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Aus dem Albanischen von

LULJETA LLESHANAKU

 

Gelbe Bücher

Eine Zeit, die kaum Wahrheiten hat,
kennt auch keine Tabus. Vielleicht ist dieses gelbe Buch eines der wenigen,
obwohl mir davon nur der Vorgang des Versteckens
in Erinnerung geblieben ist.

Es ist heiß. Das Essen wird langsam serviert, wie jeden Abend,
zur festgesetzten Stunde. Die Stunde, da wir einander gegenseitig zudecken.
Etwas Schnelles, ein Kalbskopf. Mein Anteil ist die Zunge.
Man sagt, wenn man eine Zunge isst, wächst sie einem,
und wenn man ein Auge isst, bringt es Glück.
Wer Bücher isst, isst sich selber, Stück für Stück, von den Ecken her zum Kern,
wie die Rasenmäher, in den Kollektivhöfen.

Vom Tischfuß her die Evolutionslehre,
„Die Starken sterben; die Schwächeren überleben!“
Auf eine sehr originelle Weise,
indem sie die Bettler mit Handzeichen bedauern.

Und nichts unterscheidet es von einem heiligen Mahl,
bei dem Brot und Seele in gleiche Portionen geteilt werden,
die einzigen Wahrheiten – heimlich gelesen,
verwandelt während des Austausches,
wie die gelben Bücher.

(Aus: Kinder der Natur, 2006)

 

Die Geige

Sie irrt sich wie ein Kind, sie spricht schön.
Sie atmet leicht, wie eine Eidechse auf den sonnenwarmen Ziegeln.
wie ein Grashalm,
wie ein offener Hemdknopf.

Ich weiß, was nachher kommt; sie bemüht sich nicht einmal.
Alles gehen lassen, ein tiefer Schlaf,
in ihrer Kraftlosigkeit – ein Wintervogel,
der durch die Luft saust ohne den Kopf zu drehen,
wie das verkohlte Restchen eines Feuerwerkskörpers.

Es ist das letzte Mal, dass ich diesen Kopf angreifen kann,
das letzte Mal wühlen
in den warmen Anfängen der Dinge. Sie schläft.
Ich sehe die Schultern, den Rücken, der sich auf und nieder bewegt,
und die Schlaflosigkeit
zerstückelt den Anblick
in ein beschädigtes Fresko aus der Renaissance.

Wenn sie wach wird,
wird sie die Längsstreifen meiner Hosen überm Gesicht haben,
irgendwo zwischen den rätselhaften Höhlen der Augen und quer über der Stirn,
und ein Geigengesicht wird mich fragen: „Hab ich geschlafen? Hab ich geschlafen, wie ich schlafe?“
Was du nicht weißt, während du schliefst, hat ein Bub eine Geldbörse gestohlen,
ich hab ihm schweigend zugeschaut,
weil ich den scharfen Geruch, den er hinterließ,
herrlich fand.

(Aus: Kinder der Natur, 2006)

 

Eine Art mich zu nähern

Ich suche, eine Art mich zu nähern
etwas, das ich noch niemals zuvor versucht habe
weder aufgelöst, noch als bröselige Salzstatue
mit umgestülptem Gesicht.

Es gibt keine Versprechen mehr;
nicht einmal das glaube ich
dem schönen Haus mit der idyllischen Wolke auf dem Kopf.

Ich werde den Weg wählen, von dem ich einst ausgegangen bin
den Spuren der Krallen der Bären folgend
auf den Bäumen, die sie nicht zu erklimmen vermögen.

Ich werde umkehren, eine halbfertige Geschichte fortzusetzen
wie der Blitz
in den gespaltenen Feldern.

Schlichtweg, ohne dem Grübeln Zeit zu lassen,
wie eine nach dem Gesicht geschnittene Maske,
oder der Winter nähert sich der Erde, zermanscht die Ängste unter seinem Bauch.

(Aus: Kinder der Natur, 2006)

 

Insel

Wir leben auf einer Insel
weitab der Städte voll Ampeln, Leuten
du und ich

wir hören es rascheln...
vorm Fenster steht Röhricht
der Wind pustet mit zahnlosem Maul
will die Flut locken

ein ans Ufer gebundenes Boot
rottet vergessen
im Regen

so wie’s ausschaut
haben wir nicht vor
es zur Heimkehr
zu gebrauchen

 

Das einsame Haus

Vater wohnt allein hier
ohne Mutter, ohne mich, ohne die Schwester
so lange schon
alles ist geblieben, wie es war
mit Ausnahme eines nassen Fleckes an der Mauer.

Wie oft hat er die Mauern gestrichen
blau, gelb, grau,
ganz weiß,

der Fleck ist geblieben
hat die Form eines Bären gekriegt

groß, gruselig
der weiße Polarbär
den sechs Monate Schlaf nicht satt machen können.

Die Gegenstände ringsum beklommen
auch ich weiß es
eines Tages wird der Bär aus der Mauer kommen
seine schweren Tatzen auf das alles legen
eines Tages - wenn er großen Hunger hat.

 

 

Das Geheimnis der Gebete

In meiner Familie
hat man versteckt gebetet,
mit leiser Stimme, mit einer roten Nase unter der Tuchent,
fast Geflüster,
mit einem Seufzer am Anfang und am Ende
dünn, und sauber wie eine Mullbinde.

Rund ums Haus,
gab es nur eine Leiter um aufs Dach zu steigen,
die aus Holz, das ganze Jahr über gegen die Wand gelehnt,
zur Reparatur der Ziegel im August, vor den Regenfällen.
Anstatt der Engel,
stiegen Männer auf und ab,
denen der Ischias weh tat.

Sie beteten, Aug in Aug mit Ihm,
wie in einem Kreuzwegsabkommen,
in dem sie um Aufschub des Stichtages ansuchten.

„Gott, mach mich stark!“ und kein Wort mehr,
sie waren nämlich Nachkommen von Esau,
gesegnet mit dem einzigen, das von Jakob übrig geblieben war,
- dem Schwert.

Bei mir daheim
galt das Gebet als eine Schwäche,
die man nicht erwähnte,
ebenso wenig,
wie das Miteinanderschlafen.

Und genauso,
wie das Miteinanderschlafen,
profitierte es von des Körpers furchtsamer Nacht

(Aus: Kinder der Natur, 2006)

 


 

 

 

 


 
             
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