Das Streichholz

Die Lampe, das enorme Streichholz, stand seit mehr als fünfundzwanzig Jahren in der östlichen Ecke des Zimmers, seit damals, als er dieses lange Plastikrohr von einer Baugrube gestohlen hatte, wie die Gnädige Frau es nannte, die darum an besagtem lang vergangenen Abend nicht eher wieder von der Fensterbank zurücktrat, bis er zur Tür hereinkam, das Ding in der Hand, das die Basis bilden sollte für ein Beleuchtungsgerät. Der Apparat verdiente mittlerweile in einem Museum zu stehen, was die Gnädige Frau, nebenbei gesagt, niemals zulassen würde. Es war offensichtlich, dass er mit seiner Konstruktion damals weitreichende Voraussicht bewiesen hatte, seiner Zeit um Jahrzehnte vor gewesen war. Auch sie, die den Leuchtkörper nun so sehr liebte und niemals aus der Hand geben würde, hatte ihn am Tag seiner Fertigstellung, es muss ein Herbsttag gewesen sein, denn das Licht von draußen drang nur als farbloser Schimmer durch die Gardinen, einigermaßen achtlos betrachtet und gleich in die Ecke gestellt, wo er immer noch stand. Nicht allein die Idee, auch die Materialien glänzten bis heute wie neu. Das Karminrot des Rohres konkurrierte mit dem täglich neu aufgetragenen Nagellack auf den Fußnägeln der Gnädigen Frau, an keiner einzigen Stelle splitterte das Schwarz der Verstrebungen, nirgends verzog sich das Holz, und kein Kratzer war auf den Metallkappen zu sehen.

So war es zu seinen Lebzeiten mit all seinen Sachen gewesen. Was er auch besaß, es alterte nicht. Seine Kleider waren abends noch ebenso makellos sauber, wie am Morgen. Die Hosen besaßen ihre akkuraten Bügelfalten noch, wenn er sie am Ende der Woche in den Wäschekorb warf, eine mehr aus Gewohnheit als aus Notwendigkeit durchgeführte Handlung, ebenso wie der Kragen des Hemdes auch nach tagelangem Tragen weiß blieb und fleckenlos, keine Spur von den üblichen Schweißrändern, die die Hälse anderer Männer schon nach wenigen Stunden hinterlassen. Zugegeben, seine Arbeit erforderte wenig körperliche Anstrengung. Vom Zeichnen geriet man nur selten ins Schwitzen. Nur dann, wenn die Sonne an den längsten Mittagen des Jahres genau auf die Glasscheibe seines Bürofensters drückte, als wollte sie mit langem Strahlenarm hereingreifen und ihn zwischen den Brettern der Rollläden zu sich hinausziehen. Doch das geschah in diesem Land kaum öfter als zwei drei Mal im Jahr. Und er genoss es. Und hinterließ keine Spuren auf seinen Hemden. Wenn man der Gnädigen Frau Glauben schenken darf, blieben auch seine Bücher selbst nach mehrmaligem Lesen neu und unverbraucht, als kämen sie gerade aus der Druckerei. Und wie er selbst keinerlei unangenehmen Körpergeruch verströmte, so behielten die Bücher im Gegensatz dazu den Duft nach frisch bedrucktem Papier noch lange Zeit, nachdem er sie erworben hatte. Manchmal, wenn ich heute eins von ihnen aufschlage, steigt mir immer noch der alte frische Geruch nach Druckerschwärze in die Nase, dann sehe ich meinen Vater sitzen, am Esstisch, zwischen den halbleeren Wassergläsern und Kaffeetassen schlägt er ein Buch auf, fein linierte Abbildungen von Fensterrahmen und Innenhöfen eines orientalischen Hauses betrachtet er da, während seine rechte Hand blaue Kugelschreiberstriche auf die Serviette malt.

