Shopping

 

Aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa. I’m sorry, so sorry. Den Namen entkommt man nicht. Nicht einmal sie. Nicht einmal ich. Warum sollte ich eine sie sein? Sollte ich? Es ist immer eine sie, angeblich. Und wen trifft man? Ihn. Auch ihn, und ihn. Und mich. Und sie. Er trägt sie über der Schulter, wiederverwertbare Taschen. G.A.P. Levi’s. Nike. 21st Century. D.A.P. – the art bookstore. Banana Republic. Loehmann’s. Wiederverwertbar oder recycled. Das ist hübsch. Das ist sehr hübsch. Subtil. Die Samtigkeit dieses Jacketts, die Bänder, Träger, Gürtel, ein Kragen wie kurze atemlose Küsse auf den Hals, zart, mundgeruchlos, glatte frische Nüsse, die Knöpfe auf dem Kleid; Valentino, geht es klassischer als das? Da, eine amerikanische Designerin, Kalifornierin, für 35 statt 250, und er, sie – ich, rechnen nicht einmal in Dollar, rechnen uns jeden Tag reicher. Es ist bemerkenswert. Unvergleichlich. Man vergisst zu atmen. Wozu Luft holen, Lüfte sind überall schon vorher da, Lüfte müssen nicht gesucht werden, dringen automatisch und unbemerkt durch alle Körperöffnungen. Auch da, aber gesucht werden wollen: Körperbedeckungen. Ich meine, nicht, dass jemand nackt durch die Strassen liefe. Aber sobald man in den Kasten schaut, den Schrank, die Stapel durchblättert, ist da einfach: nichts. Ein Wunder, geradezu ein Wunder, dass tatsächlich niemand nackt herum läuft. Wer würde von sich sagen, ich habe genug, für jede Gelegenheit genug, für Angelegenheiten ebenfalls? Kennen Sie jemanden?

Seine Mutter fragt, wie das ist, New York. Ob das stimmt mit dem Shopping, in ihrem Englischkurs sprechen alle vom Shopping in New York, fragen, ob sie hinfährt, weil sie doch jetzt jemanden dort hat. Ich sage (vorsichtig), das sind die Kathedralen von heute, zum Glück auch am Sonntag geöffnet, wo sollten denn sonst alle hin an den Sonntagen. Es klingt so ... auf der Hand liegend, mit weit offenem Mund voller Zähne, aber, hier ist es anders, hier ist es tatsächlich anders. Jean Paul Gaultier, ready-to-wear; ein Franzose, warum Französisches kaufen in New York? Couture inspiriert von street-wear. Netzartige T-Shirts mit Samtkrägen, durchsichtige türkis-schimmernde 2-lagige Rollkragenpullover, hauchdünn. Die Straße als Muse? Wo sonst sollte man das denn tragen, daheim, nur vom Spiegelbild betrachtet? The magic of Macy’s - World’s Biggest Department Store oder hab ich mich grad verhört? Donald J. Trump, exklusiv für den Herrn; Schmuck, rote Krawatten mit zahllosen winzig goldenen Punkten, ein Stockwerk, ein ganzes Gebäude nur mit dem Zweck, den Herrn einzukleiden. Hemden, die erst zeigen, was ein Hemd sein kann, Manschettenknöpfe, mehrere hundert Jahre lang Erfahrung, Trump ist zeitlos, geht mit der Zeit, die Schneider sitzen nicht mehr im Schneidersitz, saßen sie jemals? War der nicht ein Architekt? Baute der nicht Häuser? Mr. Trump writes his name on everything, sagt Dr. Freeman, who knows; sie lebt seit mehr als einem halben Jahrhundert hier.

