker in der Hand, einen goldenen. Ob sie deshalb nicht klatschte, weil sie die Hände mit dem Gucker voll hatte? Das Foto missglückte. Der Blitz war zu klein für den großen Saal. Ihre Arbeit in der Stahlindustrie sei einfach Papierarbeit, erzählte sie. Wie jede andere. Das Material mache wenig aus. Sie kam von einer Stadt am schwarzen Meer, einer Urlaubstadt, wo die Bonzen der USSR früher die Ferien verbrachten. Dort besaß sie ein zweistöckiges Haus.

Man müsse einfach das Leben auskosten können, ohne sich Sorgen zu machen, sagte sie als wir im Gedränge an der Garderobe aneinander stießen.

Nach der Vorstellung machten wir ein Foto auf den Stiegen im Foyer, wo alle Touristen einander fotografierten, im Handumdrehen hatte sie jemanden um den Gefallen gebeten, uns aufzunehmen. Von mir sind auf dem Foto vor allem Stiefel zu sehen, ein Paar große Stiefel und ein grauer Mantel neben einer strahlenden Businesslady. Alexandras Mantel war aus weichem schneeweißem Plüsch oder dem Pelz eines seltenen Tieres.

Die Großtante mit dem breiteren rechten Daumen stand in Strumpfsocken im Zimmer. Sie trug ihre Perücke nicht. Die sei ihr zu heiß geworden, sagte sie. Zum ersten Mal sah ich die Großtante mit nacktem Schädel, glatt, wie die Köpfe aus Porzellan, auf denen seit vierzig Jahren ihre Perücken lagen. Wie jeden Abend telefonierte sie um sechs mit ihren Cousinen, um acht mit ihrer Enkelin aus Schweden. Wenn sie am Telefon eine Taste nicht fand, half ihr der Sohn nicht. Die Tasten zu suchen, das rettet ihr das Leben, sagte er. Ihr Herz ist gut, nur die Knochen sind porös.

Wasch den Mond, wenn du willst, hatte die Großtante eines Nachts auf die Straße hinunter geschrien, als sie wegen ihrer porösen Knochen nicht schlafen konnte, und auf den Balkon getreten war. Wasch den Mond, aber ich zeig dich an. Sie zog sich hinter den Vorhang zurück, damit die Gauner sie nicht sahen. Von ihrem Balkon aus hatte sie beobachtet, dass jemand den Kaugummiautomaten am Eck aufbrach. Als die Polizei kam, wusste sie, dass einer der zwei Diebe in den Bach gesprungen war, sich da versteckt hielt. Ganz nass ist er gewesen, als die Polizei ihn herausholte, sagte sie später.

Zur Gerichtsverhandlung, die wieder ein Jahr später stattfand, wurde sie als Zeugin vorgeladen. Die Großtante war siebenundachtzig. Der Mann, der nass aus dem Fluss gekommen war, hatte sich inzwischen einen Rauschebart stehen lassen und trug eine dicke Pelzjacke. Als die Großtante zu zweifeln begann, ob er wirklich derjenige sei, den sie nachts beim Raub beobachtet hatte, gebot ihm der Richter, den Mantel auszuziehen. Nun erkannte ihn die Großtante und fragte aufgebracht: Warum tust du so was? Hast du das notwendig? Der Mond sieht dich immer, und ich habe dich auch gesehen.

Dem habe ich meine Meinung gesagt. Ich habe ihn ganz intensiv und böse angeschaut, berichtete sie zuhause stolz. Da hat er sich bestimmt gefürchtet, lachte ihr Sohn.

Kurz vor der Mondlandung, im Frühling 1968, war die Großtante mit ihrem Bruder nach Kreta gereist. Sie hatten ein Zimmer am Strand, wegen einer großen Hochzeit sei das Hotel ganz voll gewesen. An den Wänden waren ab und zu kleine Flecken, getrocknete Abdrücke toter Mücken. An Kirschbäume könne sie sich von der Reise erinnern, Birnbäume und die Aussicht über eine Ebene, auf der einst zwanzigtausend venezianische Windmühlen Wasser aus der Erde pumpten. Ein Fresko hätte sie auch beeindruckt, der Lilienprinz, achttausend Jahre alt. Dass man damals schon zeichnen konnte, sagte die Großtante. Und mittlerweile sind wir sogar auf dem Mond gewesen. Wo wollen wir noch hin? Der Prinz hatte einen rötlichen Hintergrund, ein Diadem ins Haar geflochten, Pfauenfedern und eben Lilien.

Das war ihre erste und letzte Reise ans Mittelmeer. Sie hatte neun Geschwister. Sie war die jüngste. Ihrem Bruder schenkte sie zu seinem fünfundneunzigsten Geburtstag eine blühende Artischocke. Sie hatte sie im städtischen Park gepflückt.

*

Kurz vor dem vierzigjährigen Jubiläum der Mondlandung begegne ich Alexandra auf Kreta wieder, in der Grotte, wo Zeus geboren sein soll. Und sie ist nicht allein. Vor lauter Alexandras aus der Ukraine sehe ich die Grotte nicht mehr. Alexandra aus der Ukraine steht vor mir und fotografiert von Tropfen gefaltete Steine. Ich sehe nichts. Alexandra stellt sich vor mich und fotografiert. Ich stelle mich vor sie und betrachte das getrocknete Blut von Zeus’ Mutter auf den Steinen. In dieser Grotte verbarg sich die Göttermutter, um ihr Kind zu gebären, dem wilden Gatten Kronos übergab sie einen in Windeln gewickelten Stein. Er verschlang ihn an Stelle des Sohnes. Alexandra und ich stehen uns freundlich im Weg, wir sind ja befreundet.

Gibt es Vertrauen ohne Erinnerung?, fragte meine Großtante. Ich half ihr aus ihrer weißen Bluse. Ich könne den Mond waschen, wenn ich wolle, doch eines schönen Tages habe sie einen Kieselstein geschluckt, fuhr sie fort. Er sei hinunter gerutscht wie ein Tic-tac. So schmeckt der Mond, sagte sie.