Mein Bruder hat das von ihm geerbt. Nicht das Zeichentalent, sondern die Fähigkeit, Dinge nicht zu verbrauchen. Was er auch benützt, es nützt sich nicht ab. Genau wie einst unser Vater, hat auch er eine Reihe funkelnagelneuer Bücher im Regal stehen, die mit keinem Eselsohr, keiner Falte im Umschlag davon zeugen, dass er sie schon hunderte Male durch geblättert hat, wie früher der Vater, gibt auch mein Bruder seine Kleider sauber zur Wäsche. Vom Sport, den er im Gegensatz zum Vater nicht nur beobachtet, sondern auch selbst betreibt, kam er schon als Bub immer mit einem nach nichts anderem als Waschpulver und Seife riechenden T-Shirt zurück. Es hat mich immer gewundert, wie die beiden das anstellten, Vater und Sohn. Sie gebrauchten alles, doch verbrauchten sie nichts. Die Gnädige Frau und ich, wir waren immer anders gewesen. Sicherlich, wir achteten mehr auf unsere Sachen als die meisten Leute, soweit ich das beurteilen kann, gingen vorsichtig damit um, darauf bedacht, alles so lange wie möglich schön und ordentlich zu erhalten. Doch endete es bei uns meist dahingehend, dass wir unsere besten Schuhe, Taschen, Mäntel, kaum anzogen, um sie zu schonen, während Vater ausgerechnet einer war, der sein bestes Hemd sogar aus dem Schrank zog, wenn er den ganzen Tag zu Hause blieb. Er war der Ansicht, dass man es sich schuldig wäre, sich nicht zu vernachlässigen, wertete die Genugtuung, die er sich selbst im Spiegel bereiten konnte, das Wissen, sein Bestes getan zu haben, der Welt seine beste Seite zu zeigen, selbst wenn niemand auf Besuch kam, genau so hoch, wenn nicht höher, wie das Wohlgefallen, das er bei anderen durch eine angenehme Erscheinung auslösen konnte. Ich weiß nicht, ob diese Ästhetik, die ihn ganz und gar zu durchdringen schien, von seiner Arbeit herrührte, daher, dass er sein Leben lang Dinge erfand, die schön waren, und zugleich eine praktische Funktion erfüllten. Er zeichnete Lampen, wie gesagt.

Manchmal begannen sie einfach abends als Kritzeleien auf einer Serviette, und endeten am folgenden Morgen als präzis ausgeführte Konstruktionspläne. Die größte Freude aber bereitete es ihm, aus zufällig gefundenen Unterteilen etwas ungewöhnliches zusammenzubauen. Auf diese Weise war das Streichholz entstanden, aber auch viele andere Lichtquellen aller Art: Deckenleuchten, Schreibtischlampen, Stehlampen, Wandleuchten, Lampions, Laternen, Hängelampen, Leselampen, Kronleuchter. Als Kind habe ich einmal gezählt, wie viele Lampen wir im Haus hatten. Es waren siebenundfünfzig. Die meisten davon gibt es immer noch, und die Gnädige Frau würde, keine einzige davon hergeben. Ich habe mich oft gefragt, ob die Faszination meines Bruders für das Licht und alles was damit zu tun hat, Film, Fotografie, das Einfangen von Strahlen auf Papier und Leinwand, von dem Übermaß an Licht herrührte, mit dem er aufgewachsen war, oder er einfach bestimmte „Lichtgene“ geerbt hatte, die der Vater dem Sohn überlassen hatte anstatt der Tochter. Auch das junggebliebene Bild meines Bruders, der immer vier Jahre jünger gewesen ist als ich, sehe ich überdeutlich vor mir, die Umrisse scharf hervortretend, wie auf einem Photo, das während des Entwickelns plötzlich ins Licht getaucht wurde. Dieses erst zerbrechlich zarte, dann aus allen Nähten zu platzen drohende Kind, wie es auf dem Bauch im trockenen Gras der Sommerdünen liegt, Sand im Haar, und mit schief gelegtem Kopf zu uns heraufschaut. Kein Lächeln des Mundes, nur die Augen grinsen den Vater an, und mich, die dahinter steht. Bereits damals habe ich ihn nie ganz verstanden, diesen Bruder, der so vieles zu denken schien, das er nie aussprach. Inzwischen ist er mir seit Jahrzehnten über den Kopf gewachsen, doch sonst hat sich nicht viel geändert zwischen uns.