Ich sage, ich interessiere mich nicht für Shopping, habe alles, simsalabim.
Das erste Einkaufserlebnis. Was kann es gewesen sein?
Meine Eltern besaßen ein Modegeschäft mit dem Namen Fiorucci, nannten es Filiale. In der ersten Klasse ging ich nach der Schule dorthin, setzte mich auf Stapel von Stoff, Pullovern, Jeans, und irgendwo waren Pommes Frites mit viel Salz. Hatte ich die selber gekauft? Als ich in die zweite Klasse kam, war das Geschäft abgehaust, wie man es nannte. Es lag in einer Gasse, gegenüber einem Hotel namens Schiff.
Das erste Mal, dass ich alleine etwas eingekauft habe, war, soweit ich mich erinnere, beim Bäcker. Ich hatte fünf oder zehn der inzwischen ausgestorbenen Währung Schilling, die ich in hellorange gefärbtes Minizuckergebäck, geformt wie Semmeln oder Croissants, Schlecker am Steckerl und Rippen weißer Knusperschokolade investierte, letztere außer in Alufolie auch in Papier verpackt, auf dessen Innenseite die Abenteuer eines Drachen in Comicform abgebildet waren. Ich weiß, dass ich mein Taschengeld sparte, aber wofür?
Die ersten Einkaufsorgien, an die ich mich erinnere, ich war ungefähr zehn, haben in Wien stattgefunden, in unendlichen Kaufhäusern durfte ich (für mich) substantielle Geldsummen ausgeben, die mir eine Freundin meiner Mutter zusteckte. Ich weiß noch, wie wir abends erschöpft auf den Betten saßen, den nagelneuen Reichtum rund um uns ausgebreitet, die Dinge, von deren Existenz wir ein paar Stunden vorher noch nicht gewusst hatten und die jetzt uns gehörten.

Wenn Sie etwas brauchen, wenn ich Ihnen helfen kann, lassen Sie es mich wissen. Spring Street in wintertime. Pinky Otto. Victoria’s Secret. Die Verkäufer sind shop-assistents, jung, energiegeladen, sie lächeln, studieren am College. Ich nicke, lächle. Unterstütze die Bildung junger Amerikaner. Gerne, in wie vielen Schichten zieht man das eigentlich an? Zwölf oder vierundzwanzig, je nachdem. Augenzwinkern. Nicht ganz ernst gemeint. Würdest du mir einen Gefallen tun und das probieren, für mich? Ich brauche nichts, höchstens Schuhe, brauche unversehens dringend drei Dinge, lebensrettend in jeglichen Situationen, wie mir in der Anprobekabine glasklar wird: einen ganz und gar durchsichtigen Pullover bis zu den Knien, eine schwarze Bluse im Universalschnitt – wenn du nicht weißt, was du anziehen sollst, genau, genau, für jeden Tag – eine gewagte Bluse mit Muster, für besondere Tage. Letzter Versuch mich rauszuschlängeln: Welches Material ist das? Rascheln mit Einnähern auf denen nichts steht außer der Marke. Ein sehr gutes, jedenfalls. Scherzhaft: Bekomme ich einen Sonderpreis? Zaghaftes Kichern: Oh, so was darf ich nicht. Egal. Ich zahle doch mit Karte. Credit oder Debit? Keine Ahnung. Wie ist Ihr Pin? Keine Ahnung. Moment, dann machen wir es noch einmal auf Credit. Wachovia funktioniert klaglos. Spesenfreies Studentenkonto, Kärtchen, schwuppdiwupp, bezahlt. Es gab eine Zeit, da musste ich ein langes Gespräch mit einem Bankbeamten führen, der mich auf Herz und Nieren prüfte, bis er mich kreditwürdig fand. Und hier habe ich plötzlich eine Karte in der Hand, die sich überall durchziehen lässt, während ich sie schlicht für den Ausweis zu einem kostenlosen Gehaltskonto hielt.
Plötzlich brauche ich noch vieles, schaue überall hinein. Windaugen, windows (vom altenglischen ‚vindauga’, seit dem 13. Jahrhundert), window-shopping (seit 1922). Bräuchte ich nicht auch ein etymologisches Wörterbuch? Im 13. Jahrhundert war ein „Shop“ ein hölzerner Unterstand aus Planken zusammengenagelt. Ralph Lauren. FAO Schwartz. Verzichte aufs Mittagessen, keine Zeit. Der Sog der Vielfalt zieht alle anderen Gedanken in ein Vakuum. Im Fokus sind shops, Museen kontemporärer ready-mades bieten ihre Ausstellungsobjekte zum Verkauf an. Chelsea Market. St. Mark’s Place. Union Square. The Original Levi’s Store. Ich brauche unbedingt neue Jeans, die originalen einzig echten, das beliebteste Kleidungsstück der Welt.
Kann ich dir helfen? Auf jeden Fall. Jeans, schwarze, ganz normale.
Was ist normal? Levi’s 501 © Boyfriend Cut? Im Sommer war ich in Europa (sie studiert bestimmt auch am College), drei Wochen lang, auch in Österreich, durchgefahren.
Sie nimmt ein Maßband, misst mich ab, Hüfte, Taille und eine Stelle dazwischen. Es gibt eine neue Linie, curved-ID, since sexy comes in all shapes and sizes, so do our Levi’s curved ID. Die Messung ergibt, dass ich irgendetwas zwischen den drei curved-ID Modellen bin, also in keins so richtig hineinpasse. Sie begleitet mich zur Anprobekabine, ratsch, der Vorhang ist offen, ratsch, er ist zu. Kaum habe ich mich halb ausgezogen, fragt sie: Wie geht’s? Just a second, ich beeile mich, der Vorhang hat kein Vorhängeschloss. Unermüdlich gut gelaunt bringt sie ein Paar Jeans nach dem anderen. Bis drei gefunden sind, die ich unbedingt haben muss. Das Material steht am Beipackzettel: Baumwolle und Elasthan. Außerdem steht da: Made in China. Das Symbol der USA, Levi’s Jeans? Good Californian quality, sagt sie. Sie ist die Expertin. Ob sie gerne hier arbeitet, frage ich noch, sie nickt begeistert, es ist toll und die Bezahlung großartig. Ob je jemand so viele Hosen anprobiert hat, wie ich? Klar, ganz oft und viel mehr.

