Triton geht

September sei der beste Monat zum Schwimmen, sagte er. Wie ein frisch polierter Spiegel habe das Wasser heute Morgen in der Bucht gelegen, glatt und glasklar. Noch mehrere hundert Meter von der Küste entfernt hätte man den sandigen Grund gesehen, wenn man sich auf den Bauch drehte, das Gesicht ins Wasser legte und hinunter schaute. Er schwimme immer, doch am liebsten im September. Es ist gut, dass ihr im September gekommen seid, sagte er. Schade, dass ihr nicht zum Schwimmen gegangen seid. Heute war es perfekt.

Als er dies sagte, kannte ich ihn erst wenige Minuten. Kurz davor, bevor ich die Hand zur Klingel erhob, als ich noch nicht vor seiner Tür stand, doch sie bereits sah, während ich noch unter den hohen Kastanienbäumen des Boulevards spazierte und ab und zu eine Kastanie unter meinen Füßen aus der Schale brach, hatte ich mich gefragt, worüber ich mich mit ihm unterhalten würde. Sobald ich ihm aber gegenüber saß, war es, als hätte ich bereits oft so gesessen, und es gäbe kein Geheimnis, das wir nicht teilten.

Heute sei ein außergewöhnlicher Tag gewesen. Er sei schneller geschwommen als je zuvor und hätte fünftausend Meter in der Zeit zurückgelegt, die er gewöhnlich für dreitausend benötige. Ich müsse wissen, dass er trainiere und ständig bestrebt sei sich zu verbessern, sagte er und drückte mir seine Finger in den Unterarm. Täglich schwimme er dreitausend Meter weit. Heute sei er weiter geschwommen. Weil so ein guter Tag war. Und überraschend und unerwartet hatte er aus dem Nichts eine Zeit hingelegt, die besser war, als alle bisherigen Zeiten.

Er lehnte sich zurück und nahm eine mit dampfender Flüssigkeit gefüllte Tasse vom Regal hinter ihm. „Schokolade, sie ist noch heiß, ich hatte sie gerade gemacht, als du kamst.“ Er saß in einem weichen Sofa mit langer Lehne, die Beine unter einer dunkelblauen samtigen Decke ausgestreckt. Seine ungezwungene Haltung machte mich stutzig. Wer empfing einen Besucher auf dem Sofa liegend, obwohl er weder krank noch schwächlich zu sein schien?

In derselben Haltung hatte ich ihn vorgefunden, als ich eintrat. Er hatte mir sofort die Hand hingestreckt, doch keine Anstalten gemacht sich zu erheben. Wollte ich die Hand ergreifen, musste ich mich ihm nähern. Sobald unsere Hände einander drückten, verbeugte sich der schmale Knabe, der mir die Tür geöffnet hatte, zwei Mal und verließ den Raum.

„Willst du etwas Besonderes sehen?“, fragte er, als ich getrunken hatte. Ich nickte dankbar, neugierig, ob er sich nun endlich erheben würde. Er nahm eine flache Scheibe vom Regal. In der Mitte der Scheibe war ein roter Knopf, den er mit dem Daumen drückte. Ehe ich wusste, wie mir geschah, hob sich die Ecke des Zimmers, in der wir saßen. Unter uns tat sich der Fußboden auf und gab eine Wasserfläche frei, ein Schwimmbecken. „Hier trainiere ich“, sagte er. „Hier ist die Stätte meines heutigen Triumphs.“ Eine eigenartige Gespanntheit in seinem Gesicht verbat mir, meiner Verwunderung darüber Ausdruck zu verleihen, dass er zwar vom Meer schwärmte, offensichtlich aber niemals draußen schwamm, nicht einmal heute, an dem herrlichsten Tag des herrlichsten Monats.

„Wofür trainieren Sie?“, fragte ich ihn. „Gegen wen schwimmen Sie?“. Er zögerte, lehnte sich ins Kissen und streckte den Arm nach hinten, um eine weitere mit dampfender Flüssigkeit gefüllte Tasse vom Regal zu nehmen. „Mögen Sie Schokolade?“, fragte er und schaute beiläufig in meine Tasse. „Ich werde Ihnen mein Dilemma erklären“, sagte er. „Ich schwimme keine Wettbewerbe gegen andere. Mein einziger Gegner bin ich selbst. Wer gegen sich selbst spielt, ist sicher, immer Verlierer zu bleiben. Nur wer gegen andere spielt, hat die Chance manchmal zu gewinnen.“ Ich muss einigermaßen durcheinander ausgesehen haben, denn er legte seine Hand auf die meine und fuhr fort, bevor ich etwas sagen musste, „Ich werde dir mein Geheimnis verraten, doch wenn du es ausplauderst, wird es dir das Leben kosten.“

Er trainiere, weil er hier fort müsse, sagte er, und sein Gesicht wurde eine Maske. Die zurückzulegende Distanz sei zweitausendneunhundertfünfzig Meter – die Entfernung von der hiesigen Küste bis zum Nachbarland. Nur wenn er diese Strecke schneller als jeder andere Schwimmer der Welt zurücklegte, würde er das andere Ufer lebend erreichen. Er müsse fort, er könne hier nicht bleiben. „Sie wissen, dass wir einen Diktator hatten“, erinnerte er mich. „Der hasste mich und sperrte mich in mein eigenes Haus. Dreißig Jahre lang lebte ich eingeschlossen, setzte keinen Fuß vor die Tür.“