An einem Mittwochnachmittag um halb vier saßen wir unter der Streichholzlampe und aßen Fisch mit Nasi. Es war Frühling und die Wildkirschen blühten. Die Gnädige Frau war gut gelaunt, und sprach seiner nunmehr bereits jahrzehntelangen Abwesenheit zum Trotz mit immergleicher Begeisterung von Vaters Art die Wortenden auszusprechen, als ließe er sie auf der Zunge zergehen, und wie er auf diese Weise das unterhaltsamste Tischgespräch führte, das man sich vorstellen konnte. An sein Lieblingsgericht kann ich mich nicht erinnern. Wohl weiß ich, dass er gerne eindeutige Gerichte aß mit deutlich erkennbaren Zutaten und klar wahrnehmbaren Geschmäckern. Nicht dass er jemals etwas verschmäht hätte, nur am leichten Zucken der Augenbrauen konnte man erkennen, ob er sehr oder nur mäßig zufrieden war. Eintöpfe waren demnach nicht gerade seine Leibspeise, und er hätte vermutlich Salzkartoffeln mit klarem Wasser oder Buttermilch dazu allen chinesischen Reispfannen vorgezogen. Da saßen wir also, bereits lange alt genug um selbst Vater und Mutter zu sein, und wie meist bei solchen Gelegenheiten, redete ich viel und er sagte kaum ein Wort, und die Gnädige Frau unterhielt uns mit Anekdoten über Nachbarn und Verwandte. Sie war eine hervorragende Erzählerin. Und dann, während sie in der Küche mit der Kaffeemühle brummte, wandte er sich an mich, und fragte, ob ich etwas dagegen hätte, wenn er das Streichholz mitnähme. „Das Streichholz?“ Um ehrlich zu sein, war diese Lampe das letzte, was ich mir aus unserem Elternhaus ausgesucht hätte. Doch er sah mir direkt ins Gesicht, auf eine eindringliche Weise, die ich noch nicht oft bei ihm gesehen hatte. Meist schien es ihm nicht allzu viel auszumachen, wie wir auf die Dinge reagierten, die er tat, sagte oder wollte. Zumindest habe ich immer diesen Eindruck von ihm gehabt. Diesmal war es anders. Obwohl er ruhig und langsam sprach, die Stimme nicht im Geringsten hob, merkte ich es daran, wie er sich beinahe unmerklich näher zu mir herüber neigte als sonst, wie er die Stirn anspannte, damit sie glatt bliebe, und den Anschein aufrecht erhielte, es handelte sich hierbei um eine völlig belanglose Frage, die ihm gerade durch den Kopf geschossen war. „Glaubst du wirklich, dass sie sie hergeben würde?“, fragte ich ihn, denn ich konnte mir nicht vorstellen, dass die Gnädige Frau sich von irgendeinem Stück trennen würde, das ihr den Mann ins Gedächtnis zurückrief, ausgeschlossen ein Produkt seiner Hände. Dieser Hände dann gar, deren Eleganz und Zartheit so oft Gegenstand liebevoller Erinnerungen waren. Die langen Finger, die so sorgsam mit dem Bleistift umzugehen wussten, und gleichzeitig bei jeder härteren Arbeit sofort aufrissen, sich sogar beim Reparieren eines Fahrrads Verwundungen zuzogen, die nur langsam heilten. Er zuckte nur mit den Schultern, um gleich darauf, als sie ihm die Tasse Kaffee hinstellte zu fragen, ob sie diese Lampe da denn tatsächlich bräuchte, wo doch mehr als genug Lampen im Haus anwesend waren, und ob er sie denn nicht haben könnte. Man sah ihr an, dass sie erschrak.

Einerseits wollte sie ihm nichts abschlagen. Mein Bruder war immer ein bisschen verwöhnt worden. All die Jahre der einzige Mann im Haus, und wer weiß, wie sehr er mittlerweile unserem Vater ähnelte, womöglich gar ein Abbild des Mannes geworden war, den sie einst geheiratet hatte. Andererseits hatte sie noch nie eine Lampe aus dem Haus gegeben. Nie. Und noch dazu diese Lampe da, die ihr wegen ihrer ungewöhnlichen Form ganz besonders ans Herz gewachsen war. „Ach, nimm sie nur mit, wenn du sie möchtest.“ Mir war klar, sie war im Begriff eine wahre Heldentat zu verrichten. Ich schaute ihm noch drohend ins Profil, er möchte sich das doch jedenfalls noch einmal einige Zeit lang überlegen, so eindringlich waren meine Gedanken, dass ich fast vermeinte, sie selber laut im Raum zu vernehmen. Doch er hörte und sah gar nichts. Danach ging er ins Nebenzimmer, sein altes Zimmer, noch immer von oben bis unten grün gestrichen, seit er es sich so gewünscht hatte, denn es würde seinen Geist auf eine ganz ungewöhnliche Weise fördern und beeinflussen, wie er sagte. Schon damals, waren seine Äußerungen immer scharfsinnig und unvergesslich gewesen. Er war gescheit, dieser Bruder. Mit den Armen voll Packpapier kam er zurück, und begann die Lampe darin einzuwickeln. Schließlich legte er sie sich über die Schulter und verabschiedete sich. Es wäre spät geworden, und er müsste noch mit dem Zug...Ich bot ihm nicht an, ihn mit dem Auto nach Hause zu bringen, wie ich es sonst oft tat.