Ich habe noch lange nicht genug. Ich begreife: Das Einkaufen interessiert mich nicht. Kaufen ist total antisexy. Shopping ist etwas ganz anderes. Da sind sie wieder, diese Dinge von damals, als ich nach den Wochenenden bei der Freundin meiner Mutter auf dem Bett saß, umringt von neuem Besitz. Es gibt sie wieder, die Dinge, die man irgendwo gesehen hat (vermutlich in der eigenen Vorstellung), die einen faszinieren und nicht mehr loslassen. Die man suchen muss. Und je mehr man sucht, desto mehr will man suchen. Es ist wie ein Fußballspiel; eine Telenovela.

Es ist – eigentlich – wie ein Konzert, ein intensives Kulturerlebnis, das scheinbar keinen Eintritt kostet. Man bezahlt nur, was man haben möchte. Und bekommt nichts Flüchtiges, wie gespielte Musik, sondern ein handfestes Stück, das das Allerbegehrteste verspricht: den Tausch der eigenen Haut. Verwandlung in einen Hauptakteur (zumindest in der Anprobekabine), einen Star, Schauspieler, Cover-Mensch der Werbung, der lebt, wie wir leben wollen, in Luxus und Schönheit.
Egal, ob man Kleidung shopt oder Krimskrams, Accessoires, Schmuck – Lebensmittel, schon lange viel mehr als Mittel zum Leben, dekorativ, rotbackig, zum Fressen schön. Ihre Anordnung in den Regalen der Supermärkte verändert sich wöchentlich; klar, wir glauben an die Evolution. Essen ist überall. Das Erwerben von Esswaren muss ein Abenteuer bleiben.
Gegenüber dem New Yorker Bügeleisengebäude gibt es ein interessantes Etablissement, wie soll ich es anders nennen, namens „Eataly“. Nomen est omen, aber versuchen Sie einmal, etwas des angebotenen Vielerlei zu bezahlen. Genau, das Abenteuer geht weiter. Die Käsekassa rechnet nur Käse ab und die Kuchenkassa nur Kuchen und die Kaffeekassa nur Kaffee. Man erwartet offenbar Expertenkunden, die sich spezifisch eindecken. Und wenn Sie ins Feinschmeckerrestaurant gehen, bedeutet das, dass sie stehen dürfen, eh nicht zu lang, denn ein moderner Gourmet schluckt auch vier Gänge in zwanzig Minuten. Nein, keine Angst, die Rettung naht. Wer sich anstellt, kann schlussendlich seine sieben Sachen alle an einer Kassa kaufen. Schwupp, die Karte durchgezogen. Haben Sie alles gefunden, was sie gesucht haben? Ich meine, wer würde da nein sagen.

Man geht in ein Geschäft, von Chanel, wäre man woanders als in New York, würde man sich gar nicht trauen. Hier öffnet sich die Tür wie von selbst, vom Gehsteig aus nur zwei Schritte, von der Hand, der Stimme des freundlichen Türstehers. Werden Türsteher gut bezahlt, muss man Türstehern Trinkgeld geben, würden die das mögen, zu schätzen wissen, wie an der Garderobe im Theater? Ist das Theater, eine Art Theater, die jeder in Anspruch nimmt, selbst wenn er, sie – ich keinen Fernseher (mehr) hat?

