Bahnsteigkante

Zwischen den Schienen Vögel
nicht nur Spatzen
zupfen an Stängeln
kraspeln kantige Käfer
in trockenen Boden
und Grund

zwischen den Schienen Pflanzen
Samen platzen
rupfen Haargel
Verpackungen fruchtiger Fahnen
Frühblüher bis der Zug kommt

 

Bed & Breakfast, butterfly accomodation

Knochenei mit dünner Schale
nur der Träger eines blendend
weißen Hemdes stammt wirklich
von hier; in Jeans, wie immer,
hält den Kopf so hoch
und reicht dir kaum
an den Nabel, wie oft
er das wohl rasiert; frisiert
in die Gabeln der frischen, automatischen
Zäune? Der Garten kann
warten; inzwischen
wuchsen nämlich zarte Kräuter
in die Achseln der Backsteine und
niemand brauchte sich zu kümmern.
Bekümmern würde mich hier:
Kakaopulver auf dem Milchschaum &
falls die Croissants aus wären.
Die Tür geht nur von innen auf.
Man tauscht fünf Mal Telefonnummern
um sie (natürlich) nie zu verwenden.
In der Früh weinten kleine Kinder
und Katzen, alte Leute im Innenhof;
es sind Lachmöwen gewesen,
die im Hafen ni(e)sten.

29. Mai 2010

 

Alghero, Nine Eleven

Und neun Jahre später wieder
Und alles ruhig wie damals und
auch auf der Straße spricht
man in Großbuchstaben in
Kleingruppen an ein Auto gelehnt,
zählt die Sonntage an den Segeln
der Frachtschiffe aus dem Westen;
einst wohnten hier Piraten, oder
ein Spanier hatte die Idee,
ein Engländer war’s;
mit dem Gepäck solltet ihr
lieber einen Linienflug nehmen
soviel können die Kleider gar
nicht wert sein, zwanzig Münzen
pro Kilo; zwanzig Katalanen
sprachen mich damals an
ruhig wie heute: das ist
New York (gewesen),
das war die Insel und
wir haben (das) alles
übers Wasser erlebt die Luft
in einer Bar stehend, am
Aperol vorbei hinausgeschaut
zwischen den Cocktailgläsern
etwas gesehen Live-Übertragung
im Lokalfernsehen; wie Fenster
des Wolkenkratzers wie Chips
herumflogen, die eine knallende
Tür aus der Schale fegt.
Questo è New York, sagte
der kahle Mann damals stellte
Oliven auf die Theke.

29. Mai 2010

 

Der neue Mensch

Und so würde ich dich
immer wieder erkennen
mit wehendem Mantel
mit wehenden Telefonen
an langen Drähten aus
allen Taschen ohne
Verschlüsse drahtlose
Netzaugen in Vergangenheit
und Zukunft

was sie gesehen
haben verrätst du nie
was sie sehen werden
soll ich dir ab und zu
sagen, in das Mikrofon
des Minicomputers
der Firma Nokia

du telefonierst gern
in Metro, U-Bahn
auf drehenden Rädern
hast so viele Arme
und mich schon hundertmal
akustisch in den Nacken gebissen
ehe der Akku sich auflud

ich habe jede einzelne deiner
zweihundertneunundneunzig
tausend Locken thematisiert
(und auf die Spitze geküsst)
alle Fasern deines roten Pullovers
mit sms beleuchtet egal aus welcher
Distanz immer mit derselben Nummer

draußen höre ich jetzt einen
Delphin im Schwimmbad
des Hotels, er atmet und schnattert
bis lang nach Mitternacht
säubert in Windeseile
elektronisch gesteuert das Wasser –
eine Schnauze aus schwarzem Gummi
Flossen aus Glasfaserkabeln,
schlürft langverhallte Nachrichten

aus der Luft zwischen deinen Verkehrsmitteln
und hier ergibt sich
was atmet;

ich schlinge zwei Adapter
um dich in den Ginstersamen
auf dem Asphalt
rieche die Schlieren die
dein wehender Mantel hinterlässt

30. Mai 2010


Il vincitore

Ich werde gewinnen, singst du
ich werde gewinnen, denn ich bin
noch immer ein guter Tenor
noch immer achtzig
noch immer unterwegs
Kirschenkaufen
Kirschen für Kinder, viele
Nichten, Neffen, Waisen, Enkel
Kirschen am Markt, nicht wahr?
Seid Ihr Amerikaner? Ich singe
Französisch, sagst du, ich singe
für die Söhne, auch Söhne von
Mama, singst du. Ich singe
Englisch, singst du, ich rede zu
viel, sagst du. Ich rate euch,
seid Demokraten, wer Sprachen
spricht ist demokratisch. Ein Broto bitte,
sagst du, hast du damals gesagt, vielleicht ’45,
und dass die Söhne zurück zu Mamma wollten
und man das Schiff versenkte. Unehrlich
sei das gewesen und Ehrlichkeit sei
worum es ginge. Du drückst mir die Hand
oft, warst Lehrer von vielen in Vielem,
auch Autofahren; singst
einfach laut neben dem
Container voll alten grünen Flaschen;
ich finde Handtaschen mit vielen
Karten die stecke ich immer in
Briefkästen, man suche es sich
zusammen aus. Damals zum Duce,
sagst du, haben wir immer die Hand
erhoben und immer leise geschrien,
Minestrone mit Kuhfleisch;
ich werde gewinnen,
ich werde gewinnen, ob es
Verdi ist, spielt keine Rolle.
Du wirst gewinnen
Kirschen finden den
Kindern bringen
noch immer achtzig
und Tenor.
Minestrone mit Kuhfleisch!

1. Juni 2010

 

Engelsgolf

Er trägt Bälle
getupfte Bikinis, Tatoos
Segel, Möwen; die Stimmen der Nachbarn.
Jeder hat hier seinen Grund,
ein bunt bedrucktes Stück Frottee-Stoff.
Und seinen Kreis.
Tennisball, aus Licht gemacht,
Blicken, Meerrasen
den Schuppen der Plastikkannen
voll Crème
auf Bäuchen; und die Wellen tragen
Fische aus rotem Metall
mit Kappen, Beinen
vous-êtes Miss California, keine Frage.
Ich verkaufe Markenzeichen, Gipsarme
auf Schnüre gefädelte Farben.
Die Gesellschaft findet hinter mir
statt. Blau geblähte Haare
in Baumwolle,
seit einem halben Jahrhundert
schon. So alt wie hier wird
einer nirgends.

Feuchte Verbünde
gemacht und gelöst mit
Blick auf den Teufelssattel.
Niemand reitet.
Das Publikum lounged
beweglich im Sand.
Schiffe im Kreis wie die
Nachbarn, Schnäbel wie Spatzen,
wie Merlins picken Bojen wie die
Amsel den Wurm.

Zarte 1-Meter-große Menschen tragen
orange/gelbe Gieskannen voll Wasser
in den bewegenden Spiegel
auf dem jeder liegt.
Engelsgolf und
Möbelreklame flattert
mit Flügeln des Sonntagsarbeiters.
Und alle reden und alles
Gesagte wird unhörbar.
Geblasen.

6. Juni 2010


Kirschen

Wie immer im Juni
die eigenartigen Insekten
und du das E aussprichst
wie flüssigen Saft

wenn nachmittags
ein Quadratmeter gestreiftes Dach
am Kreisverkehr steht
wollte ich dir

jeden Tag ein Kilo kaufen
weil sie genau
in den Mund passen
weil sie genau

so groß sind
aber du spuckst
nie einen einzigen Kern

6. Juni 2010