Die Gnädige Frau schaltete den Fernseher ein und vertiefte sich in die Ergebnisse der Fußballmeisterschaft. Mit keinem Wort fragte sich mich nach den Beweggründen des Bruders ihr so mir nichts dir nichts die Lampe zu entreißen. Das war ganz gegen ihre Gewohnheiten, liebte sie es doch alles bis ins Kleinste zu besprechen, und besonders Spekulationen über das Warum und Wieso Leute nun dies und das getan hätten, waren ihr ein Genuss. Davon waren die Handlungen meines Bruders normalerweise nicht ausgenommen. Ich konnte mich nicht auf den Bildschirm konzentrieren und schaute zum Fenster hinaus in den Himmel, der sich mittlerweile mit weißen Wölkchen bezogen hatte, die sich als Wollmützen auf den Dächern der Nachbarhäuser niederließen. Nur hier sinken die Wolken so tief, dass sie die Hausdächer berühren, dachte ich mir, und sah unten meinen Bruder weggehen, mit langen Schritten, die Lampe geschultert, als zöge er damit auf Wanderschaft aus.

Ich musste mich sehr zusammennehmen, ihn nicht gleich am selben Abend anzurufen, um ihn zu fragen, wo genau in seiner Wohnung die Lampe nun ihren Platz gefunden hatte. Wer hätte gedacht, dass mich dieses Reisenstreichholz, das ich bisher kaum wahrgenommen hatte, plötzlich sosehr beschäftigen würde. Am nächsten Tag war ich glücklicherweise mit dem Aussortieren und Einordnen hunderter Compactdiscs so beschäftigt, dass ich bald nicht mehr an meinen Bruder und die Lampe dachte. Ich hatte eine neue Lieferung erhalten. Sie müssen wissen, ich besitze ein Geräuscharchiv. Ein-Konzertsaal-vor-Beginn-der-Vorstellung-mit-vierzig-Zuhörern, ein-Theater-nach-der-Vorstellung-mit-zweihundert-Zuschauern, Wind-im-Kornfeld, ein-Marktplatz-in-Asien, ein-Marktplatz-in-Deutschland, Mundharmonikaspiel-in-der-Nacht, Mundharmonikaspiel-auf-der-Straße-tagsüber, ein-Spaziergänger-im-Wald, jemand-schneidet-Äpfel-in-der-Küche. Alle diese Geräusche habe ich, und noch an die zehntausend andere. Für Stammkunden besorge ich auf Bestellung auch immer wieder etwas Neues, sodass die Sammlung stetig wächst, und ich mit Fug und Recht behaupten kann, über eines der umfangreichsten Geräuschlagers des Landes zu verfügen. Journalisten, Radiosprecher, ja manchmal sogar Filmregisseure und Musiker, sie alle versorgen sich bei mir mit den nötigen Hintergrundgeräuschen für ihre Produktionen. Doch als kurz vor Feierabend jemand nach Leuchtröhren-in-leerem-Hörsaal fragte, musste ich unversehens wieder an meinen Bruder denken, und Vaters Lampe. Ich beschloss etwas zu tun, was ich noch niemals getan hatte, meinen Bruder unangekündigt zu besuchen.