Eines Tages sah er, den Tod riskierend - denn es war verboten ausländische Sender zu empfangen - die Schwimmweltmeisterschaften im Fernsehen, und kam auf die Idee, ein Schwimmbad unter seinem Wohnzimmer einzubauen. Er würde trainieren; das Haus verlassen; den Diktator verlassen; in die Freiheit schwimmen, den Kanal durchschwimmen, der dieses Land von den anderen trennte. Der Diktator wusste um die Verlockungen dieses Kanals und hatte unter der Wasserlinie Sensoren anbringen lassen, die nur auf menschliche Schwimmer reagierten, diese an ihrer Schwimmgeschwindigkeit erkannten, die keinem Fisch oder Delphin gleichkam. Sie leiteten Signale an Scharfschützen weiter, die unfehlbar jeden Schwimmer für immer ins Wasser holten. Nur wer schneller war, als der schnellste Mensch der Welt, überlebte es. Nur wer schwamm, wie ein Delphin.

Er trainierte dreißig Jahre lang, und dreißig Jahre lang war er zu langsam. Dann starb der Diktator. Die Sensoren wurden vom Nachbarland aus dem Wasser geholt und als Andenken an die Diplomaten der umliegenden Staaten verschenkt. Sie sahen aus wie die silbrigen Girlanden, die man mancherorts im Winter durch Nadelbäume webt.

Nun hätte er schwimmen können, auch wenn er nicht der schnellste der Welt war. Doch inzwischen war etwas Furchtbares geschehen. „Willst Du es sehen?“, fragte er, nach meiner Hand fassend, als hätte ich bereits dreißig Jahre lang in seinem Wohnzimmer gesessen und auf die Wasserfläche dieses Schwimmbeckens gestarrt. Ich nickte, und er zog die Decke von seinen Beinen. Die Beine unter der Decke waren nackt und bläulich, aber das war es nicht, was er mit furchtbar gemeint hatte. Zwischen seinen Beinen lag eine dicke beschuppte Membran, die sich spannte, als mein Blick auf sie fiel. Von den Füßen hingen Fetzen loser Haut, die sich aufrichteten, als er zu mir sprach, und eindeutig als Flossen erkennbar wurden. Das Wasserleben hatte seine Beine in einen Fischschwanz verwandelt.

„Jetzt bin ich der schnellste Schwimmer der Welt. Niemand ist schneller als ich, und niemand verbietet mir das Haus zu verlassen. Trotzdem sitze ich fest. Da ich nicht mehr gehen kann, ist das Meer in unerreichbare Ferne gerückt. Und was glauben Sie, würde ein Fahrer zu einem Fischleibigen sagen, der sich im Staub zum Bus wälzt?“ So bliebe ihm nichts anderes, als gegen sich selbst zu schwimmen. Heute habe er gewonnen. Heute sei ein besonderer Tag. Heute sei ich gekommen.

Um nicht für nichts gekommen zu sein, schlug ich ihm vor, ein Taxi zu nehmen. Ich würde ihn samt seiner Decke hinunter tragen, und der Taxifahrer wüsste von nichts. Mit einem Schrei, der das Wasser zum Kräuseln brachte, fiel er mir um den Hals, drückte den roten Knopf in der flachen Scheibe, und das Becken verschwand im Boden. „Gehen wir“, sagte er, als unsere Sitze sich wieder auf der ursprünglichen Höhe befanden. Ich rief ein Taxi. Innerhalb weniger Minuten, während derer er sich von dem schmalen Knaben einen Beutel bringen ließ, in dem sich, wie er mir erklärte, Schwimmbrille und –kleidung befanden, stand das Taxi vor dem Haus. Ich trug ihn die Treppe hinunter und legte ihn auf die Rückbank. Den Schwimmbeutel legte ich auf seinen Bauch. Zum Abschied küsste er mir die Hand. Ich bezahlte den Fahrer und winkte. Aber schon nach wenigen Metern hielt er wieder. Der Fahrer beugte sich aus dem Fenster und bedeutete mir einzusteigen. „Er will, dass Sie mitfahren.“ Auf dem Rücksitz bewegte er den Fischschwanz unter der Decke und lächelte.

Am Strand hob ich ihn aus dem Taxi und legte ihn in den Sand. Er kroch unter seine Decke und zog sich um. Dann rollte er ins Wasser und tauchte. Einige hundert Meter vom Ufer entfernt hob er den Arm und winkte. Ich saß im Sand und winkte zurück. Ich weinte ein bisschen, denn ich vermisste ihn schon, obwohl ich ihn gestern noch gar nicht gekannt hatte. Ich saß im Sand bis ich einschlief und umfiel. Als ich erwachte, drängte sich etwas Nasses an meine Seite. Ich blinzelte und sah, dass er es war. „Ich lebe noch“, sagte er. „Ich lebe noch, und ich bleibe hier.“

 

 

Tirana, 5. – 18. September 2005