David Fortunet bedient bei Tiffany & Co. Den Job habe ich wegen meines Namens bekommen, sie haben gefragt, wie ich heiße, ich sagte meinen Namen und das Interview war vorbei. Ich hatte den Job. It’ll look good on the business-cards. Mittlerweile kann man ihm e-mailen, David.Fortunet@tiffany.com. Per Wirklich-Post schickt er Bestätigungen der Echtheit der erworbenen Diamanten. Bei Tiffany auf der 5th Avenue ist die Welt in Ordnung, bei Tiffany beißt keiner auf Stein. Nur die Zähne zusammen, ich habe im Internet bereits vorher kontrolliert, wie viel ein mikroskopischer Elefant aus gelbem Diamant kostet. Viva Wachovia Credit/Debit. Oh nein, bei Tiffany bezahlt niemand selber das Schmuckstück, das sie anprobiert (oder er?)
Am Anfang seiner Karriere schob David jeden Morgen einen Ehering an den Finger. Damals war er zweiundzwanzig. Sobald die ebenfalls jungen Männer, die zu Tiffany kamen den Ring an seinem Finger sahen, wollten sie auch so einen. So ging das, sagt David, es blieb ihnen gar nichts anderes übrig. Er hebt die Hand. Mittlerweile ist er seit sechzehn Jahren verheiratet, seine Frau hat mehrere Diamanten, ja! Als Verkäufer (nicht shop-assistent!) verdient er viermal soviel als in dem Beruf, den er studiert hat (Marketing Manager). Er ist umsatzbeteiligt und redet gerne. Zwei Wochen nach Beginn seiner Anstellung bei Tiffany kam ein arabischer Ölscheich im wahrsten Sinne des Wortes, mit fünf Frauen. David machte an einem Tag einen Umsatz von achthunderttausend Dollar, der Chef erschien persönlich, um ihm zu gratulieren. Der Araber hat die Stücke nicht einmal angeschaut, sagt David, er hat sie ohne mit der Wimper zu zucken gekauft. Das mindestens kann ich gut, schauen. Als wir, er, sie – ich, zu Tiffany kann man nicht allein, das ist unmöglich, eine unsichtbare aber höchst wirkungsvolle Barriere vor dem Portal verhindert das Eintreten von Einzelpersonen; als wir ein paar Stunden später ein zweites Mal vorbei kommen, weiß David Bescheid. Setzt euch, sagt er. Möchtet ihr ein Glas Champagner? It’s free. We charge enough.

Na gut, irgendwann machen auch in New York die Geschäfte zu. Im Restaurant „Luce“, Broadway, Höhe 74. Straße, hilft Edwin, der Kellner, meine vielen Taschen zwischen Tür und Angel zu verstauen und erklärt zwischen Vorspeise und Hauptgang die Weltwirtschaftslage. China werde den USA nicht mehr lange Kredit geben. China finanziert das alles, sie werden bald genug davon haben. Edwin stammt aus der albanischen Stadt Berat und hat vor, bald dorthin zurück zu gehen; mit nur zwei Wochen Urlaub im Jahr wird auch New York zu klein. Die italienischen Restaurants in der Gegend (Upper West Side) gehören alle Albanern, sagt er. Nach der Arbeit geht er zur 42. Strasse, in den Bars arbeiten zahlreiche Albaner und er bekommt die Drinks umsonst, an anderen Abenden setzt er sich mit Freunden und einer Flasche Wein auf die Gehsteigkanten Astorias, einem Stadtteil von Queens, dort ist es wie in Griechenland, mit Sesseln vor den Lokalen, auch im Winter, und Wärmestrahlern unter den Markisen. Ich luge in meine Taschen, befingere die Ausbeute des Tages, nehme einen knallgelben Aschenbecher heraus. Als ich ihn umdrehe und den Aufkleber „Souvenir from NYC“ abkratze, entdecke ich einen Aufdruck „Made in China“. New York China made in China. Das ist hübsch. Das ist sehr hübsch. Ich gebe Edwin sechzehnkommafünfundsiebzig Prozent Trinkgeld. Double the tax, rät Dr. Freeman, who knows. Das Tiramisu zum Dessert serviert man mir gratis. Geht aufs Haus.