Als ich unten stand und auf den Klingelknopf drückte, unter dem ein mir sehr bekannter Nachname stand, bekam ich ein schlechtes Gewissen. War ich hier im Begriff meinen Bruder zu kontrollieren, ihm hinterher zu spionieren, wie ein schlechter Detektiv, tatsächlich bis an seine Tür gekommen, um nachzuschauen, wo er eine Lampe hingestellt hatte? Beschämt ließ ich die Hand sinken in der Hoffnung, dass er nicht daheim wäre, ich vergeblich geklingelt hätte, und er nie erfahren würde, was für eine kleinliche misstrauische Person seine Schwester war, die nur kam ihn zu kontrollieren, im ureigensten Interesse, und keineswegs als der fröhliche Überraschungsbesuch, der sie mit dem Tulpenstrauß im Arm zu sein vorgab. „Ja?“, sagte da eine blecherne Stimme aus der Gegensprechanlage, die ich vage als die meines Bruders erkannte. „Ich bin’s.“, murmelte ich mit der solchen Situationen eigenen Schlagfertigkeit. Unverzüglich ging die Tür auf und knackste es „Komm rauf“ aus dem Apparat. Ich trat ins Vorhaus, noch immer zögernd, obwohl es nun doch keinen Weg mehr gab, der nicht in die Wohnung hinauf führte, wo dieses Streichholz aller Wahrscheinlichkeit nach irgendwo zwischen Esstisch und Klavier aufgestellt sein würde. Der Lift kam gerade an, als ich davor stand, und zwischen den metallenen Schiebetüren trat eine Frau heraus, die, nicht mehr ganz jung, doch auch nicht alt, ein riesiges Streichholz vor sich her trug. Es war nicht verpackt, und sie hielt es etwas ungeschickt, als wüsste sie nicht genau, wo zupacken ohne etwas kaputt zu machen. „Verzeihung.“, bat sie mich, ihr aus dem Weg zu gehen. Vor Schreck war ich wie angewurzelt vor dem Lift stehen geblieben, und hatte mich keinen Millimeter mehr gerührt, um sie vorbeizulassen. „Danke.“, freute sie sich, als ich einen Schritt zur Seite machte, um an ihr vorbei den Lift zu betreten. Während ich nach oben fuhr, sah ich sie und die Lampe noch immer durch die gläserne Eingangstür des Hauses hinaus gehen und übers Trottoir verschwinden. Fassungslos stand ich oben im Korridor, unfähig ein vernünftiges Wort zu fassen. Mein Bruder hatte ein Familienerbstück einfach so weggegeben, verkauft etwa, Vaters Handwerk, Mutters Herzblut verscherbelt für zwei Cents, die wir doch nicht nötig hatten? Ich fühlte, dass ich mich nicht zurückhalten würde können, dass ich durch nichts zu beruhigen sein würde, außer dem Versprechen, dass er die Lampe so schnell es ginge zurückbrächte, und dann nicht in seine Wohnung, oh nein, dort, wo sie hergekommen war und hingehörte, ins Wohnzimmer der Gnädigen Frau musste sie zurück.

„Ist dir nicht gut?“ Mein Bruder lehnte im Türrahmen, ruhig wie immer, in Strumpfsocken, wie immer, wenn er zuhause war. Wütend schob ich ihn zur Seite und drängte mich an ihm vorbei in die Wohnung, ohne abzuwarten, ob er mich zum Eintreten auffordern würde. Meine Schuhsolen klickten nervös auf dem blanken Parkettboden, der immer glänzte, egal ob er ihn sauber machte oder nicht, und bildeten in diesem Moment ein exaktes akustisches Spiegelbild meiner Seele. Viel mehr als ein Klicken im Leeren war in meinem Inneren nicht zu finden, ebenso wenig wie in des Bruders Wohnung natürlich die Lampe zu finden war. Er stand hinter mir im Wohnzimmer, schaute über meine Schulter hinweg scheinbar fragend auf seine eigenen Möbel, „Suchst du was?“ „Und ob ich etwas suche, wo ist die Lampe, was hast du mit der Lampe gemacht, und wer, verdammt noch mal, ist diese zweifelhafte Lady, die ich im Aufzug getroffen habe, sie war doch gerade noch hier, nicht wahr, hat sich das Streichholz geschnappt, unser Streichholz, und wer hat es ihr verscherbelt, ist dir denn nichts mehr heilig, du Gauner, Krimineller, Idiot, was, bitte sehr, ist dein Problem, dass du auf einmal Lampen verkaufen musst?!!!!“ Ja, ich muss es zugeben, ich schrie tatsächlich in diesen zahlreichen Rufzeichen mit ihm, und glauben Sie nicht, dass ich mich danach besser gefühlt hätte. Und er stand da, und nickte langsam. Er hätte gedacht, wir würden es verstehen, sagte er, und es sei ihm keineswegs leicht gefallen. Ganz im Gegenteil. „Und was, bitte sehr, hast du dafür bekommen, und wie viel, wozu brauchst du es überhaupt? Wenn du es wenigstens in ein Museum gegeben hättest, wolltest du das nicht immer, früher? Hast du ihr damit nicht immer in den Ohren gelegen, jahrelang?“ Er verteidigte sich mit keinem Wort, es wäre nicht anders gegangen, meinte er, und gab mir recht in allem. Ich war am Ende, brüllte jetzt hemmungslos, „WAS? Hast du dann dafür bekommen?“ „Ein Geheimnis,“ sagte er. Meine Stimme hatte sich davongestohlen, ich brachte nur mehr eine krächzende Frage, nach der Art dieses Geheimnisses zuwege, und sank auf den Sitzsack, der mitten im Raum lag. „Ein Geheimnis erzählt man nicht weiter.“, sagte mein Bruder.

                                                                                                                             Andrea Grill, Amsterdam, 20.4.2004